In Deutschland gelten etwa 7,5 Millionen Erwachsene als sogenannte funktionale Analphabeten. Das heißt, sie können zwar Buchstaben, Wörter und einzelne Sätze lesen und schreiben, haben jedoch Mühe, einen längeren zusammenhängenden Text zu verstehen. 60 Prozent aller funktionalen Analphabeten hierzulande sind Männer, wie 2011 eine Studie der Universität Hamburg gezeigt hat.

Dinge des alltäglichen Lebens, wie Bedienungsanleitungen, Automaten oder das Studieren der Abfahrt- und Ankunftszeiten am Bahnhof, sind für die Betroffenen eine Herausforderung. Meist entwickeln sie ausgeklügelte Strategien, damit das Problem in der Schule, am Arbeitsplatz oder im Familien- und Freundeskreis nicht auffällt. Dennoch: Der Leidensdruck vieler ist groß.

Beim funktionalen Analphabetismus können dem Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung zufolge Probleme bei schulischen Leistungen ebenso eine Rolle spielen wie Vernachlässigung oder ein geringes Selbstwertgefühl. Oft konnten schon die Eltern nicht richtig lesen und schreiben.

Vom Analphabetismus im engeren Sinne betroffen sind etwa vier Prozent der Bevölkerung und damit 2,3 Millionen Menschen zwischen 18 und 64 Jahren.

Das Bundesbildungsministerium will in den kommenden zehn Jahren spezielle Lernangebote für Erwachsene und andere Projekte mit 180 Millionen Euro fördern. Wer die Kulturtechniken Lesen und Schreiben nicht beherrsche, "der hat nicht nur selbst Nachteile", sagte Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) zum Start der neuen Alphabetisierungsdekade. "In der Regel haben es auch die Kinder schwerer."

Nationale Dekade für Alphabetisierung

Ziel der bis 2026 laufenden Nationalen Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung ist es, die Lese- und Schreibkompetenzen von Erwachsenen zu steigern. Mehr Betroffene sollen für spezielle Bildungsangebote gewonnen und die Öffentlichkeit für das Thema stärker sensibilisiert werden. Die Hemmschwelle für die Teilnahme an Bildungsmaßnahmen ist hoch, viele Betroffene geraten aus Angst vor Diskriminierung in die Isolation.

Nötig seien daher mehr wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse, um mit "passgenauen Lernangeboten wirkungsvoller gegen Analphabetismus vorgehen zu können", sagte die Präsidentin der Kultusministerkonferenz, die Bremer Bildungssenatorin Claudia Bogedan (SPD). Auch die Ursachen und die Verbreitung des sogenannten funktionalen Analphabetismus sollten besser erforscht werden.