Soziale Integration ist manchmal wichtiger als die Religionsfreiheit. So sieht es zum Glück auch der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg. Muslimische Schüler müssen am Schwimmunterricht teilnehmen, hat er entschieden – auch, wenn dabei Jungs und Mädchen gemeinsam ins Becken springen. Geklagt hatten Schweizer Eltern mit türkischen Wurzeln, die ein Bußgeld zahlen mussten, weil sie ihre Töchter nicht in den Schwimmunterricht geschickt hatten.

Die Entscheidung ist richtig – und wichtig. In der Schule geht es nicht nur um Kompetenzen wie Dreisatz, Past Perfect und Brustschwimmen. Schulen sollen Kinder auch stärken für ein Leben in Toleranz, Demokratie und Freiheit. Jungen und Mädchen mit unterschiedlichen Überzeugungen, Charakteren, sozialen und religiösen Traditionen lernen, miteinander auszukommen, sich mit verschiedenen Ideen auseinanderzusetzen und dabei ihren eigenen Weg zu finden. Deshalb dürfen einzelne nicht isoliert werden, weder vom Schwimm-, noch vom Sexualkundeunterricht oder von Schulausflügen.

In Deutschland war die Rechtsauslegung dazu lange nicht eindeutig. Mal bekamen klagende muslimische Eltern vor Gericht Recht, mal nicht. Mal durfte ein 10 Jahre altes Mädchen vom Schwimmunterricht fernbleiben, mal galt das erst ab der Pubertät. Die Bundesländer hatten unterschiedliche Regelungen. Mancher Schulleiter musste jedes Mal neu entscheiden, ob einem Mädchen das Miteinander von halbnackten Kindern zuzumuten sei oder nicht. Manche Schule hatte sich damit beholfen, die Eltern schon vor der Einschulung unterschreiben zu lassen, dass der Schwimmunterricht verpflichtend ist.

Bis zum Urteil des Bundesverwaltungsgerichts im Jahr 2013. Es hatte den Schulen mehr Sicherheit verschafft. Die Religionsfreiheit eines 13-jährigen Mädchens sei nur geringfügig beeinträchtigt, wenn es am Schwimmunterricht teilnehmen und dabei Jungs in Badehosen anschauen müsse, sagten die Richter. Eine Verfassungsbeschwerde gegen das Urteil ist noch nicht entschieden. Gut also, dass der europäische Gerichtshof die Schulen noch mal gestärkt hat.

Kein Urteil gegen den Islam

Allerdings sollte nun keiner aus falschen Gründen jubeln. Das Urteil richtet sich nicht gegen den Islam und bevorzugt auch nicht die sogenannten abendländisch-christlichen Werte. Die meisten Muslime haben zum einen gar kein Problem mit dem Schwimmunterricht. Zumindest eine Befragung aus dem Jahr 2008 hatte ergeben, dass gerade mal zwei Prozent der Mädchen aus religiösen Gründen nicht gemeinsam mit Jungs schwimmen lernen sollten. Selbst wenn die Zahl inzwischen höher seien sollte, handelt es sich noch immer um eine Minderheit.

Das Urteil dient auch nicht dazu, unsere Kultur vor fremden Gewohnheiten oder Zeichen zu schützen. Das Verwaltungsgericht in Deutschland etwa hatte muslimischen Schülerinnen explizit Burkinis für den Schwimmunterricht empfohlen, wenn sie glauben, dass ihre Religion von ihnen verlangt, sich zu bedecken. Auch die Basler Gerichte hatten den vor dem europäischen Gerichtshof für Menschenrechte klagenden Eltern Burkinis für ihre Töchter erlaubt.

Außerdem dürfen auch Zeugen Jehovas ihre Kinder nicht vom Deutsch- oder Englischunterricht ausschließen, wenn Texte gelesen werden, in denen etwa Harry Potter oder Krabat zaubert. Fundamentalistisch christliche Eltern müssen genauso wie die muslimischen ertragen, dass ihre Kinder im Unterricht über Evolution und Sexualität reden. Rechtsnationale Eltern müssen hinnehmen, dass ihre Kinder eine Moschee besuchen, wenn der Islam gerade Unterrichtsthema ist.

Alle religiösen und ideologischen Gruppen müssen sich also damit arrangieren, dass ihre Überzeugungen keinen Vorrang vor der Schulpflicht haben. Sie müssen damit leben, das ihre Kinder andere Ideen und Lebensweisen kennenlernen – und selbst entscheiden dürfen, wer sie einmal sein wollen.