Freundschaft und Werte, Zuwendung und Unterstützung – das ist es, worauf es laut Andreas Schleicher, dem Pisa-Koordinator der OECD, ankommt, damit Jugendliche sich im Leben und in der Schule wohlfühlen. Schleicher hält die aktuelle Auswertung der Pisa-Studie von 2015 für besonders spannend, denn sie konzentriert sich erstmals auf die Frage, wie zufrieden die befragten Jugendlichen in der Schule sind. Die Pisa-Studien sind zwar als Leistungsrankings berühmt. Aber sie fragen immer auch, was Schüler brauchen, um gut zu lernen. Auf den Antworten der 15-Jährigen basiert die neue Auswertung.

Zwar sei aus den Daten nicht immer eine Kausalität abzuleiten, sagt Schleicher. So zeigt sich etwa, dass Jugendliche, die dreimal die Woche Sport haben (in Deutschland gibt es ihn oft nur einmal die Woche) zufriedener sind als andere. Aber ob das an dem Mehr an Bewegung liegt oder vielleicht eine positive Schulkultur einfach mehr Sportunterricht vorsieht, kann man aus den Daten nicht erkennen. Zwar scheint es logisch, dass Jugendliche, die mehr als sechs Stunden täglich vor dem Computer spielen oder chatten, sich in der Schule einsamer fühlen und weniger leistungsstark sind. Aber die Studie stellt nur den Zusammenhang fest und nicht, was Ursache ist und was Wirkung. Es kann also auch umgekehrt sein: dass Schüler, die unglücklich in der Schule sind, sich häufiger in virtuelle Welten flüchten.

Deutlich wird aber, dass Zuwendung und Wohlbefinden zusammengehören und Wohlbefinden und Leistung auch. Angst vor Prüfungen hingegen oder davor, ausgelacht oder ignoriert zu werden, passen nicht zu Motivation und guten Leistungen. Großer Druck und Abwertung sind kontraproduktiv.

Grundsätzlich ist aber die Mehrheit der befragten 15-Jährigen in der Schule und im Leben zufrieden, und zwar in allen Ländern, die 2015 an der Pisa-Studie teilgenommen haben. Die deutschen Schüler liegen insgesamt im guten Mittelfeld. Zwar sind die Unterschiede zwischen den Ländern, zwischen den Geschlechtern und  zwischen Schülern aus unterschiedlichen sozialen Schichten enorm. Aber nur etwa zehn bis zwölf Prozent der Jugendlichen geht es insgesamt schlecht. Worauf kommt es also an?

Leistung macht nicht glücklich

Auf Höchstleistungen jedenfalls nicht. Sie allein machen interessanterweise nicht glücklich: Jugendliche, die besonders gut lernen, sind im Schnitt nur wenig zufriedener mit ihrem Leben als die anderen. In einigen Ländern, die in Naturwissenschaften und Mathe regelmäßig besonders gut abschneiden, zum Beispiel Südkorea oder Japan, fühlen sich die Schüler sogar vergleichsweise unglücklich. Aber einen Zusammenhang zwischen guten Leistungen und Unglück gibt es nicht: In Ländern wie Finnland, den Niederlanden und der Schweiz gehen gute Ergebnisse mit einer hohen Lebenszufriedenheit einher. Auch viele Prüfungen und viele Hausaufgaben an sich machen nicht glücklicher oder unglücklicher. 

Die Zuwendung der Lehrer

In Deutschland fürchten sich Schüler im internationalen Vergleich selten vor Hausaufgaben und Prüfungen, nur die Schweiz hat hier noch einen besseren Wert. Allerdings ist der Unterschied zwischen guten und schlechten Schülern hierzulande enorm. Die schlechten haben in Deutschland viel mehr Angst zu versagen – das ist in vielen Ländern nicht so. Außerdem fürchten sich deutlich mehr Mädchen vor Tests als Jungen (64 Prozent im Vergleich zu 47 Prozent der Jungen). Und so sind denn auch die Jungen viel zufriedener mit ihrem Leben als die Mädchen.

