Abed* (13) blickt aus dem Fenster. Draußen ist es hanseatisch grau. "Heute ist Dienstag. Das Wetter ist gut. Kein Regen", sagt er. Unsicher reibt er dabei die Hände aneinander. Deutschlehrerin Ronja Strehlow nickt zustimmend. Der Wetterbericht gehört zum Morgenritual in der internationalen Vorbereitungsklasse an der Hamburger Stadtteilschule in Barmbek. Genau wie die logo-Kindernachrichten. Zehn Minuten lang flimmern bunte, leicht verständliche Nachrichten über die digitale Tafel.

Der Unterricht erinnert auch sonst an Grundschulpädagogik. Jeder Schüler lernt nach seinem individuellen Wochenplan. Denn Differenzierung ist in der Vorbereitungsklasse nicht nur ein moderner Unterrichtsstil sondern alternativlos. Zu unterschiedlich sind die Voraussetzungen der 16 Schüler zwischen 12 und 15 Jahren.

"In der sechsten Stunde überprüfe ich den ersten Teil der Wochenaufgaben", sagt die Lehrerin, nachdem sie die Kindernachrichten ausgeschaltet hat. Die Schüler kramen Deutschbücher aus ihren Taschen, suchen Stifte und blättern in Mappen. Andere holen sich aus einem Wäschekorb CD-Player, um Sprach-CDs anzuhören. Jeder Schüler arbeitet an seinen eigenen Aufgaben selbstständig. Die einen vervollständigen einfache deutsche Sätze. Andere schreiben einen Brief an einen fiktiven Freund auf dem Mars, erzählen von der Erde, von ihren Hobbys.

Auf einer Weltkarte an der Wand haben die Jugendlichen ihre Heimatländer markiert, Irak, Syrien, Afghanistan, auch in Afrika und China stecken kleine Fähnchen. Einige von ihnen sind erst zwei Monaten in Hamburg, andere schon anderthalb Jahre. Es gibt Kinder wie Abed in der Klasse, die monatelang allein vor Krieg und Terror auf der Flucht waren. Zwei Mädchen aus China haben hingegen Eltern, die aus beruflichen Gründen nach Deutschland kamen. Abed wird bald fließend Deutsch sprechen. Um die Schulkarriere mancher anderer macht sich Strehlow jedoch große Sorgen. Aber alle sollen schnell Deutsch lernen, damit sie bald in eine Regelklasse wechseln können.

Ein Drittel der Neuankömmlinge ist schulpflichtig

Mindestens 320.000 neue Schüler müssen laut Kultusministerkonferenz (KMK) in Deutschland in Willkommensklassen, Sprachlernklassen oder Vorbereitungsklassen (so heißen sie in Hamburg) auf den normalen Schulalltag vorbereitet werden. Denn ohne Sprachkenntnisse wird ihre Integration kaum gelingen. Auf dem Stundenplan steht vor allem Deutsch und Landeskunde. Dazu gibt es ein bisschen Mathe, Englisch, Sport oder Musik. Aber jedes Bundesland hat eigene Regeln, manchmal sogar jede Schule.

So können junge Flüchtlinge in Berlin, Hamburg und dem Saarland sofort nach ihrer Ankunft eine Schule besuchen, in Bayern und Thüringen erst nach drei Monaten. Die Dauer der Klassen variiert ebenfalls von sechs bis 18 Monaten. An den meisten Schulen gibt es Extraklassen für junge Migranten, die, nachdem sie Deutsch gelernt haben, auf die Jahrgänge verteilt werden. Doch es gibt auch "teilintegrative" Ansätze, in denen die Schüler schneller den normalen Unterricht besuchen und zusätzlich Deutsch lernen.

"Welcher Weg nun der beste ist, kann noch niemand beantworten. Die Datenlage ist nicht umfassend genug für endgültige Empfehlungen oder eine langfristige Bildungsplanung", sagt Viola Georgi, Leiterin des Zentrum für Bildungsintegration an der Uni Hildesheim. Sie selbst plädiert allerdings für eine schnelle Integration in den Schulalltag. So können die Kinder sich schneller zugehörig fühlen und in Kontakt mit deutschsprachigen Schülern kommen. Die Sprache lerne man schließlich nicht nur im Klassenzimmer, sondern auch auf dem Pausenhof, sagt Georgi. An vielen Schulen wurden dafür Patenprogramme geschaffen. An der Stadtteilschule Barmbek werben Arbeitsgemeinschaften wie der Schulchor um die neuen Schüler.

Geduld und pädagogisches Fingerspitzengefühl

Neben der Vorbereitungsklasse gibt es auch eine Alphabetisierungsklasse in der Barmbeker Schule. Hier zeigt sich, wie viel Geduld und pädagogisches Fingerspitzengefühl die Lehrer aufbringen müssen, um die Kinder zu integrieren. In Hamburg wurde die Alphabetisierungsklasse für Kinder eingerichtet, die bislang keine lateinische Schrift kannten oder noch nie eine Schule besucht haben. Sie ist eine Vorstufe zur Vorbereitungsklasse. An Wochenarbeitspläne und Kindernachrichten ist in der Klasse von Annelie Hobohm kaum zu denken. Es geht langsam voran: Wird Esel mit e oder i geschrieben? Wie stellt man sich vor? Wie fragt man nach dem Weg?

Außerdem fällt es hier vielen Kindern schwer, sich an den Schulalltag anzupassen. "Es sind die kleinen Erfolge, die hier zählen: pünktlich zur Stunde kommen, regelmäßig Hausaufgaben machen, einfache Dialoge in korrektem Deutsch führen", sagt die Pädagogin. In ihrer Klasse ist die Fluktuation der Schüler groß, bis zu zehn Kinder kommen pro Jahr dazu. Andere verlassen die Klasse, weil sie zurück in die Heimat müssen oder in Vorbereitungsklassen wechseln.