ZEIT ONLINE: Frau Lokhande, Herr Lorenz, laut Ihrer Studie würde fast ein Drittel der befragten Lehrer die eigenen Kinder nicht auf eine Schule mit vielen Muslimen schicken. Herrschen in deutschen Lehrerzimmern so große Vorbehalte gegenüber dem Islam?

Georg Lorenz: ­Da muss man differenzieren. Wir haben bei unserer Befragung rund 8.000 Bundesbürgern Aussagen zu Muslimen und zur Integration vorgelegt, die sie bewerten sollten. Dabei zeigen sich Lehrer im Schnitt etwas liberaler als die Gesamtbevölkerung. Dort möchte zum Beispiel fast jeder Zweite für die eigenen Kinder keine Schule mit vielen Muslimen. 

ZEIT ONLINE: Kann das beruhigen?

Lorenz: Fakt ist: Auch Lehrkräfte fällen negative Pauschalurteile über Muslime. So meinen 17 Prozent von Ihnen, dass Muslime aggressiver sind als der Rest der Bevölkerung; immerhin 39 Prozent der Lehrer halten Muslime für weniger bildungsorientiert. In der allgemeinen Bevölkerung sind aber deutlich mehr Menschen dieser Ansicht, nämlich 27 Prozent beziehungsweise 45 Prozent. Das heißt, Lehrer zeigen im Schnitt mehr Toleranz. Je jünger sie sind, desto toleranter sind sie. So würden mehr als zwei Drittel der Lehramtsstudierenden einer Lehrerin das Kopftuch in der Schule erlauben. Aber nur knapp ein Drittel der ehemaligen Lehrer sind dafür.

ZEIT ONLINE: Lehrer, die sich kritisch äußern, werden sagen, dass sie keine Vorurteile pflegen, sondern Erfahrungswerte haben.

Mohini Lokhande: Nun, was die Bildungsorientierung betrifft, gibt es andere Belege, die den Vorannahmen von Lehrkräften widersprechen: Wir wissen aus mehreren Studien, dass gerade türkeistämmige Eltern hohe Bildungsziele für ihre Kinder haben. Sie streben häufiger das Abitur an als die Gesamtbevölkerung, äußern öfter den Wunsch, dass ihr Kind studieren soll. Soziologen sprechen von einer Aufwärtsmobilität, während in der deutschen Bevölkerung eher ein Statuserhalt angestrebt wird. Dies widerspricht der Einschätzung eines Teils der Lehrer.

ZEIT ONLINE: In den Bildungsabschlüssen der Migranten schlägt sich das jedoch kaum nieder. Die Abiturquote von Schülern aus türkischen Herkunftsfamilien ist mit 30 im Vergleich zu 50 Prozent der deutschstämmigen Schüler deutlich geringer.

Lokhande: Die Ursachen für die Bildungsbenachteiligung dieser Gruppen sind vielfältig und häufig eng miteinander verzahnt. In unserer Studie haben wir uns auf ein Puzzlestück konzentriert, nämlich auf die Erwartungen und das Verhalten von Lehrkräften gegenüber den Schülern aus zugewanderten Familien.

ZEIT ONLINE: Schlagen sich die im Schnitt niedrigeren Bildungserwartungen von Lehrern für muslimische Schüler denn in der Schule nieder?

Lorenz: Zum Teil ja. In einer Längsschnittstudie haben wir Lehrkräfte in der Grundschule wenige Wochen nach Schulbeginn befragt, mit welcher Wahrscheinlichkeit sie glauben, dass ein Kind später ein Gymnasium besuchen wird. Zugleich haben wir das Leistungsvermögen der Erstklässler getestet. Dabei stellte sich heraus, dass die Lehrer den türkeistämmigen Kindern etwas weniger zutrauen – selbst wenn sie über gleiche Fähigkeiten verfügen. 

ZEIT ONLINE: Welche Folgen hat das?

Lorenz: Solche Erwartungen können wie eine selbsterfüllende Prophezeiung wirken: Schüler, die überschätzt werden, lernen im Verlauf des Schuljahres mehr dazu. Schüler, denen man weniger zutraut, können ihr Potential dagegen nicht voll ausschöpfen. Diesen Mechanismus konnten wir in unserer Studie bestätigen.

ZEIT ONLINE: Inwiefern?

Lorenz: Wir haben in einem recht aufwendigen Verfahren den Unterricht in den Klassen gefilmt und geschaut, wie oft die Lehrer die Kinder drannehmen. Dabei zeigte sich, dass sich Lehrkräfte mit den türkeistämmigen Kindern im Unterricht kürzer beschäftigen und sie seltener aufrufen.