Nur zwei Vorgaben müssen Lehrer überall in Deutschland erfüllen, wenn sie Kindern das Schreiben beibringen: Die Schüler üben zuerst Druckbuchstaben und am Ende der vierten Klasse sollen sie eine individuelle Handschrift gefunden haben, die sie flüssig und leserlich schreiben können. So steht es in den Bildungsstandards für die Grundschule, die seit 2004 bundesweit gelten. Wie die Kinder zur eigenen Handschrift kommen, ist Länder- oder manchmal sogar Lehrersache – und darüber tobt ein erbitterter Streit.

Die Lateinische Ausgangsschrift wurde 1953 in Deutschland eingeführt.

In Bayern, Baden-Württemberg, Sachsen, Niedersachsen und Schleswig-Holstein müssen alle Kinder nach der Druckschrift eine verbundene Schreibschrift lernen. Das heißt, sie üben eine von drei üblichen Schriften mit Schleifen und Häkchen, in der alle Buchstaben in einem Wort miteinander verbunden werden. In Bayern wählen die Lehrer schon im zweiten Halbjahr der ersten Klasse zwischen Vereinfachter Ausgangsschrift und Schulausgangsschrift.

Die Schulausgangsschrift wurde 1968 in der DDR eingeführt. Sie wird auch in vielen westlichen Bundesländern verwendet.

In den meisten anderen Bundesländern geht es mit der Schreibschrift in der zweiten Klasse los, oft erst dann, wenn die Druckbuchstaben wirklich beherrscht werden. In Baden-Württemberg lernen Schüler die Lateinische Ausgangsschrift oder die Vereinfachte Ausgangsschrift. Schüler aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen etwa schreiben meist die Schulausgangsschrift, die in der DDR entwickelt wurde. Oft haben die Schulen aber völlige Freiheit, zwischen den dreien zu entscheiden.

Schwung in die Druckbuchstaben

Neben diesem Wirrwarr der drei Ausgangsschriften ist mancherorts noch die sogenannte Grundschrift erlaubt. In Hamburg etwa wurde sie schon 2011 alternativ zur Schulausgangsschrift eingeführt. In Bremen haben seit 2016 49 von 75 Grundschulen die Grundschrift gewählt. Auch in Thüringen, Nordrhein-Westfalen, Hessen, Rheinland-Pfalz oder im Saarland wird sie teilweise unterrichtet.

Das heißt, die Schüler müssen keine der drei gebundenen Schriften mehr lernen. Sie bringen stattdessen Schwung in die Druckbuchstaben und üben, zwischen ihnen Verbindungen herzustellen. Nicht alle Buchstaben müssen ineinander fließen, wie in den Ausgangsschriften, Luftsprünge sind erlaubt. Bei manchen Buchstabenfolgen bietet sich dieses schwungvolles Ineinander an, etwa bei el oder ch, aber jedes Kind entscheidet am Ende selbst, welche Schwünge und Verbindungen es verwendet. Die Grundschrift ist eine Orientierungshilfe, um eine eigene Handschrift zu entwickeln, keine genormte Schrift. Und hier beginnt die Aufregung.

Aus Druckbuchstaben wird eine Grundschrift.

Den Verlust einer Kulturtechnik oder gar der Identität, Schaden für das Denken und das Gedächtnis, prognostizieren die Kritiker, etwa die ehemalige Lehrerin und Schreibtrainerin Ute Andresen oder die Kinderbuchautorin Cornelia Funke, die von einem tieferen Bewusstseinsprozess spricht. "Im Schreiben drückt sich unsere Persönlichkeit aus", sagt sie. Auch der Vorsitzende des Philologenverbands Heinz-Peter Meidinger sagt: Eine gebundene Handschrift zu erlernen, sei ein elementarer individueller Lernprozess für jedes Kind. Es fördere den Gedankenfluss.

Manche Lehrer nennen die Grundschrift Stotterschrift. Druckbuchstaben könne man nicht flüssig schreiben, argumentieren sie, die Schüler seien deshalb zu langsam und angestrengt. Und ihre Ideen würden sie unterwegs wieder vergessen.