Die Elternfrage: In Neuss wurde kürzlich ein Realschullehrer wegen Freiheitsberaubung verurteilt – er wollte die Schüler erst aus der Klasse lassen, wenn sie ihre Aufgabe fertiggestellt hätten. So etwas haben wir von unserem Kind auch schon öfter gehört – Kursräume werden wegen notorischen Zuspätkommern kurz nach Unterrichtsbeginn von innen abgeschlossen, Stunden werden in die Pause hinein verlängert, der Ordnungsdienst muss nach dem Klingeln noch aufräumen. Nehmen Lehrer die Sache mit den Menschenrechten wirklich zu locker?

Moment mal: Ist nicht die Schule generell eine freiheitsberaubende Veranstaltung? Insbesondere bei schönem Wetter (oder bei weniger reizvollen Fächern) spüren das alle Beteiligten doch äußerst schmerzlich. Nur: Was wäre die Alternative? Langfristig eine massive Verarmung breiter Schichten der Bevölkerung – und eine rapide Zunahme der Kinderarbeit. Unsere Vorfahren haben sich bei der Entwicklung des Schulwesens nämlich etwas gedacht, was auch heute noch sinnvoll ist: nicht nur den Sprösslingen der Betuchten eine möglichst breite Allgemeinbildung zu ermöglichen, und auch den Kindern aus dem Prekariat die frühe Ausbeutung im Arbeitsleben zu ersparen.

Deshalb schreibt das Schulgesetz in Nordrhein-Westfalen auch vor, dass Schüler "verpflichtet sind, sich aktiv am Unterricht zu beteiligen und die erforderlichen Arbeiten anzufertigen". Tun sie das nicht, so kann der Lehrer beispielsweise "Nacharbeit unter Aufsicht" anordnen – die Währung Zeit verstehen junge Menschen nämlich gut, sie ringt ihnen im Zweifelsfall noch am ehesten Verantwortlichkeit ab. Die vorgeschriebene "vorherige Benachrichtigung der Eltern" sollte dabei im digitalen Zeitalter per SMS oder WhatsApp kein Problem mehr darstellen – sie könnte noch aus der laufenden Stunde heraus erfolgen.

Natürlich gibt es eine Fülle anderer pädagogischer Impulse, Schüler zur Lernarbeit zu motivieren. Allerdings funktioniert nicht immer alles, man sollte die Gruppendynamik einer mittagsmüden Schulklasse nicht unterschätzen. Insofern haben die Schildbürger von Neuss – in der Reihenfolge ihres Auftretens: Polizei, Schulleiter, Eltern, Richter – nicht nur den dortigen Sechstklässlern einen Bärendienst erwiesen. Der Richterspruch war kurzsichtig (die Schüler könnten sich jetzt als Sieger fühlen), die Elternklage eigentlich überholt (früher musste man Kinder tatsächlich einmal gegen manche Lehrer verteidigen, der Wind hat sich indes gedreht), und der Schulleiter hätte besser selbst interveniert (nämlich niedrigschwellig).

Sollten Eltern nicht froh sein, wenn das eigene Kind an Lehrer gerät, die sich trauen, ihm eine stabile Leitplanke zu sein, wenn es Anstrengungen aus dem Weg gehen will? Lernen tut jungen Menschen zwar grundsätzlich gut – aber es ist wie mit gesunder Ernährung: Manchmal haben wir einfach Lust auf Currywurst. Als bei Wilhelm Busch Lehrer Lämpel seinen Schülern "der Weisheit Lehren" nahebringen will, mundet das auch nicht gleich jedem: "Max und Moritz, diese beiden, mochten ihn darum nicht leiden." Nicht weiter tragisch, Jungs in der Pubertät eben – dennoch müssen Lehrer ihnen etwas entgegensetzen. Gerade für zu Hause vergötterte – oder auch vernachlässigte – Kinder ist die Schule eine enorm wichtige Instanz, sie soll in dosierter Konfrontation, also mit vergleichsweise sanften Mitteln, darauf vorbereiten, mit den Härten etwa des zukünftigen Arbeitslebens zurechtzukommen.

Schule ist bei näherer Betrachtung keineswegs ein Gefängnis, sondern gerade die Befreiung aus einem solchen – nämlich aus bisheriger persönlicher Begrenztheit. Dass Abnabelungen sich nicht immer nur angenehm anfühlen, liegt in der Natur der Sache – und sollte nach Überwindung der Spaßpädagogik eigentlich bekannt sein. Wie formulierte der gefeierte Tanzchoreograf Royston Maldoom in seinem Kulturprojekt Rhythm is it! noch: "Man muss die Disziplin zuerst von außen herantragen, damit sie dann mit der Zeit von innen wirken kann."

Der amerikanische Kinderpsychologe Bruno Bettelheim hat einmal gemeint, Kinder bräuchten für eine gesunde Entwicklung drei familiäre Grunderfahrungen: "1. Du bist nicht allein. 2. Die Welt ist etwas Faszinierendes. 3. Du kannst Belastungen aushalten." Mit Letzterem haben viele Eltern heute wohl die größten Schwierigkeiten.