Das gab es noch nie. Ein Bundesländervergleich der Schulleistungen und (fast) alle dürfen sich als Sieger fühlen: In ganz Deutschland haben sich die Englischleistungen der Schüler verbessert. Alle drei Jahre testet das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) die Kompetenzen der Schüler zwischen Schleswig-Holstein und Bayern in den wichtigsten Fächern. Diesmal haben sich die Forscher unter anderem Englisch vorgenommen und festgestellt: Im Lesen und Hörverstehen sind die Neuntklässler heute den Alterskameraden aus dem letzten Vergleich um mehr als ein halbes Jahr Lernzeit voraus.

Ein solcher Fortschritt in der Breite ist außergewöhnlich, und er hat viele Gründe. Da ist zum einen natürlich die Schule. Früher bauten Englischlehrer ihre Stunden um die Grammatik herum (Simple Past, If-Clauses), heute dreht sich alles um Kommunikation. Eine Sprache lernt man besten durch Sprechen: das ist heute didaktischer Mainstream. In allen Bundesländern lernen die Schüler heute zudem bereits in der Grundschule Englisch (im Saarland Französisch). Immer mehr Gymnasien haben einen zweisprachigen Zug oder zumindest einen bilingualen Kurs im Angebot. Zugleich profitiert das Fach von der Anglisierung des Alltags. Ob amerikanische Serien, englische Bücher (Harry Potter) oder internationale Computerspiele: ein beträchtlicher Teil der heutigen Schülergeneration streamt, liest, spielt in der Originalsprache. Für sie wird Englisch von einer Fremd- zur Zweitsprache.

Von diesem allgemeinen Trend profitieren die Schülern je nach Region jedoch nicht in gleicher Weise. Denn die Verbesserungen im Leistungsniveau fallen je nach Bundesland sehr unterschiedlich aus: In Brandenburg sind sie im Englischen am höchsten, in Baden-Württemberg dagegen sind sie kaum messbar. Dieses grobe Muster – Brandenburg beziehungsweise Ostdeutschland: formidabel, Baden-Württemberg: blamabel – zieht sich durch die ganze Studie. Ändere Länder bleiben eher unauffällig mit Ausschlägen nach oben (Schleswig-Holstein, Hamburg) oder unten (wieder einmal Nordrhein-Westfalen).

Schon beim letzten Ländervergleich 2012, als Mathematik und die Naturwissenschaften getestet wurden, glänzte der Osten. Einzig und allein die bayerischen Schüler konnten mit ihren Alterskameraden zwischen Wismar und Dresden noch mithalten. Nun schieben sich Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt auch beim Lesen an die deutsche Leistungsspitze, wo Thüringen und Sachsen schon lange sind.

Ein Grund dafür liegt auf der Hand. Die Ostschulen kennen kein Migrantenproblem. In Bremen stammt mittlerweile jeder zweite Neuntklässler aus einer Einwandererfamilie, in Sachsen jeder zehnte. Da muss man sich nicht wundern, dass die jungen Sachsen besser deutsche Texte lesen. Vergleicht man jedoch allein die Schüler ohne Migrationshintergrund aus diesen beiden Bundesländern, dann beträgt der Lesevorsprung immer noch mehr als zwei Jahre. Darüber darf man sich dann sehr wohl wundern. Bremen ist und bleibt das Land mit dem Loser-Abo in Sachen Schule. Sachsen dagegen mag angesichts der aktuelle Pannen bei Polizei und Justiz das "Land der Trottel" (Süddeutsche Zeitung) sein, seine Schüler erweisen sich in fast allen Fächern als die Schlaumeier der Nation.

Liegt es am Ende vielleicht an den Lehrern? In Ostdeutschland jedenfalls sind die Fortbildungsraten im Schnitt deutlich höher als Westen. Als man in Brandenburg, Sachsen-Anhalt oder Sachsen vor sechs Jahren feststellen musste, dass die eigenen Schüler nur schlecht Englisch sprechen, blies man zur Fortbildungsoffensive. Man krempelte die Lehrpläne um, setzte die Standards hoch und schickte die Lehrer zurück auf die Schulbank. Viele der heutigen Englischlehrer hatten das Fach ja niemals studiert, sondern waren zwangskonvertierte Russischlehrer. Nun duften sie auf Staatskosten noch einmal nach England oder Kanada reisen, um ihre Sprachkenntnisse aufzufrischen – in den Schulferien wohlgemerkt. Es hat sich gelohnt.

Und dann ist da noch Baden-Württemberg. Der aktuelle Länderbericht hat auf seinen 544 Seiten unzählige Tabellen, Schaubilder sowie Vergleiche und ist nur schwer lesbar. Sucht man jedoch nach einem Negativtrend, hat man es leicht. Man muss nur ein Suchbefehl eingeben und findet immer das gleiche Beispiel: Baden-Württemberg. Beim ersten Ländervergleich vor 15 Jahren hatte sich der Südwesten neben Bayern an der Leistungsspitze gesonnt. Seitdem ging es stetig bergab, in den vergangenen Jahren noch einmal mit erhöhter Geschwindigkeit.

Mittlerweile ist Baden-Württemberg, der reichste Teil Deutschlands, in vielen Fächern unter den Bundesschnitt gefallen. Im Fach Deutsch (Kategorie: Zuhören) sieht sich das einstige Musterländle in einer Leistungsklasse mit Berlin und Bremen. Einen solchen Absturz gab es noch nie, und er ist sicher nicht nur von einer politischen Partei zu verantworten. Alle Kultusminister der vergangenen Jahre, angefangen mit Annette Schavan (CDU) und ihrer überstürzten Schulzeitverkürzung, haben das Land in ein bildungspolitisches Chaos geführt. Den Höhepunkt erreichte der Irrsinn unter Gabriele Warminski-Leitheußer (SPD), die das Heil in einer großen Schulstrukturreform suchte und pädagogische Schamanen als Berater ins Ministerium holte.

Angesichts der Bedeutung Baden-Württembergs hat ein solcher Niedergang Auswirkungen, die über die Landesgrenzen hinausweisen. Nimmt man Nordrhein-Westfalen dazu, in dem sich seit Jahren bei den Leistungen der Schüler nichts zum Guten wendet, hat man ein Drittel der deutschen Schülerschaft zusammen – und ein nationales Problem, gegen das die guten Englischleistungen leider verblassen.