Die Schulfrage: Mein Kind wurde dieses Jahr eingeschult und besucht mit viel Freude und Wissensdrang die erste Klasse. Nach drei Monaten Anfangseuphorie schwindet die Motivation nun schon leicht. Und das nicht aufgrund der Inhalte, sondern aufgrund von Regeln innerhalb des Schulalltages, die meines Erachtens teilweise schon die Grundrechte der Kinder untergraben, weil sie in bestimmten Pausen nicht essen und trinken dürfen. Wenn es zur Pause klingelt, müssen sie noch am Platz sitzen bleiben, und zwar so lange, bis die gestellte Aufgabe beendet ist. Nur wer fertig ist, darf spielen gehen. Das ist eine der Regeln, die mein Kind demotivieren. Wie gebe ich den Lehrern am besten Feedback? Und wie erhalte ich meinem Kind die Motivation und dabei die Achtung vor dem Lehrer?

Ihre Frage ist sehr wichtig – und sie beschäftigt viele Eltern. Wir haben uns ja daran gewöhnt zu denken, dass es unserem Kind am besten geht, wenn es möglichst selten Einschränkungen erlebt, wenn es möglichst wenige Regeln einhalten muss, wenn es seinen Interessen und Bedürfnissen möglichst ungestört nachgehen kann.

Nun funktioniert menschliche Gesellschaft bekanntlich am besten, wenn alle ihre Mitglieder gewisse Regeln des Miteinanders einhalten. Einige davon befolgen wir spontan gerne, an andere müssen wir uns über längere Zeit erst gewöhnen, bei manchen fällt das richtig schwer. Deshalb hat sich in allen Kulturen der Welt Ähnliches ergeben: Man gewöhnt die Heranwachsenden schon früh an solche Grundregeln. Als Mutter haben Sie das im familiären Rahmen ja auch bereits getan: Sie haben bestimmte Gewohnheiten erklärt oder Verbote ausgesprochen – und bestimmte Verhaltensweisen einfach erwartet.


Die Schule ist für Ihr Kind nun eine neue Stufe des allmählichen Erwachsenwerdens. Im Unterschied zur Familie muss es hier auch mit Kindern auskommen, die ihm nicht gefallen; es muss Aufgaben erfüllen, zu denen es vielleicht bisweilen keine Lust hat; und es soll sich nach Regeln richten, die ihm gerade nicht passen oder die es momentan nicht einsieht.

Gewöhnung an das soziale Miteinander

Nicht nur die Erfahrung besagt aber, dass diese Konfrontation für das kindliche Gemüt keineswegs schädlich ist – selbst dann nicht, wenn die ein oder andere Regel nicht der Weisheit letzter Schluss sein sollte. Schaden entsteht erst dann, wenn man sein Kind in etwaigem akuten Unmut bestärkt: Dann misslingt nämlich die Gewöhnung ans soziale Miteinander. Und diese Gefahr lauert: Weil wir Eltern unseren Sprössling vielleicht insgeheim bedauern oder um sein Entwicklungswohl fürchten, weil wir ihn gar in seinen Grundrechten tangiert sehen (welch hoher Begriff!) – und dem Lehrer mal die Augen öffnen wollen.

Eltern, die wissen, dass Widerstände, wie der Erziehungswissenschaftler Hermann Giesecke sagt, "eine Gelingensbedingung des Reifens" sind, würden vermutlich anders reagieren. Sie würden es begrüßen, dass das Leben dem Kind nun gewisse Widrigkeiten präsentiert. Auch Alfred Adler, der Begründer der Individualpsychologie und frühe Entdecker der Verwöhnungsfalle, hielt ja bewältigbare Schwierigkeiten für das Beste, was eine gute Fee einem Kind in die Wiege legen könne.

Solche Eltern würden hin und wieder beiläufig einfließen lassen, dass man in der Schule eben manchmal warten müsse, dass es auch lästige Regeln gebe. Aber dass diese Ordnung eben nötig sei, weil so viele verschiedene Kinder miteinander lernen. Und dass doch gerade die Vielfalt so interessant für einen selbst sei. Vielleicht gäben sie auch noch etwas anderes zu bedenken. Würde man die Schule nämlich so einrichten, dass sie jedem Kind dauernd gefallen würde, dann bräuchte jedes Kind seinen eigenen Lehrer – und die Schule würde so teuer, dass sie nur für wenige Familien erschwinglich wäre.

Wir Erwachsenen sollten uns sicher sein, dass sich gelegentliche Schwierigkeiten und Enttäuschungen nicht nur nicht umgehen lassen; sie sind auch entwicklungsförderlich. Nur unter Anforderungen entsteht Ausdauer, nur mit Einschränkungen gewinnt ein Kind Belastbarkeit, nur im Akzeptieren und Bewältigen von Widrigkeiten entsteht die so kostbare Frustationstoleranz. Also: Nicht die Schwierigkeiten der Eingewöhnung unnötig fokussieren, sondern den Zugewinn würdigen – und die Perspektive ausmalen.

Das alles gilt natürlich nur, wenn die Eltern sicher sind, dass es in der Klasse einigermaßen gerecht zugeht und keine Menschenrechtsverletzungen vorliegen.