"Land der unterschiedlichen Geschwindigkeiten" statt gemeinsame "Bildungsrepublik" – so könnte man die Ergebnisse der neuen Bildungsstudie Chancenspiegel Schule der Bertelsmann Stiftung zusammenfassen. Die Autoren, Forscher der TU Dortmund und der Friedrich-Schiller-Universität Jena, stellen zwar deutliche Fortschritte fest, etwa bessere Leistungen, weniger Sitzenbleiber und weniger Schulabbrüche. Aber zwischen den Bundesländern sind die Differenzen immer noch erheblich; die Leistungsunterschiede innerhalb eines Jahrgangs entsprechen zum Teil mehreren Schuljahren.

Das ist eine wichtige Frage der Bildungsgerechtigkeit: Wieso werden Schüler in manchen Bundesländern besser und schneller auf den Beruf oder ein Studium vorbereitet als in anderen? Das ist gerade für Familien in einer Gesellschaft, in der es immer selbstverständlicher wird, wegen eines Arbeitsplatzwechsel umzuziehen, ein großes Problem. Denn wie gut die Kinder dann in der neuen Schule mitkommen, hängt stark vom jeweiligen Bundesland ab. Möglicherweise müssen sie den Stoff von mehreren Schuljahren nachholen. Hinzu kommen die Herausforderungen der Inklusion von Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf und der Integration von Flüchtlingskindern.

Die Autoren haben Daten aus den Jahren 2002 bis 2014 ausgewertet und kommen zu dem Schluss, dass die Länder ihre Schulsysteme zwar modernisiert haben. Sie seien "leistungsstärker und gerechter" geworden. Aber es gibt demnach immer noch Schülergruppen, für die Bildungserfolge schwerer zu erreichen sind. Vor allem ihre soziale Herkunft spiele dabei immer noch eine große Rolle.

Leistungsunterschiede von mehreren Schuljahren innerhalb eines Jahrgangs

Fortschritte attestieren die Wissenschaftler den Bundesländern beim Ausbau der Ganztagsschulen und bei der Inklusion. Es herrsche mehr Vielfalt im Klassenraum, und es gebe bessere Möglichkeiten, höhere Bildungsabschlüsse anzustreben, ohne die Schule wechseln zu müssen. In fünf Ländern gehörten 85 Prozent der Klassen der Sekundarstufen zu Schulen, "die den Weg zum Abitur oder Fachabitur" öffnet. Zudem machten mehr Jungen und Mädchen Abitur oder Fachabitur; 2014 war das mehr als jeder zweite Jugendliche eines Jahrgangs gegenüber 38 Prozent im Jahr 2002. Und immer weniger Schüler verließen die Schule ohne einen Abschluss: 2002 war das noch fast jeder zehnte Hauptschüler, 2014 nicht einmal mehr sechs Prozent.

Doch hinter den Durchschnittswerten verbergen sich immer noch große Unterschiede. So ist der Anteil der Schulabbrecher unter ausländischen Schülern mehr als doppelt so hoch wie unter einheimischen. In Nordrhein-Westfalen, Schleswig-Holstein, Berlin und Sachsen verlässt demnach sogar fast jeder fünfte ausländische Schüler die Schule ohne Abschluss.

Die Leistungen hängen nach wie vor stark von der sozialen Herkunft ab. Trotz leichter Verbesserungen lägen "die Neuntklässler aus benachteiligten Milieus in ihrer Lesekompetenz immer noch zwei Schuljahre hinter ihren Klassenkameraden aus privilegierten Milieus zurück". Aber auch zwischen den Bundesländern gebe es erhebliche Unterschiede im Leistungsniveau. So schneiden Schüler aus Sachsen, Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein und Thüringen in der Lesekompetenz deutlich besser ab als ihre Altersgenossen in Bremen, Berlin, Hessen und, vielleicht überraschend, auch Baden-Württemberg, das vor sechs Jahren noch einen Spitzenplatz eingenommen hatte. Der Rückstand betrage mehr als drei Schuljahre, schreiben die Forscher.

Auch Stadt-Land-Unterschiede traten zutage. Demnach liegen Neuntklässler aus den Stadtstaaten Berlin und Bremen in der Lesekompetenz zwei Schuljahre hinter ihren Altersgenossen in den umliegenden Flächenländern Brandenburg und Niedersachsen zurück.

Investitionen, Ganztagsplätze und vergleichbare Standards gefragt

Die Autoren der Studie bemängeln, wenn es in diesem Reformtempo weitergehe, werde es noch Jahrzehnte dauern, bis sich die Unterschiede angleichen. Dabei sei es doch Aufgabe eines öffentlichen Schulsystems, für "vergleichbare Chancen zu sorgen und ein Mindestmaß an Fähigkeiten zu vermitteln". Aber wenn die individuelle Förderung nicht vorangetrieben und in allen Schulformen verankert werde, "werden die Unterschiede zwischen Kindern aus bildungsnahen und bildungsfernen Schichten sich nicht verringern", warnen die Forscher.

Auch die vielen jungen Flüchtlinge stellen die Schulen vor große Herausforderungen. Ziel sei, zugewanderten Jugendlichen zumindest einen Hauptschulabschluss zu ermöglichen, "auch wenn sie nur einen Teil des deutschen Schulsystems durchlaufen haben", heißt es in der Studie.

Wie das alles gehen soll? Bund und Länder sollten mehr in die Schulsysteme investieren, einen Rechtsanspruch auf Ganztagsplätze schaffen und die Inklusion von Kindern mit besonderem Förderbedarf vorantreiben. Dafür seien gemeinsame Qualitätsstandards dringend nötig, fordern die Bildungsforscher. Doch dabei gelte trotz aller Kritik am geringen Reformtempo:"Qualität vor Geschwindigkeit".