Viel hat sich getan an deutschen Schulen, nachdem das Land durch die erste Pisa-Studie im Jahr 2000 aufgescheucht wurde. Den Schulen wurden seinerzeit nicht nur unterdurchschnittliche Leistungen, sondern auch katastrophale Ungerechtigkeit bescheinigt. Der Chancenspiegel der Bertelsmann-Stiftung zieht Bilanz, was sich zwischen 2002 und 2014 getan hat. Und die sieht auf den ersten Blick sehr gut aus: Die Leistungen der 15-Jährigen sind im Schnitt besser geworden. Es gibt mehr Schüler, die Abitur machen und weniger, die ohne Hauptschulabschluss in die Welt gehen. Na ja – die Zahl der Schulabgänger ohne Abschluss wächst gerade wieder.

Ein paar Rezepte sollten die Rettung bringen, darunter vor allem die Ganztagsschule, das gemeinsame und individuelle Lernen, und die Inklusion von behinderten Kindern. Jeder dritte Schüler besucht heute eine Ganztagsschule. Und bald jeder dritte Förderschüler lernt inzwischen nicht mehr in einer Förderschule, sondern in einer Regelschule. Klingt auch gut.

Nur gerecht ist das deutsche Schulsystem deshalb immer noch nicht. Kinder aus armen oder nicht Deutsch sprechenden Familien hängen oft zwei bis drei Jahre hinterher mit dem, was sie wissen und können. Deutschland soll schneller machen mit Inklusion, Ganztagsschulen und individueller Förderung, fordern deshalb die Autoren des Chancenspiegels, vor allem weil die Schere zwischen den Bundesländern immer weiter auseinanderdriftet. Die kleinen Bundesländer sind viel weiter als die Flächenländer. Doch schneller und mehr wird den Unterschied nicht ausmachen – und kann teilweise sogar Schaden anrichten.

Der Fokus liegt auf der Betreuung

Zum Beispiel Hamburg. Hier gehen inzwischen über 80 Prozent der Schüler ganztags in die Schule. Aber die Stadt hat deshalb nicht weniger ausländische Schulabgänger ohne Hauptschulabschluss als der Bundesschnitt. Hier gibt es außerdem nach wie vor besonders große Leistungsunterschiede zwischen Schülern aus gebildetem Elternhaus und Schülern aus sozial schwierigen Familien.

Ganztagsschulen sind offensichtlich allein nicht die Lösung. Sie sollten von Anfang an auch gleich zwei Probleme lösen: dass die Kinder arbeitender Eltern am Nachmittag verlässlich und gut betreut werden– und eben für mehr Gerechtigkeit sorgen. Der Fokus hat sich bundesweit zunehmend auf die Betreuung verschoben.

Die gelingt mal schlecht: 40 Kinder sitzen in einem Klassenraum und machen Lärm; der Student, der die Hausaufgabenhilfe betreut, hat keinen Ahnung und es ist sowieso zu laut, um sich zu konzentrieren. Mal läuft es auch sehr gut: Dann gibt es Kooperationen mit Sportvereinen und Musikschulen; es werden Antiaggressionstrainings, Bastel- oder Schachclubs angeboten, je nach Bedürfnissen und Interessen der Schüler. Benachteiligte Jugendliche werden tatsächlich in Ganztagsschulen sozial kompetenter, zeigte eine Studie. Das ist ein großer, wichtiger Erfolg.

Nur werden ihre Leistungen in der Ganztagsschule nicht automatisch besser. Dazu müssten Vormittags- und Nachmittagsangebot besser miteinander verzahnt werden. Damit Schüler in den Fächern gefördert werden, wo sie schlecht klarkommen beziehungsweise besonders talentiert sind. Etwa indem Lehrer oder Erzieher am Nachmittag Stoff vom Vormittag aufgreifen und in Projekten vertiefen. Indem Schüler individuell und gezielt Förderunterricht bekommen statt einer Hausaufgabenhilfe für alle.