Etwa 1.500 Menschen haben am Sonntag in Wiesbaden für den neuen Lehrplan des Bundeslandes zum Sexualkundeunterricht demonstriert. Das teilte die Polizei in der hessischen Landeshauptstadt mit. Ziel des Unterrichts soll nicht mehr – wie im alten Lehrplan – die Toleranz, sondern die Akzeptanz sexueller Vielfalt sein, etwa auch von Homo-, Trans- oder Bisexualität.

Landeskultusminister Alexander Lorz (CDU) hatte die Veränderung des Lehrplans zum Beginn des Schuljahres gegen seine Kritiker verteidigt. Veranstalter der Demonstration ist das Bündnis für Akzeptanz und Vielfalt, das mehr als 100 Parteien, Gewerkschaften, Vereine und Initiativen vereinigt. Dabei sind ganz unterschiedliche Gruppen wie die Landesschülervertretung, Aidshilfe-Vereine oder der Landesfrauenrat.


Am Nachmittag gab es auch eine Kundgebung von laut Polizei etwa 2.000 Gegnern des Lehrplans vor dem Kultusministerium. Sie sprechen von Frühsexualisierung und Indoktrinierung der Schüler. Veranstalter ist das konservative Aktionsbündnis Ehe und Familie, das sich bereits in Baden-Württemberg gegen ähnliche Änderungen gewendet hatte. Kritiker glauben, die Kinder würden eher verwirrt als aufgeklärt, wenn etwa Schwule und Lesben in den Unterricht eingeladen würden oder schon Fünftklässler lernen müssten, was Bi- oder Transsexualität sei.

Tatsächlich gilt seit 1968 Sexualkunde als staatliche Erziehungsaufgabe. Inzwischen geht es dort auch längst nicht mehr nur darum, Sexualität biologisch zu erklären. Themen sind auch Verantwortung, Verliebtsein, Verhütung und Geburt. Oder auch Missbrauch, Veränderungen während der Pubertät und sexuelle Identitäten.

Bundesverfassungsgericht: Jugendliche dürfen nicht indoktriniert werden

Da Eltern sehr verschiedene Werte und Normen haben, ist kein Unterricht so umstritten wie der Sexualkundeunterricht. 1977 hat das Bundesverfassungsgericht entschieden, dass Sexualerziehung Jugendliche nicht indoktrinieren dürfe, also offen sein müsse für verschiedene Weltanschauungen und Überzeugungen.

Damit argumentiert zum Beispiel der Verein Echte Toleranz: Der Staat sei nicht berechtigt, Schüler dazu zu erziehen, ein bestimmtes Sexualverhalten gutzuheißen oder abzulehnen. Denn genau das würde es bedeuten, wenn im Lehrplan von Akzeptanz die Rede sei. Hessens Kultusminister Alexander Lorz hatte davon gesprochen, dass alle Menschen mit verschiedenen Identitäten akzeptiert werden müssten.