ZEIT ONLINE: Estland hat bei den Pisa-Ergebnissen in vielen Bereichen sehr gut abgeschnitten. In mehreren Kategorien ist es das beste europäische Land im Test. Liegt das am Schulsystem oder an der Einstellung der Schüler und Lehrer zur Bildung?

Kaarel Rundu: Beides stimmt. Bildung wird sehr hoch geschätzt in Estland und von der Regierung gefördert. Die Esten sind sehr bildungsorientiert und setzen sich hohe Ziele. Die meisten Schüler wollen an die Uni und das System fördert das auch. Es hängt weniger davon ab, ob die Eltern der Schüler reich oder arm sind – es gibt gleichwertige Bildungsmöglichkeiten für alle. Das Bildungssystem wird ganzheitlich betrachtet: Kindergarten, Schule, Gymnasium, Universität. Was noch wichtig ist, sind Zusatzangebote. Wir haben an der Schule einen Psychologen, einen Logopäden und Sozialpädagogen. Individuelle Lehrpläne gibt es genauso für besonders begabte Schüler wie für die leistungsschwächeren Schüler. Und die Lehrer sind sehr engagiert, obwohl sie unterbezahlt sind.

ZEIT ONLINE: Woher kommt diese besondere Motivation der Lehrer?

Rundu: Sie sehen den Beruf auch als Missionsarbeit – die Lehrer merken, dass sie die Zukunft beeinflussen können. Man vertraut auf ihre Erfahrung und unterstützt sie dabei, wenn sie sich neue Lehrmethoden aneignen wollen oder den Mut haben, außerhalb des Klassenraums zu experimentieren. Zurzeit liegt in Estland ein Schwerpunkt auf dem Konzept "Lernen kann man überall". Also nicht nur im Klassenraum, sondern auch bei Exkursionen oder im digitalen Unterricht.

Kaarel Rundu leitet seit 2014 das Deutsche Gymnasium Tallinn, an dem Schüler einen estnischen Schulabschluss und das deutsche Abitur machen können. Er ist selbst Absolvent der Schule, hat Psychologie und Bildungsmanagement studiert und als Lehrer die Fächer Menschenkunde und Psychologie unterrichtet. © privat

ZEIT ONLINE: Am Deutschen Gymnasium in Tallinn haben Sie einen Einblick in das deutsche und das estnische Bildungssystem. Wo sehen Sie die größten Unterschiede?

Rundu: Das deutsche System ist auf der einen Seite traditioneller aufgebaut, aber auf der anderen auch tiefgehender. Während dort in einem halben Jahr ein Buch sehr detailliert gelesen und analysiert wird, werden im estnischen Unterricht in der Zeit vier bis fünf Bücher gelesen, aber dadurch bleibt weniger Zeit, diese ausführlich zu besprechen. Das estnische System ist offener für neue Lernmethoden und versucht die Schüler so weit zu bringen, dass sie sich selber weiterbilden über verschiedene digitale Plattformen oder Apps, die sie auch selber erstellen können.

ZEIT ONLINE: Die Digitalisierung ist in den estnischen Schulen schon lange angekommen, seit Ende der neunziger Jahre hatten die Schulen flächendeckend Internetzugang, Programmieren stand im Stundenplan. Deutschland hinkt dagegen bei der digitalen Bildung hinterher. Wo könnte die deutsche Bildungspolitik ansetzen, um aufzuholen?

Rundu: Man braucht nur Mut, es auszuprobieren. Ich glaube, in Deutschland schaut man erst mal auf die Risiken. In Estland hat man vielleicht eher den Mut, Fehler zu machen und daraus zu lernen. Der Unterricht mit Tablets wird gefördert. Im Jahr 2020 sollen alle Arbeitshefte und Lehrbücher in digitaler Form genutzt werden. Abschlussprüfungen sollen größtenteils digital stattfinden. Natürlich müssen da noch viele Fragen geklärt werden, aber man probiert es aus und behebt dann die Fehler. Die Lehrer müssen bereit sein, zu lernen, sich mit den vielen verschiedenen Plattformen im Internet auseinandersetzen, um das weitergeben zu können. Die Kinder können da teilweise mehr als die Lehrer. Aber die Lehrer müssen ihnen den richtigen Weg zeigen, wie sie sich nicht in der digitalen Welt verlieren. Bei Pisa ging es ja auch nicht darum, wie gut die Schüler sich den Stoff angeeignet haben, sondern wie gut sie ihr Wissen praktisch anwenden können.