Für die gemeinen Lehrer in Stadt und Land hat eine ganz normale Woche begonnen: Sie leisten mehr Unterrichtsstunden als Pädagogen in anderen Ländern, reden mit anspruchsvolleren Eltern als andernorts und stöhnen über der Erlassvielfalt. Dass in Berlin ab Donnerstag ein Weltlehrergipfel – genauer: ISTP (International Summit on the Teaching Profession) – stattfindet, wird sie zunächst nicht jucken. Ihr Alltag wird so schön oder schwierig, so erträglich oder unbewältigbar wie immer sein. Ob und wann diese Konferenz für ihre zukünftige Praxis Folgen hat, ist ungewiss. Immerhin: Unter ZEIT-Lesern gab es trotzdem eine interessante Vorlaufdebatte.

"It's the teacher" … Stimmt diese Formel eigentlich?

Auf die Lehrer kommt es an – darum geht es in der Konferenz, und diese Erkenntnis ist spätestens seit der Hattie-Studie auch bei uns angekommen. Lehrer, die verständlich erklären, Disziplin herstellen und die Perspektive der Schüler einnehmen können, erreichen mehr als kleine Klassenzimmer oder jahrgangsübergreifendes Lernen.

Die Leser von ZEIT ONLINE wittern dabei allerdings auch "politische Propaganda" und "ein vergiftetes Kompliment an das Personal, wenn der Zug kaputt ist". Ein Lehrer schreibt: "Sachsen-Anhalt hat den Teiler abgeschafft, ab dem Klassen geteilt werden müssen, um nicht zu viele Kinder in einer Klasse zu haben. Jetzt schaut man also, wie man die Verantwortung auf die Lehrer abwälzen kann, wenn es nicht funktioniert." Also gilt doch eher: It's the politician?

Vielleicht machen die Politiker es sich tatsächlich ein bisschen leicht. Trotzdem: Auch wenn alle Klassen klein, alle Medien top und alle Kultuserlasse optimiert beziehungsweise minimiert wären, würden manche Schüler gut unterrichtet, andere schlecht, hätten manche feinfühlige Lehrer, andere unsensible. Gerade nach dem Verwirrspiel der jahrzehntelangen Reformhuberei im Schulwesen ist es wichtig, sich über die Kriterien für gute Lehrpersonen klar zu werden – warum nicht auch durch internationalen Austausch?

Hätte die Bildungsszene schon früher über den Tellerrand geschaut, wären die Hattie-Kriterien für Lehrerprofessionalität schon längst auch hierzulande bekannt gewesen. Wobei sich Bayern solches Enrichment aus Übersee hätte sparen können: Dort hatte Franz E. Weinert bereits vor 30 Jahren als einziger Deutscher empirisch geforscht – und die Irrtümer vieler Bildungsreformer widerlegt.

Wir dürfen uns also ruhig mal auf die Frage nach der Lehrerprofessionalität konzentrieren. Denn gerade wenn Schulen und Ressourcen suboptimal bis marode sind, kann das pädagogische Personal Enormes, ja schier Unglaubliches bewirken – wenn es gut ist.

Bringt's das überhaupt, eine Expertenkonferenz?

Das kommt natürlich darauf an, wen man als Teilnehmer dorthin einlädt. Repräsentanten von Wirtschaftsverbänden mögen zwar Abnehmerwünsche formulieren, können aber nichts dazu beitragen, die Schüler dort hinzuführen. "Schule ist schließlich kein Wirtschaftsunternehmen, Lehrer und Eltern brauchen kein Marketinggeschwätz", so das deutliche Urteil eines Lesers. Gewerkschaftsvertreter kennen die Belastungen ihrer Klientel, sind aber nur selten Fachleute in Sachen Lernwirksamkeit und Beziehungsqualität. Sie wissen oft nur noch aus der Erinnerung oder vom Hörensagen, wie sich Praxis anfühlt, was in einer Klasse geht und was nicht.

Bleiben die Schulpraktiker, die Macherinnen und Macher. Ein Leser fragt: "Wer hat die Praktiker ausgewählt?" Gut wäre ja, es träten nicht nur Lehrer aus Preisträgerschulen auf – bei denen doch keineswegs immer klar ist, ob dort nur das Klima und die Hochglanzbroschüre stimmt oder auch die fachlichen Leistungen hervorragen, und ob die Leuchttürme auch im Alltag, an der Durchschnittsschule funktionieren.

Nicht zuletzt wären als Teilnehmer Lehrerausbilder vonnöten – aber möglichst nur solche, die das Dollase-Kriterium erfüllen. Der Erziehungswissenschaftler Rainer Dollase hat gefordert, alle mit Lehrerausbildung Betrauten müssten verpflichtet sein, jährlich einen Monat lang selbst eine schwierige Mittelstufenklasse zu unterrichten. Dann blieben dem Schulwesen viele Irrwege und Sackgassen erspart.