Die Elternfrage: Das Schuljahresende naht, unser Sohn (8. Klasse Gymnasium, G8) droht in zahlreichen Fächern eine Fünf zu bekommen, seine Versetzung ist akut gefährdet. Aber er lernt einfach nicht, obwohl die Lehrer sagen, er sei schlau genug. Wir haben immer wieder gemahnt, wir haben mit ihm gelernt, ihm alles Mögliche versprochen – keinerlei Wirkung, wir sind ziemlich verzweifelt.

Ein Zyniker könnte sagen: Vielleicht haben Sie Ihrem Sohn nur zu wenig versprochen – oder ihn zu milde gemahnt. Vermutlich leidet ihr Sohn aber unter einem Phänomen, das viele Pubertierende trifft: Sie lassen sich zu lange treiben, sie nehmen ihr Leben, zumindest seine anstrengenderen Seiten, nicht aktiv in die Hand. Sie lernen nur ungern (dabei ist das eigentlich ihr Beruf), sie beteiligen sich nur widerwillig an der Hausarbeit (dabei leben sie ja nicht im Hotel).  Zwar maulen die lieben Eltern hin und wieder – aber im entscheidenden Moment regeln sie doch alles.

Ihr Sohn scheint sich eine Gangart zugelegt zu haben, die Psychologen als verwöhnten Lebensstil bezeichnen: Einerseits zeigt er höchste Ansprüche an die Umgebung (er will aufs Gymnasium gehen, will Abitur machen), andererseits eine geringe eigene Leistungsbereitschaft (er verzichtet auf die dazu nötige Arbeit). Vielleicht braucht ihr Sohn nicht mehr elterliches Bemühen, sondern weniger – und schon gar keine Anti-Prokrastinations-App, also eine Erinnerungshilfe für Liegengebliebenes. Vielleicht fehlt ihm nur das, was der Individualpsychologe Alfred Adler den "geharnischten Einspruch der Realität" nannte – die Erfahrung also, dass das schulische Konzept Nichtstun ganz logisch irgendwann zu Defiziten und Stillstand führt, also zum Beispiel zur Nichtversetzung.

Eigentlich kein Beinbruch – hat man nicht früher allen Gymnasiasten neun Jahre Zeit gegeben? In diesem Fall würde ihr Sohn die unbezahlbare, oft nicht zu ersparende Erfahrung machen: Meine Entscheidungen haben Konsequenzen; ich überleg's mir beim nächsten Mal gut, ob ich meine Klassengemeinschaft leichtfertig aufs Spiel setze. Wenn Eltern ihren Kindern zu viel Angenehmes gönnen und zu viel Unangenehmes ersparen, müssen Heranwachsende bisweilen auf andere Art lernen, dass das Leben auch ernste Seiten hat.

Die Finanzminister sind natürlich gegen "Ehrenrunden", aber nicht selten pfeifen verwöhnte Heranwachsende auf noch so wohlmeinende Förderberatung, noch so sinnvolle Hilfsmaterialien – und dann wäre einfaches Durchwinken mehr als unfair. Machen wir uns nicht vor: Mancher Pubertierender strengt sich auch oder nur deswegen genug an, weil er das Verlassen des vertrauten Klassenverbandes vermeiden will. Für lustbetont sozialisierte Jugendliche hätte die generelle Abschaffung des Sitzenbleibens jedenfalls eine fatale Signalwirkung.


Bei anhaltender Überforderung kann sogar der (vielleicht nur vorübergehende) Wechsel zu einer "niedrigeren" Schulform die kinderfreundliche Entscheidung sein – keinem tun schließlich dauernde Misserfolge in einer labilen Lebensphase gut. Machen wir uns nichts vor: Mancher Pubertierende strengt sich auch oder nur deswegen genug an, weil er das Verlassen des vertrauten Klassenverbandes vermeiden will. Für lustbetont sozialisierte Jugendliche hätte die generelle Abschaffung des Sitzenbleibens jedenfalls eine fatale Signalwirkung. Bei anhaltender Überforderung kann sogar der (vielleicht nur vorübergehende) Wechsel zu einer "niedrigeren" Schulform die kinderfreundliche Entscheidung sein – keinem tun schließlich dauernde Misserfolge in einer labilen Lebensphase gut.

Aber die Wiederholung eines ganzen Schuljahres muss gar nicht sein. Zumindest in NRW gibt es ein höchst wertvolles Instrument für Jugendliche, die schulische Anforderungen, hilfsbereite Lehrer oder überbesorgte Eltern zu wenig ernst nehmen: die Nachprüfung.  Wer am Ende der Sommerferien, nach einem mindestens dreiwöchigen Intensivkurs, eine Zusatzprüfung in einem Defizitfach besteht, kann damit eine Minderleistung wettmachen.

Wer also bis zum letzten Moment mit der Hoffnung gepokert hat, die Eltern würden es schon richten oder die Lehrer Erbarmen haben, bekommt dafür zunächst eine amtliche Quittung – kann die Ehrenrunde aber ganz selbstbestimmt durch ehrliche Ferienarbeit vermeiden. Das ist zunächst ärgerlich, aber langfristig enorm selbstwertfördernd. Ein Schüler sagte mir einmal: "Da hab ich mich zum ersten Mal in meinem Leben wirklich angestrengt!"

Dazu braucht es allerdings gerade gegen Schuljahresende standhafte Lehrer. Sie dürfen nicht einfach ein Auge zudrücken und aus der eigentlichen Fünf flugs eine hoffnungsträchtige Vier machen, um sich das Feilschen mit dem Schüler zu ersparen, oder die Mühen der Nachprüfung. Auch in der Schule nämlich droht Verwöhnung als latente Gefahr: Anforderungen reduzieren, schon mit minimalen Ergebnissen zufrieden sein, Konflikte umgehen. Selbst wenn solche Pädagogik der Ermäßigung gut gemeint ist – de facto wirkt sie schwächend, entwicklungshinderlich.