Gerade hat die Highschool-Serie 13 Reasons why auch in Deutschland für viel Aufregung gesorgt. Die 17-jährige Hannah erzählt in 13 Episoden, wie sie von ihren Mitschülern fertig gemacht wird. Sie schafft es nicht, sich ihren Eltern, dem Beratungslehrer oder ihrem Freund anzuvertrauen.

Eine am Dienstag veröffentlichte, nicht repräsentative Studie des Bündnisses gegen Cybermobbing kommt nach Befragung von über 3.000 deutschen Eltern, Lehrern und Schülern zum Ergebnis: Etwa 13 Prozent der Schüler sind schon online gemobbt worden. Auf einen ähnlichen Befund kam die Entwicklungspsychologin Anja Schultze-Krumbholz. Sie hatte in ihrer Dissertation verschiedene deutsche Studien verglichen.

Laut Bündnis gegen Cybermobbing sind 14-Jährige am häufigsten betroffen, aber auch 7-Jährige machen schon Erfahrungen mit Cybermobbing. Jeder zehnte Lehrer sagt, er habe regelmäßig damit zu tun, jeder zweite Lehrer habe es schon einmal erlebt.

Manche Zahlen sind nur bedingt belastbar, denn die Studie definiert Cybermobbing weniger streng als andere. Sie schließt auch Beschimpfungen mit ein, die nicht systematisch stattfinden. Systematisch ausgegrenzt zu werden kann sehr belastend sein, doch hier wurden eventuell Jugendliche eingeschlossen, die sich gemobbt fühlen, nur weil sie von einer Chatgruppe ausgeschlossen wurden. Trotzdem ist die Tendenz aufschlussreich. In einigen Fällen erleben Cybermobbingopfer, dass regelmäßig Gerüchte über sie in die Welt gesetzt und dass sie bedroht oder erpresst werden. Das Mobbing setzt sich dann im realen Schulleben fort, so wie es Hannah in der TV-Serie erlebt.

Etwa jedes dritte Opfer läuft Gefahr, langfristig unter den Folgen des Mobbings zu leiden, so das Bündnis gegen Cybermobbing. Manche Betroffene fangen an, regelmäßig Alkohol zu trinken oder Tabletten zu nehmen. Jeder fünfte Schüler hat über Suizid nachgedacht. Lehrer berichten von Angstzuständen, Leistungsabfall und Konzentrationsstörungen.

Immerhin scheint Cybermobbing abzunehmen. Das Bündnis gegen Cybermobbing hatte bereits 2013 eine ähnliche Studie durchgeführt. Im Vergleich wurden Schüler in der Studie 2017  etwas seltener online gemobbt. Lehrer, Eltern und Schüler sind heute wesentlich besser informiert als 2013. Lehrer geben an, dass es viele Programme gegen Mobbing gibt, Schüler erleben das seltener. Aber das Problem wird ernster genommen und Lehrer gehen selbstverständlicher mit neuen Medien im Unterricht um. 

Broschüren und Mini-Workshops verändern nichts

Doch warum ist Cybermobbing überhaupt so verbreitet? Laut Umfrage geben weniger Schüler als 2013 Spaß und Langeweile als Grund an. Dafür behaupten mehr, dass das Opfer es "verdient" habe. Den Autoren zufolge wird Cybermobbing heute gezielter als 2013 eingesetzt, um andere fertig zu machen.

Die Psychologen Anja Schultze-Krumbholz von der Technischen Universität Berlin und Herbert Scheithauer von der Freien Universität Berlin machen ähnliche Erfahrungen in der Praxis. Manchmal räche sich ein Schulhof-Mobbingopfer im Netz an seinem Peiniger, weil er oder sie sich nicht anders zu helfen wisse. Opfer würden damit selbst zu Tätern. In anderen Fällen können Mobber nicht einschätzen, wie viel Schmerz sie anderen bereiten. Sie sagen: "Ist doch nicht so schlimm, machen doch alle." Online werde außerdem gerne schnell etwas gesagt oder weitergeleitet, das sich dann schwer zurücknehmen lässt. Dann gebe es aber auch jene Jugendlichen, die Cybermobbing strategisch betreiben. Manche versprechen sich davon, besonders cool dazustehen.

Cybermobbing deutet fast immer darauf hin, dass auch im realen Leben schlechte Stimmung herrscht, sagt Scheithauer. Oft füllen die Jugendlichen dabei bestimmte Rollen aus. Da gibt es die Aktiven, die etwa Nacktbilder anderer verschicken, die Jubler, die sie dazu ermutigen, die passiven Zuschauer – und immer auch die, die einschreiten. Das müsse man in der Präventionsarbeit nutzen.

