ZEIT ONLINE: Frau Alber, Sie hatten drei Kinder am Gymnasium und sind selbst Lehrerin. In unserer Umfrage zum Unterrichtsausfall haben Sie geschrieben, bei Ihrer 17-jährigen Tochter seien im Schnitt 16 Stunden im Monat ersatzlos ausgefallen, zehn wurden mit Vertretungslehrern abgehalten. Wie kommen Sie auf diese Zahl?

Gerda Alber: Eine Zeit lang habe ich die Ausfallzeiten mitgeschrieben, als ich im Elternbeirat am Gymnasium war. Trotzdem ist diese Zahl natürlich eine Schätzung. Gibt es etwa eine Grippewelle, fehlen gleich 20 Prozent der Lehrer. Ähnlich sieht es aus, wenn die Abiturfahrten anstehen. In anderen Phasen fällt nur selten Unterricht aus. Damit muss man an der Schule umgehen. Besorgt war ich aber, als bei meiner Tochter vier Wochen Mathematik ausgefallen sind. Als endlich ein Fachlehrer als Vertretung in die Klasse kam, sagte der: "Wenn ihr nicht brav seid, mach ich Mathe."

ZEIT ONLINE: Ist es die Regel, dass Vertretungslehrer keinen richtigen Unterricht erteilen?

Alber: Das gilt vor allem in Schularten mit dem sogenanntem Fachlehrerprinzip: Für jedes Fach gibt es einen eigenen Lehrer. In der Mittel- und Unterstufe gilt die Aufsichtspflicht, da muss immer ein Vertretungslehrer in der Klasse sein – und so wird diese Stunde als Unterricht gezählt. Diese offiziellen Zahlen geben aber die Realität nicht wieder. Denn speziell am Gymnasium meiner Kinder war es oftmals so, dass der Vertretungslehrer Klassenarbeiten korrigiert oder  einen Film zeigt. Die Schüler freuen sich. Aber nicht lange. Irgendwann fühlen sie sich nicht mehr ernst genommen, wenn sie an einem Tag den dritten Film anschauen.

ZEIT ONLINE: Welche Folgen hatte es für Ihre Kinder und Sie selbst, dass so viele Stunden ausgefallen sind?

Alber: Für meine mittlere Tochter hatte es gar keine Folgen. Sie hat ihr Abitur mit 1,0 abgeschlossen. Die hat genau gewusst, was die Lehrer erwarten – und dass die Prüfung trotzdem kommt, selbst wenn sie keinen Unterricht hat. Sie ist sehr strukturiert. Das beobachte ich übrigens oft: Die Mädchen haben hier in Bayern bessere Noten und schaffen eher das Abitur als die Jungs – sie organisieren sich auch besser, wenn der Unterricht ausfällt. Die Jungs scheitern viel häufiger. Sie blenden eher aus, welche Konsequenzen es hat, wenn sie keine Eigeninitiative zeigen. So wäre auch mein Sohn sicher gestrauchelt, wenn mein Mann und ich nicht ständig hinter ihm her gewesen wären. Vokabeln lernen, Grammatik. Andere Akademikereltern machen es ähnlich oder engagieren Nachhilfelehrer. Diese Branche floriert. Ich halte das für ein Armutszeugnis für unser Schulsystem.

ZEIT ONLINE: Unterrichtsausfall begünstigt Ihrer Ansicht nach also das Straucheln der Jungs. Und wie ist es mit den sozial Schwachen?

Alber: Unterrichtsausfall ist extrem ungerecht. In einem Akademikerhaushalt wie unserem pauken wir Vokabeln, wenn drei Wochen der Englischunterricht ausfällt. Eltern ohne akademischen Hintergrund denken oft: "Dann haben die Kinder halt ein bisschen freie Zeit, ist doch schön." In Wirklichkeit wird der Stoff dann in kürzerer Zeit vermittelt. Für Übungseinheiten und Vertiefungen ist dann oft keine Zeit mehr. Das ist besonders für schwache Schüler problematisch. Als Lehrerin in Bayern bin ich nämlich auf Gedeih und Verderb verpflichtet, den Lehrplan zu erfüllen, weil dieses Wissen in höheren Klassenstufen vorausgesetzt wird. Oftmals greifen dann Lehrer zu Notfallszenarien: Da heißt es dann: "Das nächste Kapitel bereitet ihr zu Hause vor, Montag wird es abgefragt."