Die Schulfrage: "Es geht um meinen Neffen. Meine Schwester hat ihn mit 15 Monaten adoptiert. Er ist aufgeweckt, testet aber auch seine Grenzen und widerspricht gerne. In der Schule hatte er einen schlechten Start. Die Lehrerin war bald so genervt, dass er die ersten zwei Jahre fast nur auf dem Flur verbracht hat. Nach einem Schulwechsel war er neu motiviert und sein Lehrer kam gut mit ihm zurecht. Jetzt beginnt wieder eine Phase, in der er nicht mitarbeitet, träumt, Lehrer und Eltern an den Rand der Verzweiflung treibt. Wie soll und kann das weitergehen? Er ist erst zehn Jahre und hat ja noch einige Jahre vor sich."

Sie haben Recht: Seit vier Jahren in der Schule, und nur schlechte Erfahrungen gemacht – das muss einen anrühren, da muss doch was zu machen sein! Allerdings: Einem "schwierigen" Kind zu helfen ist oft vertrackter, als einem lieb ist. Schon manch ein Wohlmeinender hat sich an einer solchen Hilfsaktion verhoben, die Lage vielleicht gar verschlimmert. Weil er nicht verstand, was den Wildfang innerlich bewegt; weil ihm nicht gelang, die Welt aus dessen Augen zu sehen.

Privat sei er ein aufgeweckter, in der Schule aber gerne ein aufmüpfiger Junge, sagen Sie. Man fragt sich sofort: Warum muss ein intelligentes Kind gleich zu Schulbeginn lustlos und voller Unruhe sein? Sicher, es ist nicht auszuschließen, dass seine erste Lehrerin keinen guten Draht zu ihm gefunden hat. Aber könnte es nicht auch sein, dass der quirlige Erstklässler selbst schon Sorgen mitgebracht hat?

Dass ihr Neffe ein Adoptivkind ist, muss kein Problem sein. Es kann aber als ungünstige Ausgangslage gewirkt haben. Vielleicht konnte der Junge im ersten Lebensjahr, vor der Adoption, keine sichere Erstbindung, kein Urvertrauen entwickeln – und fühlte sich deshalb den Anforderungen der Schule nicht gewachsen. Vielleicht hatte die aufnehmende Familie auch unbewusst Mitleid mit ihm, wollte deshalb besonders gut zu ihm sein, hat ihn beziehungsmäßig verwöhnt – weshalb er nicht robust genug für den sogenannten Ernst des Lebens wurde.

Es ist vielerlei, was ihm in der Schule zu schaffen machen könnte. Manche Kinder wirken zwar spontan pfiffig; aber sorgfältiges Üben und systematisches Lernen fällt ihnen schwer. Andere zweifeln insgeheim an ihrer Intelligenz; sie fühlen sich im Vergleich mit Mitschülern unsicher und sichern sich die soziale Beachtung durch allerlei Mätzchen. Wieder andere vermissen die Mittelpunktstellung aus der Familie. Klar, dass sie revoltieren, sobald sie abwarten, still sein, aufpassen sollen. Passt eine dieser Möglichkeiten wohl zu Ihrem Neffen?

Die innere Strategie verstehen

Es ist nicht einfach, den Lernstil eines Kindes zu ändern. Zuerst müssen Eltern und Lehrer seine innere Strategie verstehen, so dass sie sagen können: "An deiner Stelle würde ich ebenso handeln wie du!" Dann erst können sie Ideen dazu entwickeln, wo ein für das Kind gangbarer Ausweg liegen könnte – und die richtige Tonlage finden, es dorthin zu ermuntern. Ein feinfühliger Lehrer würde das Kind zunächst spüren lassen, dass er es mag; dann wäre er darauf bedacht, ihm erste kleine Erfolgserlebnisse zu verschaffen. Ganz allmählich würde er die Anforderungen an ihn steigern. Und irgendwann, in einer günstigen Situation könnte der Lehrer sagen: "Weißt du, ich staune, wie viel Kraft in dir steckt. Bisher hast du wahrscheinlich gedacht, du hättest nur dann genug Beachtung, wenn du Unsinn treibst – dabei liegt dir das Ernsthafte anscheinend noch besser."

Solche Bildungswenden sind möglich. Manchmal braucht man dazu professionelle Hilfe. Vielleicht konsultieren Sie zunächst eine schulpsychologische Beratung? Aber auch entsprechend geschulte Pädagogen können Wunder bewirken, ohne Krankheitsdiagnose und Medikamente. Ihrem Neffen wäre ein Lehrer zu wünschen, der sich nicht über ihn ärgert, sondern seine innere Not versteht – ihn aber auch mit sicherer Hand dort herausführt.