ZEIT ONLINE: Frau Decristan, inzwischen gilt laut Kultusministerkonferenz schon jede zweite Schule in Deutschland als eine Ganztagsschule. Sie haben an einer Befragung der Ganztagsschulleiter mitgewirkt. Sind viele dieser Schulen Mogelpackungen, also eher Halbtagsschulen mit gelegentlicher Betreuung am Nachmittag?

Jasmin Decristan: Es gibt in den Bundesländern eine schwer überschaubare Vielfalt an Schulmodellen. Und diese Vielfalt in der Ganztagsschullandschaft hat seit 2012 weiter zugenommen. Die KMK hat für eine Ganztagsschule Mindestkriterien definiert: Sie muss wenigstens drei Tage in der Woche sieben Zeitstunden offen sein, ein Mittagessen anbieten und sie sollte eine konzeptionelle Verknüpfung zwischen Ganztagsangeboten und Unterricht herstellen. Die Hälfte der Ganztagsschulleiter sagt jedoch: Angebot und Unterricht werden nur selten vernetzt.

ZEIT ONLINE: Wie wichtig ist diese Verknüpfung für die Erwartungen, die neben verlässlicher Betreuung an die Ganztagsschulen gestellt werden: Chancengleichheit etwa oder individuelle Förderung?

Decristan: Es können beispielsweise Lernerfahrungen aus dem Unterricht in die Ganztagsangebote integriert werden – und umgekehrt. So vertiefen die Schüler am Nachmittag, was sie am Vormittag gelernt haben. Oder sie erleben am Nachmittag etwas, das die Lehrer im Vormittagsunterricht aufgreifen können. Zum Beispiel kann das, was ein Schüler in Mathematik gelernt hat, in Förderangeboten noch einmal erklärt oder bei besonderem Interesse in mathematischen Workshops vertieft werden. Oder der Theaterkurs studiert Romeo und Julia ein, während im Deutschunterricht Shakespeare gelesen wird.

ZEIT ONLINE: Die Zahlen der Befragung sagen auch, dass nur die Hälfte der Schüler an Ganztagsschulen an den Angeboten teilnimmt. Das erschwert eine solche Verknüpfung. Ist also an den meisten Schulen auch der Rhythmus noch der alte? Vormittags gibt es Unterricht und am Nachmittag Ganztagsangebote?

Decristan: Ja, nur ein Viertel der Primarschulen und Sekundarschulen (ohne Gymnasien) sowie ein Fünftel der Gymnasien bieten eine Rhythmisierung an. Dabei ist sie eine der wesentlichen Chancen der Ganztagsschule. Die Schüler können das Lernen und ihre Erfahrungen miteinander in Verbindung setzen. Außerdem wechseln sich Lern- mit Erholungsphasen ab.

ZEIT ONLINE: Gibt es noch weitere Unterschiede zwischen Grundschulen, Sekundarschulen und Gymnasien?

Decristan: In den Sekundarschulen werden neben den Unterrichtsfächern eher soziale, erzieherische und zum Beispiel berufsvorbereitende Angebote gemacht. In den Gymnasien liegt die Priorität neben kulturellen Angeboten, eher auf Kursen, die mit den Schulfächern zu tun haben: mathematische oder fremdsprachliche etwa. Sport wird in allen Schulformen viel angeboten.

ZEIT ONLINE: Wie zufrieden sind die Schulleiter mit ihrer Ausstattung?

Decristan: Insgesamt hat sich die materielle Ausstattung verbessert im Vergleich zu 2012. Aber trotzdem sagt ein Viertel der Schulleiter, es reiche nicht. Viele klagen auch über zu wenig Platz und zu wenig Personal. Vor allem beim Thema Inklusion sagen drei Viertel der Schulleiter, ihnen fehlten Lehrer, Erzieher und Sozialarbeiter.

ZEIT ONLINE: Kann die Ganztagsschule also das Versprechen, für mehr Chancengleichheit und bessere individuelle Förderung der guten und schlechten Schüler nicht erfüllen?

Decristan: Es ist durch den erweiterten zeitlichen Rahmen immerhin das Potenzial für mehr Chancengleichheit und individuelle Förderung da. Aber wir wissen, dass das Lernen an der Ganztagsschule nicht pauschal bedeutet, dass sich die Leistungen verbessern. Die hängen immer von der pädagogischen Qualität der Schule ab. Wie wird die Zeit genutzt? Wie knüpft der Lehrer an das Vorwissen des Schülers an? Aber darüber können wir in der Schulleiterbefragung nichts erfahren. 

Wichtig für mehr Chancengleichheit wäre allerdings auch, dass die Angebote kostenlos sind. In der Primarschule gibt es hierzu eine positive Entwicklung, aber immer noch in etwa der Hälfte der Primarschulen ist die Teilnahme am Ganztag mit Kosten verbunden.

ZEIT ONLINE: Plädieren Sie dafür, Ganztagsschulen für alle verpflichtend anzubieten?

Decristan: Nein, es liegt mir fern, in familiäre Entscheidungen oder in die Hoheit der Länder eingreifen zu wollen. Ich würde eher für mehr Transparenz plädieren. Eltern müssen wissen, womit sie rechnen können und worauf sie achten sollen.