Vor 15 Jahren offenbarten die Pisa-Tests massive Defizite im deutschen Bildungssystems. Und auch in der Gegenwart gibt es Kritik: Laut OECD tut sich Deutschland bei der Bildungsgerechtigkeit noch immer schwer. Trotz Verbesserungen sei der Bildungserfolg der Kinder noch zu stark an den sozialen Status der Eltern gekoppelt.

Eine neue Studie des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) kommt nun zu einem anderen Schluss. Demnach sind die Aufstiegschancen besser als vermutet. Die Kopplung an den Status der Eltern nehme ab, heißt es im Report Bildungsgerechtigkeit in Deutschland. Die Studie wurde im Auftrag der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) durchgeführt.

Die Autorinnen der Studie, Christina Anger und Anja Katrin Orth, fassten für ihren Bericht ältere Bildungsstudien und eigene Berechnungen zu Themen wie Einkommen, soziale Durchlässigkeit und Perspektiven von Hochschulabsolventen zusammen. "Seit dem Schock der ersten Pisa-2000-Erhebung haben sich wichtige gerechtigkeitsrelevante Aspekte beim Zugang zu Bildung verbessert", lautet ein Fazit. Zudem sei das durchschnittliche Kompetenzniveau der Jugendlichen gestiegen. Diese Entwicklung hatte allerdings auch die OECD in den letzten Pisa-Studien selbst schon festgestellt.

Eine Sache der Definition

Die IW-Autorinnen bezweifeln aber darüber hinaus eine These zur Bildungsmobilität im OECD-Bericht 2015, wonach sich in Deutschland 2012 unter jüngeren Nichtakademikern im Vergleich zur Vorgeneration "mehr Bildungsabsteiger (24 Prozent) als Bildungsaufsteiger (19 Prozent) befunden haben". Dies sei Definitionssache, schreiben Anger und Orth: Andere Analysen zeigten, dass es eher umgekehrt sei.

Je nach Blickwinkel könnten daher unter den 30- bis 65-Jährigen in Deutschland auch gut 25 Prozent als Bildungsaufsteiger und knapp 17 Prozent als Bildungsabsteiger bezeichnet werden. "Werden die Bildungsabschlüsse auf den durchschnittlichen Bildungsstand der Eltern bezogen, so sind es sogar 53,8 Prozent Bildungsaufsteiger und 14,1 Prozent Bildungsabsteiger", heißt es in der KAS-Studie. Da das Bildungsniveau in Deutschland relativ hoch ist, sei zudem ein Kind von Hochschulabsolventen, das selbst eine berufliche Bildung abschließt, formell zwar ein Bildungsabsteiger, gehöre aber deshalb nicht zur Problemgruppe. Schließlich hätte es in Deutschland mit mittlerem Berufsabschluss beste Chancen, eine gute Stelle zu finden und gut zu verdienen.

Im Deutschlandfunk sagte Co-Autorin Anger, der Bildungsabstand etwa zwischen Kindern mit Migrationshintergrund und Kindern mit deutschem Hintergrund sei lange sehr groß gewesen und zuletzt "geringer geworden – ohne dass die Kinder, die schon immer gut waren im Bildungssystem, (…) schlechter geworden sind". Es gehe in Deutschland vor allem um "Startchancengerechtigkeit". Die frühkindliche Bildung könne besser als noch vor wenigen Jahren zu mehr Gerechtigkeit beitragen. Denn inzwischen besuchen mehr Kinder aus bildungsfernen Schichten und Migrantenfamilien die Kitas. Trotzdem müssten die Bildungsangebote mit Blick auf verstärkte Zuwanderung weiter ausgebaut werden, um die Integration zu unterstützen. Frühkindliche Bildung sollte noch "stärker von bildungsfernen Schichten genutzt werden". Wie auch die Ganztagsangebote in den Schulen, die besonders den Bildungsschwachen zugutekämen.

Anger räumte in dem Interview auch ein, es gebe "natürlich immer noch mehr Kinder, die aus Akademikerfamilien studieren". Nach den IW-Ergebnissen registriere sie "aber (…) auch eine positive Entwicklung bei den Nichtakademikerkindern". Ein Zugang zum Studium verbessert die Bildungschancen – auch für jene, die kein Abitur haben. Die Angebote berufsbegleitender Studienmöglichkeiten dienen dazu, das Qualifizierungsniveau zu heben. Beides sollte deshalb weiterentwickelt werden, heißt es in der Studie. Der KAS-Report kommt damit zu ähnlichen Schlussfolgerungen wie die OECD-Analysen der Pisa-Studien.