Die Wiehagen-Grundschule in Gelsenkirchen befindet sich in einem schmucken Backsteinbau aus dem 19. Jahrhundert. Das Gebäude hat schwere Holztüren und helle Treppenaufgänge, aber zu wenig Platz. "Dies ist der einzige Besprechungsraum", sagt Martina Sundheim, die kommissarische Schulleiterin, entschuldigend, als sie in ihr kleines Büro bittet. Aber das ist nicht Sundheims einziges Problem. Natürlich lernen die Kinder in ihrer Schule Lesen, Schreiben und Rechnen, Musizieren, Gestalten und Turnen. Aber die Schule muss noch viel mehr leisten: Kinder sollen hier Entwicklungsdefizite aufholen und die deutsche Sprache lernen, Probleme sollen erkannt werden und die Lehrer darauf reagieren. Gleichzeitig soll jedes Kind seinen besonderen Begabungen nachgehen können. Komplexe Aufgaben, für die es Lehrerteams, Unterricht in kleinen Gruppen und die Zusammenarbeit mit den Eltern braucht.

Um allen Kindern gerecht werden zu können, kümmert sich Sundheim um viele Projekt auf einmal. Es gibt eine Potenzialförderung, ein spezielles Kunstangebot, internationale Förderklassen und ein Theaterprojekt mit einer Schauspielerin. Schon bald soll noch ein Elterncafè dazukommen. Die Schule als Reparatur- und Förderanstalt der Gesellschaft.

Denn Deutschland hat ein Problem: All die Kindertagesstätten, Schulen und sonstigen Bildungseinrichtungen versprechen keinen sozialen Aufstieg mehr. Über Generationen konnten Eltern damit rechnen, dass es ihre Kinder einmal besser haben würden als sie selbst – weil aus armen Kindern Facharbeiter wurden und aus Arbeiterkindern Akademiker. Das ist nicht mehr so. 2012 verglich die OECD die Aufstiegschancen in ihren 34 Mitgliedstaaten. Das Ergebnis: In den meisten Ländern verbessert sich der Bildungsstand von Generation zu Generation. In Deutschland jedoch gilt das nur für 20 Prozent der jungen Menschen, im Durchschnitt aller OECD-Staaten sind es 28 Prozent. Gleichzeitig haben besonders viele junge Menschen einen schlechteren Bildungsabschluss als ihre Eltern, nämlich 26 Prozent. Per Saldo gibt es also mehr Ab- als Aufsteiger.

Der Staat muss früh ansetzen

In Deutschland ist es besonders für Kinder aus armen Verhältnissen schwierig, in der Schule mitzukommen. Einen Hinweis darauf gaben die Pisa-Studien: Mehr als in anderen Ländern haben die Leistungen von Schülern mit ihrer Herkunft zu tun und damit, ob sie zu Hause gefördert wurden. "Wir erleben Kinder in der ersten Klasse, die nicht wissen, wie man einen Stift hält", sagt Grundschullehrerin Sundheim.

Der Staat muss also früh anfangen, sich um Kinder mit Defiziten zu kümmern. Wenn Kinder die deutsche Sprache nicht sprechen, lasse sich das durch eine gezielte Förderung in der Grundschule noch auffangen, sagt Sundheim. Schwierig wird es, wenn Kinder in ihrer gesamten Entwicklung verzögert sind. "Ob ein Kind in einer Kita war oder nicht, merken wir hier sofort", sagt die Schulleiterin.

Auch die Kitas haben in den letzten Jahren immer mehr Aufgaben übernommen, gerade im Umgang mit Kindern von Zuwanderern. Kinder integrieren sich leichter als Erwachsene, lernen schneller die Sprache, wenn man früh damit anfängt, und das hilft auch den Eltern. "Viele Eltern aus anderen Kulturen lernen hier zum ersten Mal Spielzeug kennen", sagt Katrin Pothmann, die eine Kita in Gelsenkirchen leitet. Viele der Mütter und Väter erwarteten gar nicht, dass der Staat ihnen Angebote mache, die bei der Erziehung helfen können. Oder sie fänden sich im Dschungel der vielen Angebote nicht zurecht. Darum organisiert Pothmann Aktionen, bei denen die Eltern dabei sein können. Immer treffen sie sich an der Kita und gehen dann gemeinsam los. "Sonst klappt das nicht", sagt Pothmann. Denn manche Eltern seien Analphabeten und würden eine Wegbeschreibung nicht verstehen.