Welche Tücken gibt es bei der Unternehmensgründung? Wie entwickelt man kreative Ideen? Mit Fragen wie diesen haben sich gerade die Schülerinnen der Klasse 8 bis 11 von Levana Klinter im Rahmen der bundesweiten Gründerwoche beschäftigt. Die Oberstufenschülerinnen durften an einem Planspiel teilnehmen, mit dem sonst Studierende lernen, wie ein Unternehmen gegründet wird. Andere ließen sich von einer Frau begeistern, die Stadtführungen organisiert und den Mädchen erklärte, wie sie Familie und Beruf unter einen Hut bekommt.

Klinter unterrichtet das Fach Wirtschaft und Recht am St. Marien-Gymnasium in Regensburg. Für die Lehrerin an einer reinen Mädchenschule heißt das auch: Frauen stark machen, die es als Gründerinnen oft noch schwerer haben als Männer.

Klinter hält viel davon, wenn ihre Schülerinnen mit der Wirklichkeit zusammentreffen wie auf der Gründerwoche – am besten jedoch in Projekten, die über Wochen oder Monate gehen und in denen sie echtes Geld erwirtschaften. Aber auch theoretische Fragen kommen nicht zu kurz. Ihre zehnte Klasse arbeitet beispielsweise gerade an einer Aufgabe eines Wettbewerbs der Bundeszentrale zur Politischen Bildung: Die Jugendlichen müssen recherchieren, ob und wie Deutschland das Bargeld abschaffen kann. Solche Wirtschaftswettbewerbe für Schüler gibt es viele. Sie heißen etwa "Jugend gründet", "Junior" oder "Ideen machen Schule". Es gibt sogar Wettbewerbe schon für Grundschüler. Sie werden häufig öffentlich von Wirtschafts- oder Bildungsministerien gefördert, meist sind aber auch Wirtschaftsverbände oder Firmen als Partner dabei. Und hier stellt sich die Frage: Wie viel Wirtschaft soll und darf es in der Schule sein?

Claudia Wiepcke, Professorin für Wirtschaftswissenschaft an der Pädagogischen Hochschule Weingarten, hält ökonomisches Wissen für essentiell und den Projektunterricht im Fach Wirtschaft für besonders wertvoll. Wie in Dänemark sollte mindestens ein Unternehmergeist-Projekt verpflichtend für alle Schüler sein, findet sie. Zwar könne man auch in Projekten anderer Fächer Kreativität und Eigeninitiative lernen. Aber: "Bei der Entwicklung einer Geschäftsidee oder der Durchführung einer Schülerfirma kommt es auch zur Umsetzung und nicht nur zur Planung, Ausarbeitung und Diskussion", sagt Wiepcke. Schüler lernten mit knappen Ressourcen, mit Rückschlägen und Ungewissheiten umgehen. Sie müssten andere überzeugen, mitzumachen. Das mache sie nicht nur unternehmerisch fit, es stärke sie auch in ihrer Persönlichkeit, hätten Studien ergeben. Klinter kennt das aus der Praxis von ihren Schülern und nennt es das "Gemeinsam-schaffen-wir-das"-Gefühl.

All das ginge nur, davon sind Klinter und Wiepcke überzeugt, wenn Wirtschaft viel Zeit im Lehrplan bekommt – und wie eben in Bayern oder neuerdings in Baden-Württemberg ein reguläres Schulfach ist.

Das ist etwas, was beispielsweise der Bundesverband deutscher Banken seit zwanzig Jahren fordert. Auch viele Unternehmen, Wirtschaftsverbände und Industrie- und Handelskammern stimmen lautstark ein. Sie wünschen sich wirtschaftlich vorgebildete Schulabgänger und kritisieren, dass Schule auf vieles vorbereite – aber nicht auf das echte Wirtschaftsleben. Konzerne bieten daher Lehrerfortbildungen an, 16 der 20 umsatzstärksten deutschen Unternehmen stellen eigene Unterrichtsmaterialen her, die sie den Lehrern zur Verfügung stellen.

