Eltern kennen folgende Rechnung: "Unterrichtsausfall + Vertretungsunterricht = schlechtere Chancen für mein Kind". Nur wussten sie bisher nicht, welche Zahlen sie in diese Schulgleichung einsetzen müssen. ZEIT und ZEIT ONLINE legen nun die erste bundesweite Erhebung vor, die nachweist, wie viel Unterricht gar nicht oder irregulär stattfindet. Die meisten Kultusminister behaupten, es seien höchstens ein bis zwei Prozent. Aber das entspricht nicht der Realität.

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5,2 Prozent des Unterrichts
fallen aus

Tatsächlich fällt mehr als doppelt so viel Unterricht aus, als Behörden und Bildungsminister behaupten. Es sind gut fünf Prozent. Wie ZEIT und ZEIT ONLINE auf diese Zahl kommen? Wir haben unsere Leser gefragt – und 1.800 Lehrer, 1.100 Eltern und 750 Gymnasiasten über 16 Jahre haben unsere Fragebögen ausgefüllt.

Diese Fragebögen haben wir für diese Recherche erstmals gemeinsam mit dem Marktforschungsteam der Hamburger Firma Statista entwickelt. So konnte Statista hinterher die Daten gewichten und repräsentative Aussagen für ganz Deutschland treffen. Die hohe Zahl der Teilnehmer lässt verlässliche Aussagen darüber zu.

Seither wissen wir nicht nur, wie viel Unterricht ausfällt, sondern auch, wie oft Vertretungsunterricht den Schulalltag stört. Die ausführliche Analyse von Autor Thomas Kerstan lesen Sie dazu in der aktuellen ZEIT.

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4,7 Prozent des Unterrichts
werden vertreten

Im Schnitt werden demnach bundesweit knapp fünf Prozent der Stunden vertreten. Und die Mehrheit der Schüler gibt an, dass ihre Vertretungslehrer nicht auf den normalen Unterrichtsstoff vorbereitet sind. Nur in einem Drittel der Zeit habe regulärer Unterricht stattgefunden, und das auch nicht durchgehend, sagen sie. Insofern können Eltern nun beide Variablen in der Gleichung des Grauens ausfüllen: 5 Prozent Unterrichtsausfall + knapp 5 Prozent Vertretungsunterricht = nahe 10 Prozent schlechte Chancen für mein Kind. So viele Schulstunden finden im Schnitt nicht oder irregulär statt.

Aufbewahren statt unterrichten

Nur ein Drittel der Schüler gibt an, dass in Vertretungsstunden regulärer Unterricht stattfindet.

Regional verteilen sich die Zahlen unterschiedlich. Hier bestätigen die Antworten der Eltern, Lehrer und Schüler die gefühlten Wahrheiten über die Schulpolitik in den einzelnen Bundesländern weitgehend. Baden-Württemberg und Hessen stehen besser da als der Bundesschnitt, Niedersachsen etwas schlechter (Bayern allerdings auch) – aber Nordrhein-Westfalen ist weit abgeschlagen. 

So trug in Düsseldorf  die Unzufriedenheit der Eltern und Lehrer über die Bildungspolitik erheblich zur Abwahl der rot-grünen Landesregierung bei, und auch im niedersächsischen Wahlkampf spielen Schulpolitik, Lehrermangel und Unterrichtsausfall eine entscheidende Rolle. Die Landtagswahl findet in zehn Tagen am 15. Oktober statt.

Anteil ersatzlos ausgefallener Unterrichtsstunden

In Prozent der monatlichen Gesamtunterrichtsstunden (Elternangaben aus Bundesländern mit ausreichender Fallzahl)

Als wäre das noch nicht genug, schlagen sich in unserer Erhebung klar die sozialen Unterschiede in Deutschland nieder. Dort, wo mehr Wohlhabende leben, melden Eltern mit einem Haushaltsnettoeinkommen von mehr als 5.000 Euro nur 2,8 Prozent Unterrichtsausfall. Familien aus ärmeren Regionen mit einem Nettohaushaltseinkommen von weniger als 3.000 Euro müssen mit viel mehr Fehlzeiten für ihre Kinder rechnen: mit skandalösen 11,8 Prozent.

Bei solchen Ergebnissen stellt sich umso mehr die Frage: Wieso finden sich diese Zahlen nicht in den offiziellen Statistiken? Wer bei der Kultusministerkonferenz nachfragt, in der alle 16 Bildungsminister zusammenkommen, dem wird beschieden, dass die Statistiken der einzelnen Bundesländer so unterschiedlich seien, dass man sie nicht in einer bundesweiten Statistik zusammenfassen könne. Fragt man in den 16 Kultusministerien einzeln nach, bekommt man tatsächlich methodisch nicht vergleichbare Zahlen mit erstaunlich niedrigen Werten überreicht. Die Zahlen werden also seit Jahren und Jahrzehnten nicht einheitlich erhoben – und offenbar auch nicht umfassend. Das grenzt angesichts der herrschenden Verhältnisse an unterlassene Hilfeleistung für Schüler und Eltern.

