Fast 40 Prozent der Schüler in Deutschland lernen an einer Ganztagsschule. Wie aus einer Studie der Bertelsmann Stiftung hervorgeht, ging im Schuljahr 2002/2003 noch etwa jedes zehnte Kind (9,8 Prozent) auf eine solche Einrichtung, inzwischen sind es vier von zehn Schülern (39,3 Prozent). Allerdings hat sich der Ausbau seit dem Ende des Investitionsprogramms des Bundes im Jahr 2009 verlangsamt.

Dabei gibt es deutliche Unterschiede zwischen den Bundesländern. Im Schuljahr 2015/2016 hatten beim Spitzenreiter Hamburg rund neun von zehn Kindern einen Platz in einer Ganztagsschule (91,5 Prozent), beim Schlusslicht Bayern hingegen nur 16,0 Prozent.

Die Studienautoren haben auch berechnet, wie teuer ein weiterer Ausbau der Ganztagsschulen wäre. Um bis 2025 zumindest 80 Prozent der Schüler einen Ganztagsschulplatz anbieten zu können, müsste die Politik demnach etwa 3,3 Millionen Ganztagsplätze schaffen und 15 Milliarden Euro in die räumliche Infrastruktur investieren. Zudem müssten 47.600 zusätzliche Pädagogen – davon 31.400 Lehrkräfte und 16.200 sonstige Pädagogen wie Sozialarbeiter oder Erzieher –  eingestellt werden. Allein an Personalkosten würden laut Studie 2,6 Milliarden Euro jährlich anfallen.

Um bis 2030 für alle Kinder einen Platz zu haben, müssten pro Jahr mindestens 300.000 zusätzliche Ganztagsschulplätze entstehen. "Das ist eine Größenordnung, die beim Kita- und Krippenausbau selbst in den Zeiten des stärksten Ausbaus nie erreicht wurde", räumt der Experte zum Thema bei der Bertelsmann Stiftung, Dirk Zorn, ein.

Im Wahlkampf hatten mehrere Parteien, etwa die Union, die SPD und die Grüne, einen Rechtsanspruch auf einen Platz in der Ganztagsschule zumindest für Grundschulkinder verlangt. Auch die Bertelsmann Stiftung fordert von der Politik einen solchen Rechtsanspruch. Dies habe auch den Kita- und Krippenausbau erst richtig ins Rollen gebracht, sagte Stiftungsvorstand Jörg Dräger. Experten sehen in Ganztagsschulen die Möglichkeit für die Eltern, Beruf und Familie besser zu vereinbaren. Außerdem sollen Ganztagsschulen die Chancengerechtigkeit verbessern, weil auch Kinder aus bildungsfernen Familien ganztägig gefördert werden könnten.

Nachfrage nach ganztägiger Betreuung unterschiedlich hoch

Die Bertelsmann Stiftung zitiert aus einer Umfrage, wonach sich fast drei von vier Eltern (72 Prozent) einen Platz in einer Ganztagsschule für ihr Kind wünschen. Das Deutsche Jugendinstitut in München (DJI) differenziert jedoch: Danach haben 85 Prozent der Eltern im Osten Bedarf, aber nur 57 Prozent im Westen.

DJI-Direktor Thomas Rauschenbach hält das in der Studie angenommene Ausbautempo für "extrem sportlich" und kaum zu schaffen. Er sieht die Annahmen für die Modellrechnung der Bertelsmann-Studie noch aus einem anderen Grund kritisch. "Es wird immer einen Teil der Eltern geben, die ihre Kinder nicht in die Ganztagsschule geben wollen", sagt er. Für jedes Kind einen Ganztagsschulplatz zu schaffen – wie in dem Modell für 2030 vorgesehen – sei zu viel und gehe am Bedarf der Eltern vorbei.