Firmen wollen unternehmerische Perspektive stärken

Kritiker wie der Sozialwissenschaftler Tim Engartner mahnen, die Unternehmen würden darin mitunter für Produkte werben, Mitarbeiter rekrutieren wollen – und das Weltbild der Kinder und Jugendlichen prägen: Die Schüler sollen ökonomische Prozesse möglichst aus einer unternehmerischen Perspektive betrachten und vernachlässigen dabei soziale Aspekte. In manchen dieser Unternehmens-Lehrbroschüren werde die freie Marktwirtschaft als gut, der regulierende Staat hingegen als schlecht dargestellt. Auch Projekte wie die Gründerwoche sieht Engartner kritisch, wenn die Schüler-Workshops von Unternehmern angeleitet werden. Denn es ginge einigen Veranstaltern eben für gewöhnlich nicht allein darum, den Schülern lebensrelevante Kompetenzen zu vermitteln, sondern vor allem auch darum, ein positives Unternehmerbild zu prägen.

Deshalb plädiert Engartner dafür, dass Unternehmensvertreter nur im Rahmen von berufsbildenden Maßnahmen an Schulen auftreten sollten – beispielsweise, wenn sie über Ausbildungsgänge oder Praktika informieren. Wirtschaft sollte seiner Ansicht nach im Verbund mit anderen Fächern unterrichtet werden, wie es die meisten Bundesländer praktizieren. Solche Fächer sind beispielsweise Sozialwissenschaften, Gemeinschafts- und Gesellschaftskunde oder Arbeitslehre. Und schon gar nicht brauchten Grundschulkinder eigenständigen Wirtschaftsunterricht. Sie lernten im Sachkundeunterricht in ausreichender Weise, mit Geld umzugehen.

Trotzdem hält auch er Projektarbeit für sinnvoll, um ökonomische Abläufe kennenzulernen: "Aber warum eine Schülerfirma und nicht ein Spendenprojekt für vom Hungertot bedrohte Kinder, Geflüchtete oder Menschen mit Behinderung?", gibt der Experte zu bedenken. Auch hier lernen die Jugendlichen von der Planung bis zur Durchführung  alles, auch hier müssen sie andere Menschen von ihrer Idee überzeugen und mit Geld umgehen. "Gewinnorientierung verinnerlichen Jugendliche noch früh genug außerhalb der Schule", sagt Engartner. "Was unserer Gesellschaft fehlt, ist Empathie".

Für die Wirtschaftslehrerin Klinter schließen sich Ethik und die Sensibilisierung für unternehmerisches Denken nicht aus. Sie legt in ihrem Unterricht besonderen Wert auf Nachhaltigkeit und Ethik. Wie manipuliert uns die Werbung? Wie beeinflussen Lobbygruppen Politiker? An welche Grenzen stößt der Staat, bei multi- und transnationalen Unternehmen? Die Paradise Papers oder Kinderarbeit in Bangladesch, all das sei Stoff in ihrer neunten und zehnten Klasse, erzählt sie. In den Projekten sei es an ihrer christlichen Schule üblicherweise das Ziel, den Gewinn für einen guten Zweck zu spenden, also ginge es fast immer mehr um Fundraising als ums Geldverdienen.

Ihr Lieblingsprojekt war eines, dass gemeinsam mit ihrem Englischkurs entstanden ist: "Wir haben im Projekt-Seminar, das in der elften und zwölften Jahrgangsstufe stattfindet, ein Buch auf Englisch geschrieben und an Schülerinnen der achten Jahrgangsstufe verkauft." Die Geschichte über einen Jungen aus der Zeit der Industrialisierung, der als Zeitreisender in der heutigen Zeit landet und sich verliebt, haben alle gemeinsam entwickelt. Einzelne Schüler haben die Kapitel geschrieben und mit Sachinfos versehen – passend für das Niveau der achten Klasse. Für die Seminarteilnehmerinnen war das Buch umsonst, die Achtklässlerinnen zahlten nur so viel, dass am Ende das Projekt finanziert war. Um Gewinn ging es also nicht.