Erster Eintrag

Mittwochmorgen. Es ist grau in Hamburg, es ist kalt. Sechs Uhr: Wach werden, S-Bahn, U-Bahn, wach werden. Acht Uhr: Lächeln für die Klasse 7b eines Gymnasiums. Heute steht die erste Stunde Philosophie in ihrem Leben an – und meine erste Stunde Philosophie als Lehrer.

Auf einmal bin ich diese Person mit dem Schlüssel, auf die alle warten. "Sind Sie unser neuer Lehrer?" wird drei, vier Mal gefragt, bevor ich einmal "Ja" sagen kann. Freude breitet sich aus unter den etwa 20 Elf- bis Zwölfjährigen. Jugendbonus. Noch musste ich ja nichts machen.

Klassenraum aufschließen, nach ganz vorne gehen und mich vorstellen: Mein Name ist Jan Harbsmeyer, 23 Jahre alt. Lehramtsstudent aus Münster im Bachelor für Philosophie und Deutsch. Hier in Hamburg für ein Schulhalbjahr als Vertretungslehrer engagiert. Praxiserfahrung? Fehlanzeige.

So habe ich mich natürlich nicht vorgestellt. Vor der Klasse tue ich, was ich aus Schülerperspektive in Erinnerung habe: Ich schreibe meinen Namen an die Tafel. Aber schreibe ich "Jan Harbsmeyer", "Herr Harbsmeyer" oder einfach nur "Harbsmeyer"?

Ich habe mich für die dritte Version entschieden. Ein bisschen aus Verlegenheit, ein bisschen, um ein gutes Maß an Distanz zu wahren. Denn ich möchte souverän wirken, ernst genommen werden. Nicht übertrieben streng, eher freundlich – aber anspruchsvoll. So ein Lehrer möchte ich gerne werden und als ein solcher jetzt schon wahrgenommen werden.

Auf mein "Einen wunderschönen guten Morgen zusammen!" folgte das "Guten Morgen, Herr Harbsmeyer" in diesem langgezogenen Singsang, den Siebtklässler bestimmt schon ziemlich uncool finden. Au weia.

Das Curriculum schlägt vier Themen für den Philosophie-Unterricht in Klasse 7 vor. Ein bis zwei davon sollte ich in meiner Zeit behandeln. Da wäre die Frage nach dem Wesen des Menschen (Anthropologie), nach unserem Wissensverständnis (Erkenntnisphilosophie) und nach dem richtigen Handeln – individuell wie politisch (Ethik/politische Philosophie). Ich will diese Entscheidung nicht treffen und gebe deshalb eine Einführung ins Argumentieren. Die Schüler sollen sich in Gruppen einem Thema zuordnen und Argumente dafür sammeln, warum gerade dieses das interessanteste und wichtigste sei.

Und siehe da: Die Klasse arbeitet tatsächlich. Meine Anspannung lässt nach und ich kann das erste Mal wahrnehmen, wer da eigentlich sitzt. Am Ende weiß ich: Es wird chaotischer, als ich gehofft hatte. Die Schüler sind laut, subjektiv, es mangelt an wirklichen Argumenten – aber sie sind voll dabei. Damit kann ich arbeiten. Meine Hausaufgabe: Souveränität üben. (Geht das eigentlich?)

Zweiter Eintrag

Souveränität hat wohl viel mit Gewohnheit zu tun. Jedenfalls bin ich in den vergangenen paar Wochen souveräner und selbstsicherer geworden. Siebte Klasse, neunte Klasse, zehnte Klasse, temporär Philosophie-Grundkurs in der Oberstufe. Seit ein paar Tagen macht es richtig Spaß.

Doch nun kommt Deutsch dazu – in einer fünften Klasse. Fünf Stunden die Woche. Und ich muss ehrlich sagen, die Kids bringen mich völlig aus dem Konzept. Einfach, weil sie noch richtige Kinder sind, für die ich klare, schriftliche Arbeitsaufträge vergeben muss, in kleine Häppchen aufgeteilt. Die müssen anschließend am besten noch zweimal mündlich erläutert werden. Auf diese Arbeit wie auf das Vorbereiten und Verteilen von Strafaufgaben habe ich gar keine Lust.

Ich will die Schüler selbst denken lassen, will nur ein paar Impulse geben, um sie auf den richtigen Weg zu bringen; aber soweit sind sie noch nicht. Deshalb muss ich ihnen häppchenweise Wissen servieren. Ist ein bisschen wie in den didaktischen Konzepten, die ich irgendwann im Fach Bildungswissenschaften gelernt habe. Das eine war dogmatisch wissensvermittelnd, das andere sah die Schüler als Pflanze, der man beim Wachsen helfen soll. Ich wäre schon lieber so ein Gärtner.

Aber zum Wissen eintrichtern komme ich auch nicht. Noch bevor ich Etui, Unterlagen und Wasserflasche auf dem Pult ausgebreitet habe, soll ich schon zehn Fragen von acht Kindern beantworten. Da schauen mich die Zehn-, Elfjährigen mit großen Augen und offenem Gesicht an und erzählen mir, was sie in der Pause gemacht haben. Adam* steht mitten im Unterricht auf und berichtet nicht nur Moritz*, sondern auch mir in enormer Lautstärke, was er gestern Abend unternommen hat. Moritz ist zwar leiser, aber damit beschäftigt, Tintenpatronen aufzuschneiden und mit der Tinte zu malen. Vielleicht wird er mal ein ganz Großer damit. Tim* hat in der Pause Kreidewasser getrunken. Nina* kommuniziert nur noch schriftlich mit ihren Freundinnen Alice* und Denise*, da diese sie eine Besserwisserin genannt haben.

Abends am Schreibtisch darf ich mich aber noch der Korrektur ihrer Märchenklausuren widmen. Tim schreibt, dass der arme Bauerssohn erst die sieben Dragonballs sammeln und dann den Drachen um Hilfe bitten muss, um die erwünschte Frucht der Wunderbohne zu erlangen und das Herz der Prinzessin zu gewinnen.

Langweilig wird mir hier so schnell nicht.