Anti-Mobbing-Programme nützen nur bedingt

Die positiven Nachrichten der Studie des Bündnisses gegen Cybermobbing teilen Scheithauer und Schultze-Krumbholz nicht uneingeschränkt. Mobber erlebten immer wieder, dass ihre Attacken nicht nachgewiesen werden können und keine Konsequenzen haben. Lehrer schauen aus Unsicherheit im Umgang mit Cybermobbing lieber weg. Und selbst, wenn Schüler Plakate basteln, auf denen steht: "Denk an die Opfer!" haben Schüler vielleicht mehr verstanden, Mobber verändern ihr Verhalten aber nicht. Scheithauer sagt: Es reicht nicht aus, die Lehrer fortzubilden, man muss sie auch begleiten.

Deshalb haben Schultze-Krumbholz und Scheithauer das Anti-Mobbing-Programm "Medienhelden" entwickelt. Erst nach mindestens zehn Wochen zeigt es seine Wirkung, denn Prävention braucht Zeit. Ein-Tages-Workshops helfen eher nicht. Bei den Medienhelden geht es zwar auch darum, zu lernen, wie man nicht Opfer oder Täter wird. Die Schüler sollen aber auch spüren, wie sehr Mobbing schmerzt. Schließlich kann die Gruppe daran arbeiten, ihre Einstellungen zu verändern und neue Normen zu entwickeln. Wenn etwa der Mobber bisher als cool galt, muss er die Gelegenheit bekommen, auf anderen Wegen positives Feedback zu bekommen. So kann er erst das Interesse entwickeln, das Mobben einzustellen. Ein wichtiges Element in Scheithauers Programm sind Rollenspiele. "Schüler müssen erleben, was sie sich erarbeiten", sagt Scheithauer. Außerdem können sie üben zu erkennen, wann jemand zum Opfer wird – und wie sie einschreiten können, ohne sich und andere in Gefahr zu bringen.

Schüler erklären den Eltern das Internet

Schließlich bereiten Schüler selbst Elternabende vor, in denen sie den Erwachsenen erklären, wie sie ihre Facebook-Accounts sicherer machen oder mit Kindern reden können, damit die sich ihnen anvertrauen. Sie können den Erwachsenen erklären, wie sehr sich ein Mobbingopfer schämt. Es hat Angst, dass ihm die Schuld gegeben, das Handy entzogen oder dass es von der Schule genommen wird. All das komme als Strafe und nicht als Hilfe an. Die Schüler treten in den Dialog und signalisieren: Wir wissen, was passieren kann und wir können Verantwortung übernehmen.

Und die Eltern können im Notfall für ihre Kinder da sein. Ihre emotionale Unterstützung kann langfristige Folgen von Mobbing mildern. Scheithauer plädiert auch dafür, dass alle Schulen Vertrauenslehrer und Schulsozialarbeiter einstellen – noch eine Person mehr, die weiß, wo die Klassen stehen und die sich für die einzelnen Schüler interessiert.

Für Schultze-Krumbholz können Serien wie 13 Reasons Why ein guter Anlass sein, um Erwachsene und Jugendliche ins Gespräch zu bringen über Mobbing, sofern Eltern ihren Kindern auch Hinweise geben, wo sie sich Hilfe holen können. Dennoch lehnt Scheithauer die Serie ab – wegen des Suizids des Mädchens, der am Ende deutlich gezeigt wird. Für 99 Prozent der Jugendlichen könne eine solch drastische Geschichte als Gesprächsangebot funktionieren. Sie würden den Suizid als abschreckend erleben. Aber wer zum Beispiel schon in einer Depression gefangen ist, könne sich schlimmstenfalls mit dem Mädchen, ihren Motiven und dem Suizid identifizieren. Er sei nicht mehr abschreckend, sondern eine vermeintliche Lösung. Die Serie wurde aus kommerziellen Interessen produziert und die Verantwortung für die Folgen wird einfach weitergereicht.

Neben den Medienhelden gibt es weitere überprüfte Programme zur Prävention und Beratung, etwa juuuport und die Mobbingberatung Berlin Brandenburg.

Haben Sie selbst oder Ihre Kinder oder Schüler Mobbing erlebt? Berichten Sie uns per Mail oder im Kommentarbereich von ihren Erlebnissen.