"Lenya war ein fröhliches Kind, bis die Schule losging", sagt ihre Mutter Beate Steinfeld*. Lenya hatte 2013 einen der begehrten Plätze an der Wilhelm-von-Humboldt Gemeinschaftsschule im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg ergattert. Kinder lernen hier von Beginn an jahrgangsübergreifend bis zum Schulabschluss zusammen. Die Klassen heißen Lerngruppen. Es gibt keine Noten, kaum Frontalunterricht. Jedes Kind arbeitet mit eigens erstellten Zielen, im eigenen Tempo. Dabei sollen die Älteren den Jüngeren helfen und nebenbei ihr Wissen verstetigen. Das Konzept soll die Chancengleichheit nachhaltig fördern, unterschiedliche Bildungshintergründe der Kinder ausgleichen. Wer könnte dagegen etwas haben? Der Schulversuch Gemeinschaftsschule ist ein Berliner Pilotprojekt an insgesamt 24 Schulen.

Auch Bildungsexperten wie Albrecht Wacker glauben, dass es längerfristig keine Alternative zur Gemeinschaftsschule gibt, die mehrere Bildungsgänge integriert. "Sie sind nun einmal die Schulformen der pluralistischen, individualisierten Gesellschaft." Er hat die Einführung von Gemeinschaftsschulen ab der 6. Klasse in Baden-Württemberg wissenschaftlich begleitet. Er plädiert für eine Mischform, die lehrerzentriertes Lernen und selbstbestimmtes Lernen verbindet.

Soweit die Theorie. Steinfeld spricht jedoch aus der Praxis: Lenyas Trauma wirke sogar drei Jahre nach dem Wechsel auf eine ganz normale Grundschule noch nach, sagt sie. Und da sind Ruben, Theo und das Kind der Autorin, denen die Schule auch nicht gut getan hat.

Kinder würden wie Erwachsene behandelt, findet Lenyas Mutter. Schon Erstklässler würden sich selbst überlassen. Lenya hatte offenbar an manchen Schultagen kein Wort gesprochen. Die Lehrerin habe zwar beobachtet, dass das Kind bedrückt war, aber häusliche Probleme vermutet, ohne die Eltern darauf anzusprechen. Irgendwann erzählte Lenya zu Hause: "Ich langweile mich den ganzen Tag und tue so, als würde ich etwas machen." Genauso erging es meinem Sohn. Er klagte wochenlang über Bauchschmerzen. Er wollte nicht mehr zur Schule gehen. Bis mir klar wurde, dass er als Erstklässler komplett damit überfordert war, sich selbstständig zu strukturieren.

Ein anderer Junge, Theo, hat sich zum aggressiven Klassenclown entwickelt. Seine Mutter sagt, dass ihr im Rückblick die Pädagogen leidtun. Denn nicht nur die Kinder, auch Lehrer und Erzieher seien überfordert. Sie hätten keine Zeit, jedem Kind gerecht zu werden. Theo sei anfangs hoch motiviert gewesen, das hätte aber niemand bemerkt. Irgendwann wurde er renitent.

Feedback und Wertschätzung

Auch der Bildungsforscher Wacker betont, dass gerade für Grundschulkinder das individualisierte Lernen behutsam aufgebaut werden müsse. Von elementarer Bedeutung sei regelmäßiges Feedback und die Wertschätzung, die ein Schüler im ständigen "Lerndialog" erhalten solle. So sieht es auch Theos Mutter, die das Konzept immer noch nicht schlecht findet. Aber den dafür notwendigen Betreuungsschlüssel könne sich eben kaum eine Schule leisten.

Eine Lehrerin der Carl-Humann-Grundschule um die Ecke hat mehrere Wechselschüler ab der zweiten Klasse unter ihre Fittiche genommen. Sie sagt, die Kinder würden sehr verunsichert zu ihr kommen. Sie könnten nicht sorgfältig arbeiten und ganz old school: Es fehle an Disziplin. Die Kinder seien nicht gewohnt, geführt, beachtet und gefördert zu werden. Die Lehrerin sagt, in der ersten Klasse lerne ein Kind so viel wie niemals wieder im Leben. Diese Kinder hätten das versäumt. Der Fünftklässler Theo ist heute noch nicht in der Lage, ein einfaches Tafelbild abzuschreiben.