Wenn Karlheinz Goetsch von der Projektarbeit mit seinen Schülern spricht, gerät er ins Schwärmen. Er erzählt, wie die Schüler praktisch nachvollzogen, wie Galileo Galileo geforscht hat – und am Ende ihre Ergebnisse mit verteilten Rollen aufführten. "Großartig" fand der Mathe- und Physiklehrer das. Oder wie die Schüler beim Thema "Goldener Schnitt: Ist Schönheit messbar?" in ihren Stadtteil ausgeschwärmt seien und überall den goldenen Schnitt fanden, zum Bauamt liefen und alte Pläne studierten. Eine Schülerin hatte einen Neubau noch einmal neu entworfen, sodass er dem goldenen Schnitt entsprach.

Obwohl Goetsch schon in Pension ist, berät der Vorsitzende des Vereins für Projektdidaktik noch immer Schulleiter und bildet Lehrer fort. Er hat die Projektarbeit seit den 1980er Jahren erprobt und später an der preisgekrönten Max-Brauer-Schule in Hamburg zum Prinzip gemacht.

Eigentlich habe es in jedem Projekt diese Phase gegeben, in der er dachte: "Jetzt kracht es, das geht nicht gut", sagt er. Erst sei da die große Euphorie, dann merkten die Schüler, wie viel Arbeit es macht, sich alles selbst zu erarbeiten und sie bekommen schlechte Laune. Aber dann legen sie sich kurz vor der Präsentation noch einmal richtig ins Zeug. Im Abschlussbericht steht dann, wie viele Nächte die Schüler durchgearbeitet haben. Fast immer sei das Ergebnis am Ende großartig gewesen.

Die Schüler sind stolz und übernehmen Verantwortung für ihr eigenes Lernen und für das der anderen Gruppenmitglieder. Sogar die, die sonst als Schluffis gelten, würden Aufgaben übernehmen, für die sie kompetent sind. Und auch für den Lehrer ändere sich etwas: "Da ist eine ganz andere Zufriedenheit", sagt er. "Man sieht die Schüler am Ende mit anderen Augen."  

Selbst wenn mal eine Gruppe scheitert. Einmal etwa hatten zwei Jungs im Projekt "Wie fliegt das" in der 8. Klasse zu groß gedacht. Während die anderen Bumerangs bauten, wollten sie einen Heißluftballon herstellen, der eine Kamera tragen kann. Sie zogen sich im Physikraum zurück und forschten. Dann zerschnitten sie Unmengen Müllbeutel, aber am Ende reichte ihr Material trotzdem nicht für einen funktionierenden Ballon. Doch die Schüler hatten alles richtig berechnet und sie waren zu Experten für das Thema Auftrieb geworden.

In Finnland werden Lehrer zu Projektarbeit verpflichtet

Die Finnen, die lange zu den Bildungssiegern in den Pisa-Studien gehörten, wollen den Projektunterricht nun zum Prinzip erklären. Sie sind nicht so revolutionär, wie es manches Mal vermeldet wurde. Sie schaffen die Schulfächer nicht ab. Aber die Schüler sollen sich regelmäßig gesellschaftlich relevante Phänomene selbstständig erarbeiten. Lehrer werden landesweit verpflichtet, eigene Projekte anzubieten und interdisziplinär zusammenzuarbeiten. Der Frontalunterricht, in Finnland noch recht verbreitet, wird zurückgedrängt. Ein Modell für Deutschland? Oder ist Projektarbeit hier längst Standard?

Neu ist die Idee tatsächlich nicht. Interdisziplinäre Projektarbeit hatte der amerikanische Philosoph und Pädagoge John Dewy schon im frühen 20. Jahrhundert in seiner Laborschule in Chicago eingeführt. Auf ihn berufen sich auch noch heute die Verfechter des Projektunterrichts. Sein Schlagwort ist seit vielen Jahrzehnten Programm: Learning by Doing.  

In Deutschland wird mit Projektarbeit seit den 1970er Jahren experimentiert. Hamburg schaffte in letzter Zeit gute Bedingungen, indem es gleichzeitig mit dem verkürzten Abitur G8 die Profiloberstufe einführte. Die Schüler wählen hier nicht mehr einzelne Fächer als Leistungskurse, sondern ein Profil, das sich aus mehreren Fächern zusammensetzt, etwa "Mensch und Umwelt". Hier bilden Biologie und Geographie den Schwerpunkt. Aber auch Inhalte aus Chemie, Philosophie und Politik sind relevant. Gute Bedingungen für interdisziplinäre Projekte.

Theoretisch. Die Realität sieht nicht immer so aus, wie es sich Dewey gewünscht hat und wie es an Goetschs ehemaliger Stadtteilschule zumindest in der Mittelstufe Standard ist. Denn seit das Zentralabitur in den Hauptfächern den Takt vorgibt, blieb sogar für Goetsch in der Profil-Oberstufe nur noch wenig Zeit für Projekte. An vielen Gymnasien werden die Fächer einfach nebeneinander unterrichtet.

Anne Bender von der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe hat für ihre Dissertation Progressive Projektarbeit (veröffentlicht unter ihrem Mädchennamen Zapf) viele sogenannte Projekte von unterschiedlichen Schulen untersucht. Sie sagt, nur ein Drittel der von Schulen eingereichten Berichte konnte sie als echte Projekte gelten lassen.