Heute werden bundesweit an etwa 20 Prozent aller Grundschulen die Kinder altersgemischt unterrichtet. Das sogenannte jahrgangsübergreifende Lernen ist nach dem Pisa-Schock in vielen Bundesländern mit einiger Euphorie eingeführt worden. In Berlin jedoch hatte der damalige Bildungssenator Klaus Böger (SPD) vor zwölf Jahren sogar alle Grundschulen auf die Reform verpflichtet – und eine Dauerdebatte darüber ausgelöst. Viele Lehrer und Eltern waren verunsichert. Deshalb dürfen die Berliner Grundschulen seit 2010 wieder frei wählen, ob sie in den ersten zwei bis drei Schuljahren altershomogen oder altersgemischt unterrichten. Die gemeinsam mit dem jahrgangsübergreifenden Lernen (JüL) eingeführte Einschulung mit fünf Jahren wurde im Übrigen ganz ganz abgeschafft, nachdem die Lehrer mit kleinen Kindern konfrontiert wurden, die nicht ohne Stofftier in die Schule kommen wollten und manchmal sogar noch nicht trocken waren. Wie sieht die Bilanz von JüL nun aus?

Zunächst die Idee: Beim jahrgangsübergreifenden Lernen sollen die Schüler in gemischten Lerngruppen ihrem Leistungsniveau entsprechend gefördert werden. Ältere Kinder sollen jüngere unterstützen, jüngere von den älteren lernen.

Jedes Kind erhält einen individuellen Wochenplan, je nachdem was ein Kind schon kann und wie viel Herausforderung es verträgt. Zudem sollen laut Senatsverwaltung in den JüL-Gruppen mehr Pädagogen arbeiten als üblich.

Ferner wurde das Sitzenbleiben in ein "Verweilen" umgewandelt. Schüler, die am Anfang mehr Zeit benötigen, bleiben einfach ein Jahr länger in der neu eingerichteten "flexiblen Schulanfangsphase". So sollen sie sich nicht an eine neue Klasse gewöhnen müssen. Auch schulbürokratisch wird dieses "Verweilen" nicht als Sitzenbleiben gezählt. Schnell-Lerner wiederum können problemlos ein Jahr überspringen.

In der Theorie eine gute Sache

Viele Schulleiter, Lehrer und Eltern finden, dass JüL – in der Theorie – eine gute Sache ist. Wer möchte nicht, dass der Nachwuchs  gemäß seinen Stärken und Schwächen gefördert wird? Viele denken auch an das Idyll einer Dorfschule, in dem Kinder aus allen Altersstufen gemeinsam lernen. Dass Kinder sich von anderen Kindern oft eher etwas aneignen als von Erwachsenen, ist auch überzeugend. Nicht ohne Grund sind Kinder mit älteren Geschwistern oft den anderen voraus. 

Manche Erstklässler sind außerdem schon sehr reif und lernen schnell, andere brauchen länger. Sowohl die Eltern als auch die Kindergärten bereiten unterschiedlich gut auf die Schule vor. Deshalb ist ein individualisierter Einstieg in die Schullaufbahn sinnvoll und fair. 

Aber: Für Lehrer bedeutet es viel mehr Aufwand und Vorbereitung, Kinder im Alter zwischen sechs und zehn Jahren zu unterrichten, als mit einer altershomogenen Klasse zu arbeiten. In einer Lerngruppe mit 25 oder mehr Schülern schaffen sie es in der Praxis oft nicht, auf jedes Kind einzugehen, wenn sie sehr unterschiedliche Voraussetzungen finden. Dafür müssten die Lerngruppen zahlenmäßig viel kleiner sein oder es müssten konstant zwei Lehrer unterrichten. So erzählt eine zunehmend frustrierte Lehrerin von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, es sei allein sehr schwierig, "einer Gruppe von Kindern im Alter von fünfeinhalb bis neun Jahren etwas vorzulesen, das allen Ansprüchen gerecht wird".

Bei allem Idealismus in den frühen nuller Jahren und dem großen Reformwunsch nach Pisa wurde leider vergessen, die Schulen für JüL personell  besser auszustatten. Es steht zwar jedem Lehrer für einige Stunden in der Woche ein Erzieher zur Seite, sodass die Schüler in Gruppen aufgeteilt werden können. Aber für einen zweiten Lehrer fehlt meist das Geld, für die versprochenen neuen Lernmittel natürlich auch.