Die Elternfrage: An welcher weiterführenden Schule sollen wir unseren Sohn anmelden? Zwar hält die Grundschullehrerin unseren Sohn nicht fürs Gymnasium geeignet, aber in unserem Bundesland zählt letztlich der Elternwunsch. So stellt sich uns eine doppelte Frage: Für welche Schulform sollen wir uns entscheiden? Und dann: Welche konkrete Schule sollen wir wählen? Von jeder Sorte bieten sich bei uns gleich mehrere an.

Jedes Jahr stehen 700.000 Eltern vor diesem kniffligen Problem – ein gutes Beispiel dafür, dass größere Freiheit auch schnell zur Last werden kann. Wenn die Fachleute nicht mehr das Sagen haben, muss der Bürger sich zwar weniger fügen, aber er gerät eben auch schnell an den Schwarzen Peter.

Grundsätzlich ist es nämlich so, dass die beste Schulform für ein Kind nicht diejenige ist, zu der die meisten seiner Freunde wechseln oder von der seine Eltern sich später das höchste Einkommen versprechen. Das Hauptkriterium für eine gute schulische Entwicklung ist vielmehr, dass Kinder durch Leistungserwartungen und Lerntempo einer Schulart weder dauerhaft über- noch unterfordert werden. Sie sollten sich ständig herausgefordert fühlen, aber auch immer wieder Erfolge beim Lernen erleben. Für ihren Sohn könnte also die günstigste Schulform eine sein, die unterschiedlichen Lerngeschwindigkeiten Raum gibt und verschiedene Abschlussniveaus anbietet (also eine Gesamt-, Mittel-, Sekundar- oder Stadtteilschule – in allen Bundesländern gibt es unterschiedliche Konzepte). Eine Alternative wären auch Realschulen, das sind vielfach überschaubarere, persönlichere Einrichtungen, mit oft weniger breitem Leistungsspektrum.  

Wenn dann im Laufe der Pubertät die Arbeitshaltung Ihres Sohnes reift und seine Leistungsfähigkeit steigt, könnte er nach einem guten mittleren Abschluss immer noch eine gymnasiale Oberstufe besuchen beziehungsweise beruhigt dorthin wechseln. Zeigt sich hingegen in den nächsten Jahren, dass seine Stärken nicht primär im kognitiven Bereich liegen, dass er (noch) kein Buchtyp ist, wird ihn ein Ausbildungsplatz erleichtern. Zudem war die Zeit in der Sekundarstufe I in diesem Fall auch keine Loserphase für ihn – und das ist für das jugendliche Selbstwertgefühl allemal besser, als hätte er sich in den labilen Jahren der Pubertät ständig als Versager der Gymnasialklasse gefühlt.

Eigentlich könnte man die Sache mit dem Abitur viel lockerer sehen: Es gibt in Deutschland nämlich 54 verschiedene Wege zur Hochschulreife – warum muss es denn unbedingt der schnellste und kürzeste sein, gerade wenn die Eignung des Kindes noch unklar ist? Eltern hätten es leichter, wenn in allen Bundesländern der Wechsel zum Gymnasium an klare Kriterien geknüpft wäre, wenn ein Kind etwa zwei der drei folgenden Bedingungen erfüllen müsste: Die Grundschule muss den Wechsel befürworten, es muss einen standardisierten Test bestehen, es muss einen mindestens einwöchigen Probeunterricht am Gymnasium erfolgreich absolvieren.

Einfacher ist vielleicht – wenn überhaupt möglich – die Wahl des konkreten Schulortes. Sie müssen für Ihr Kind nämlich gar keine Leuchtturmschule suchen, also eine mit einem Schulpreis ausgezeichnete Schule. Denn Schulpreise werden nicht zwangsläufig für herausragende Unterrichtsqualität oder Leistungsergebnisse vergeben, sondern oftmals nur für besondere Aspekte des sonstigen Schullebens – und die sind abhängig von (nicht immer forschungsbasierten) Kriterien der Preisstifter. Nein, eine gute Schule in in der Nähe reicht völlig aus. Gut heißt, dass die Lehrer dort mit Führungsfreude und Feingefühl unterrichten, dass sie offene Ohren und gute Instrumente für die unterschiedlichen Bedürfnisse der Kinder haben, und dass sie Leistungen und Verhalten der Schüler ehrlich beurteilen. Und wie findet man heraus, ob das so ist? An Tagen der offenen Tür präsentieren Schulen sich verständlicherweise von ihrer Schokoladenseite, die offiziellen Schulinspektionsberichte wiederum sind oftmals wenig aussagekräftig. Ob etwa ein "Selbstlernzentrum" Schüler wirklich weiterbringt, hängt nämlich von den konkreten Umständen ab, und "Wir leben Vielfalt" ist eine eher aussagearme Parole.

Wie aber der pädagogische Alltag aussieht, erfährt man häufig ganz gut, wenn man tagsüber mal in eine Schule hineinschnuppert, vor allem aber, wenn man sich auf dem samstäglichen Markt umhört und die Erfahrungen erkundet, die andere Eltern mit den Lehrern und der Schulleitung haben.

Entscheidend (laut Hattie-Studie jedenfalls mindestens dreimal so wichtig wie alle anderen Umstände) ist letztlich, an welchen konkreten Klassenlehrer und an welches Fachlehrerteam Ihr Sohn gerät – das aber können Sie gerade nicht beeinflussen.  

Deshalb haben die Verwandten und Freunde doch ein wenig recht, die Ihrem Sohn schon zur Einschulung "Viel Glück!" gewünscht haben. Im Übrigen braucht ein Kind für eine gute Entwicklung keineswegs nur Pädagogen allererster Güte – der erste "Ernst des Lebens" besteht schließlich auch darin, an holprigen Umständen zu wachsen und zu reifen.