Über Weniges streiten die Deutschen so gern und so leidenschaftlich wie über die Frage, ob das Gymnasium acht oder neun Jahre dauern soll. In vielen Bundesländern führte das zu Reformen, in einigen dann wieder zur Reform der Reform. Bayern wird beispielsweise ab September 2017 wieder zum neunjährigen Gymnasium zurückkehren. Ehrgeizige Schüler sollen jedoch eine Klasse überspringen dürfen, wenn sie nach acht Jahren Abitur machen wollen.

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat nun die mittelfristigen Folgen des G8-Systems untersucht. Sind bislang eher die Auswirkungen während der Schulzeit erforscht (mehr Stress bei konstanter Leistung), fanden die DIW-Bildungsökonomen Jan Marcus und Vaishali Zambre nun heraus: Das achtjährige Gymnasium macht Abiturienten studienmüde.

G8-Abiturienten beginnen demnach im Vergleich zu G9-Abiturienten um sechs Prozentpunkte weniger ein Studium. Frühere Schätzungen sahen die Differenz nur halb so groß. Manche Abiturienten lassen sich Zeit und machen nach der Schule eine Pause, etwa um die Welt zu bereisen, Berufserfahrung zu sammeln oder sich freiwillig zu engagieren. Andere studieren auch Jahre später nicht. Die Studienentscheidungen bleiben offenbar langfristig bestehen.

Mehr Studienwechsel und Abbrecher

Auch im Studium zeigen sich signifikante Folgen. Studierende aus G8-Jahrgängen scheinen orientierungsloser: Sie wechseln zu 15 Prozent häufiger ihr Studienfach und brechen zu 14 Prozent häufiger ihr Studium komplett ab. Das Phänomen tritt laut Studie in allen Bundesländern auf – also unabhängig von Ost und West, und auch unabhängig von einem früheren oder späteren Einführungszeitpunkt. Außerdem gebe es keine Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Für die Studie haben Marcus und Zambre Datensammlungen der amtlichen Studentenstatistik für die Abiturjahrgänge 2002 bis 2013 ausgewertet. Schlüsselereignisse wie die Aussetzung der Wehrpflicht oder die Abschaffung von Studiengebühren haben sie herausgerechnet.

Aus den Befunden leiten die Ökonomen allerdings keine Empfehlung zu einer Rückkehr zum G9 ab. "Ein wichtiges Ziel der G8-Reform war, dass Abiturientinnen und Abiturienten früher beginnen zu studieren und so auch früher in den Arbeitsmarkt eintreten können", sagt Marcus. Das soll die Sozialversicherungssysteme entlasten, dem Fachkräftemangel entgegenwirken und Nachteile auf dem internationalen Arbeitsmarkt ausgleichen. Und das Ziel der Verjüngung ist grundsätzlich erreicht: Im Durchschnitt sind G8-Abiturienten zum Studienbeginn achteinhalb Monate jünger.

Auch seien die langfristigen Vorteile des achtjährigen Gymnasiums noch gar nicht bekannt. Denkbar wäre ein insgesamt höheres Lebenseinkommen durch den frühen Arbeitsmarkteintritt. Selbst die anfängliche Orientierungslosigkeit nach dem Abitur ist keine per se schlechte Nachricht: Freiwilliges Engagement, Praktika, Sprach- und Bildungsreisen haben gesellschaftlichen und individuellen Nutzen. Schließlich weisen die DIW-Ökonomen noch darauf hin, dass eine erneute Anpassung der Lehrpläne viele Veränderungen für Schüler, Lehrer und die Verwaltung bedeuten würde. Auch würden derzeitige Probleme wie der generelle Ansturm auf Gymnasien nicht gelöst werden.

Soziale Ungleichheit bleibt ein Problem

Frühere empirische Studien zeigen bereits, dass sich Schüler unter einem G8-System stärker belastet fühlen, weil sich Stunden und Inhalte auch einfach auf weniger Jahre verteilen. Die aktuelle DIW-Studie ergänzt nun, dass Abiturienten nach acht Jahren Gymnasium offenbar weniger auf eine akademische Karriere vorbereitet sind als Abiturienten nach neun Jahren Gymnasium. Interessant wäre noch, die Verbindung zur sozialen Ungleichheit zu ziehen, doch zu Bildungshintergrund oder wirtschaftlicher Situation der Eltern lagen den Studienautoren keine Daten vor. Schüler aus sozial schwachen Familien haben weniger Ressourcen, um in der verkürzten Schulzeit trotzdem mithalten zu können und erfolgreich ins Studium zu starten. Studienwechsel und -abbrüche haben für sie ebenfalls andere Auswirkungen als für Studierende aus wohlhabenden, bildungsbürgerlichen Haushalten. Sie dürften also auch die langfristigen Folgen von G8 stärker spüren.