Lehrer können hier viel bewirken. Schüler, die darauf vertrauen, dass ihr Lehrer weiß, was sie können, und hilft, wenn einer etwas nicht versteht, haben deutlich weniger Angst vor Prüfungen, als die, die ihren Lehrer als unfair oder abwertend empfinden. Einer von fünf Schülern sagt, er sei von Lehrern beleidigt, lächerlich gemacht oder unfair bestraft worden. Die Angst vor Prüfungen wird in dem Fall größer und die Fähigkeit sich selbst für eigene Ziele zu motivieren, kleiner.

Warum Mädchen sich von ihren Lehrern weniger unterstützt fühlen als Jungen, lässt sich aus der Studie nicht ableiten, schneiden sie doch in Leistungstests oftmals besser ab als die Jungen. Dennoch: Die Lehrer sollten Lösungen entwickeln, wie sie die Mädchen sozial und emotional besser mitnehmen können, sagt Schleicher.

Freunde unter den Mitschülern

Ein entscheidender Faktor dafür, ob sich Jugendliche in der Schule wohl fühlen, ist, ob sie gute Freunde finden. Umgekehrt fühlen sich die schlecht, die Hänseleien und Mobbing ausgesetzt sind. Etwa 15 Prozent der deutschen Schüler erleben mehrmals im Monat, dass sie ausgegrenzt werden oder dass Mitschüler über sie lachen oder lästern. Zwar sind harte Mobbingfälle wie Drohungen und Schläge selten – aber auch das trifft immer noch etwa einen in jeder Klasse. Gemobbte Schüler haben oft schlechte Noten und brechen die Schule früher ab. Mädchen sind zwar seltener von physischer Gewalt betroffen als Jungen, dafür aber werden häufiger gemeine Gerüchte über sie verbreitet.

Deutsche Schulen tun noch viel zu wenig gegen Mobbing, sagt Schleicher. Lehrer müssten mehr Stunden für das Soziale zugestanden werden, damit die Kinder sich verstanden fühlen. Doch dafür haben die Pädagogen hierzulande zu wenig Zeit. Außerdem gibt es in den Ländern weniger Mobbing, in denen eine gewisse Disziplin im Klassenzimmer herrscht. Auch ein Zugehörigkeitsgefühl aller zur Schule hilft, allerdings nimmt dieser Zusammenhalt seit 2003 weltweit ab. Warum das so ist, kann die Studie nicht beantworten.

Das Interesse der Eltern

Jedenfalls sollten Lehrer gemeinsam mit den Eltern gegen Mobbing vorgehen, sagt Schleicher. Denn obwohl in Pisa-Studien 15-Jährige befragt wurden – die Eltern spielen immer noch die größte Rolle für das Wohlbefinden ihrer Kinder, auch für ihre Zufriedenheit in der Schule. Dabei geht es gar nicht darum, dass sie bei den Matheaufgaben helfen oder beim Abendbrot über philosophische Fragen diskutieren. Das Wichtigste sei laut Schleicher, dass Eltern sich Zeit nehmen, überhaupt mit ihren Kinder zusammen zu sein: zu reden, gemeinsam zu essen und sich dafür zu interessieren, wie es in der Schule läuft. Denn Kinder, deren Eltern sie ernst nehmen, werden seltener gemobbt und fühlen sich seltener einsam in der Schule als andere. Sie sind motivierter, Bestnoten zu erreichen, und finden leichter Freunde.

Hier schlägt die Auswertung wieder einen Bogen zu allen anderen Pisa-Studien. Nicht nur die Motivation zu lernen, der Erfolg in der Schule, auch das Glück oder Unglück der Kinder hängt offensichtlich vom Elternhaus ab. Und Kinder aus sozial benachteiligten oder aus Migrantenfamilien haben häufiger überforderte Eltern als andere. Dass Lehrer und Eltern öfter miteinander sprechen und dabei nicht nur über Schulnoten reden, ist also keine hohle Forderung. Es ist dringend notwendig, damit alle Kinder bessere Chancen auf ein erfolgreiches – aber auch glückliches Leben haben.