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2,8 Prozent Unterrichtsausfall in
Regionen mit
hohem Haushalts­einkommen
11,8 Prozent Unterrichtsausfall in
Regionen mit
niedrigem Haushalts­einkommen

Ursachen für diese Gerechtigkeitslücke liefern die Antworten der Lehrer, Eltern und Schüler nicht. Aber es ist plausibel, zweierlei anzunehmen: Erstens spielt es eine Rolle, in welcher Region ein Kind zur Schule geht. In ländlichen Regionen, zumal in Ostdeutschland, aber auch in strukturschwachen Gegenden im Westen, ist der Staat schwächer als anderswo. Die Steuereinnahmen sind niedriger und damit der Spielraum knapper, Schulen gut auszustatten. Verstärkt wird dieser Umstand durch einen allgemeinen Lehrermangel. Ein Bundesland oder eine Stadt, die bessere Arbeitsbedingungen und mehr Lebensqualität bieten kann, zieht tendenziell mehr junge Lehrer an. Oder andersherum gesprochen: Fällt ein Lehrer auf dem Land aus, ist es dort oft schwerer, einen Ersatz zu finden.

Lesen Sie dazu auch "Totalausfall" und weitere Artikel zum Thema in der aktuellen Zeit Nr. 41 vom 5. Oktober 2017.

Ein zweiter Grund könnte sein, dass sich besser verdienende Eltern mehr Gehör verschaffen können, sich schneller organisieren und damit mehr politischen Druck ausüben, wenn die Situation an der Schule ihrer Kinder zu wünschen übrig lässt. Belegen lässt sich das anhand der Antworten unserer Leser nicht. Aber denkt man etwa an das Volksbegehren in Hamburg, mit dem bildungsbürgerliche Eltern die Verlängerung der Grundschule verhindert haben, erscheint so der Zusammenhang plausibel.

Bleibt noch die Frage, welche Fächer eigentlich am häufigsten ausfallen. Und hier sagen unsere Leser: Es sind Deutsch, Englisch und Biologie. Eltern und Schüler stimmen in den Fächern überein, sie erinnern sich nur leicht unterschiedlich, sodass sich eine etwas anders sortierte Reihenfolge der Fächer ergibt. Wir zeigen in der Grafik die Angaben der Schüler.

Welche Fächer fallen am häufigsten aus?

Rangliste der Ausfälle nach Angaben der Schüler

Wird der Ausfall vermieden und es findet Vertretungsunterricht statt, wird dieser vielfach von Lehren gegeben, die gar nicht in dem Fach ausgebildet sind, das sie unterrichten sollen; in Mathematik sind mehr als die Hälfte fachfremde Lehrkräfte, in Kunst, Französisch und Latein gar mehr als 80 Prozent.

Vertretungsstunden durch fachfremde Lehrkräfte

In einigen Fächern hat es mehr Folgen als in anderen, wenn ein Kollege ausfällt. Beispiel: Im Fach Chemie wird zu 72 Prozent Vertretungsunterrricht von Lehrern gegeben, die selbst nicht in diesem Fach ausgebildet sind. (Angaben der Lehrer)

Am Ende trifft die einzelne Schule nur eine Teilschuld an der Misere. Direktoren beeinflussen weder die Zahl der Lehramtsstudenten noch den Bildungsetat eines Landes. Aber zugleich ist festzustellen, dass Schulen die Eltern oft im Unklaren über die wahre Situation im Unterricht lassen. Nicht mal die Hälfte der Eltern wird regelmäßig und umfassend über Ausfälle informiert, von Vertretungen ganz zu schweigen. Die meisten Informationen liefern die Schüler nach Hause. Damit verpassen Schulen eine Gelegenheit, Eltern jene Informationen an die Hand zu geben, mit denen sich politischer Druck erzeugen ließe.

Eltern werden offiziell nicht informiert

Die Hälfte aller Eltern wird nicht auf offiziellem Wege über Unterrichtsausfälle informiert. Von Ausfällen erfahren sie meist von ihren Kindern; das sagen 92 Prozent der Eltern.

So haben wir gerechnet

Bei unserer Umfrage haben mehr Menschen mit einem hohen Nettoeinkommen geantwortet, als es sie im Bundesdurchschnitt gibt. Deshalb wurden die Umfragedaten von Statista mit Strukturdaten aus dem Schuljahr 2015/2016 abgeglichen. Das heißt: Die Differenz zwischen den Teilnehmern und dem Bundesdurchschnitt wurde bei der Gewichtung der Aussagen berücksichtigt. Vergleichbares geschah an weiteren Stellen: So wurden die Daten der Lehrer etwa hinsichtlich der Merkmale Geschlecht, Alter, Bundesland und Schulform gewichtet. Dadurch konnten wir erstmals im deutschen Journalismus aus einer Leserbefragung repräsentative Aussagen für das ganze Land ableiten.

* Was in den Ergebnissen fehlt: Antworten von Schülern, die jünger sind als 16 Jahre, und solchen an Berufsschulen. Sie haben nicht in ausreichender Zahl an unserer Umfrage teilgenommen, sodass wir hier keine repräsentativen Schülerergebnisse ableiten konnten. Aber in den bundesweiten Ergebnissen ist deren Schulalltag enthalten, weil viele ihrer Lehrer mitgemacht haben.