Integration - »Dann sind wir richtige Lehrer« Vor zwei Jahren flüchtete Hend Alkhabbaz aus Syrien. Jetzt unterrichtet die Lehrerin an einer Grundschule in Fürstenwalde, nach anderthalb Jahren Studium. © Foto: Sven Kästner

Sie kann mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren, auch das hat Hend Alkhabbaz in den vergangenen zwei Jahren gelernt. Vor allem aber hat sie Deutsch gebüffelt, seit sie im September 2015 in Deutschland ankam. Und das so erfolgreich, dass die Syrerin mittlerweile selbst Flüchtlingskinder in der neuen Sprache unterrichtet. Seit wenigen Wochen arbeitet die 34-Jährige als Assistenzlehrerin an der Sigmund-Jähn-Grundschule im brandenburgischen Fürstenwalde.

Schon in ihrer Heimatstadt Homs war Alkhabbaz Englischlehrerin an einer Grundschule. Mehr als 11.000 Pädagoginnen und Pädagogen haben einer Analyse des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge zufolge 2016 in Deutschland Asyl beantragt. Auf sie ist das "Refugee Teacher Program" der Universität Potsdam zugeschnitten. "Alle, die hier teilnehmen, müssen berufserfahrene Lehrkräfte sein", sagt Miriam Vock. Die Professorin für empirische Unterrichts- und Interventionsforschung hat das Qualifizierungsprogramm für geflüchtete Lehrer vor fast zwei Jahren angestoßen. Die Idee dahinter: Flüchtlinge sollen wieder in ihrem Beruf arbeiten können – und nebenbei den Lehrermangel an deutschen Schulen lindern.

Hend Alkhabbaz gehörte mit 27 anderen Frauen und Männern, fast alle aus Syrien, ab April 2016 zum ersten Durchgang des Kurses. "Das schwerste war die Sprache", erklärt sie rückblickend. Ausländische Lehrkräfte müssen eigentlich Deutschkenntnisse auf Muttersprachniveau nachweisen, bevor sie in einer deutschen Schule arbeiten dürfen. Entsprechend sei das Qualifizierungsprogramm aufgebaut, sagt Organisatorin Vock: "Das ganze erste Semester besteht eigentlich nur aus Deutschunterricht, bevor es dann im zweiten und dritten Semester der anderthalbjährigen Ausbildung auch um Schulpädagogik geht."

Es ist mehr als sie zu träumen wagten

Die Absolventen des ersten Durchganges sind seit wenigen Wochen an Brandenburger Schulen im Einsatz. Für die meisten der syrischen Lehrerinnen und Lehrer ist das mehr, als sie vor anderthalb Jahren zu träumen wagten. Aber viele sprechen schlechter deutsch als Hend Alkhabbaz, die sich schon sehr gut verständigen kann, aber natürlich auch noch nicht völlig korrekt spricht. Viele der Absolventen haben den geforderten Sprachabschluss C2 bisher nicht geschafft. Anderthalb Jahre sind wenig Zeit, um ohne Vorkenntnisse perfekt eine Fremdsprache zu erlernen.

Deshalb hat das Brandenburger Bildungsministerium die neuen Lehrer zunächst auf ein Jahr befristet eingestellt. Neben ihrer Arbeit in der Schule sollen sie weiter Deutsch lernen. "Nach einem Jahr müssen wir sehen, ob es dann gerechtfertigt ist, diese Kolleginnen und Kollegen als Seiteneinsteiger-Lehrkräfte mit eigenständigem Unterricht zu betrauen", sagt Ingo Müller, Referatsleiter Lehrerbildung im Brandenburger Bildungsministerium, zurückhaltend.

Hend Alkhabbaz assistiert in ihrem ersten Arbeitsjahr der Klassenlehrerin einer 1. Klasse. Sie unterrichtet die Flüchtlingskinder stundenweise in Deutsch und gibt auch einige Englischstunden. Von den 285 Kindern der Fürstenwalder Schule kommen mehr als 80 aus Flüchtlingsfamilien. Schulleiterin Ines Tesch ist deshalb froh, dass Alkhabbaz den Kontakt zu deren Eltern leicht herstellen kann.

Kein traditioneller Forntalunterricht

Doch die syrischen Lehrerinnen und Lehrer müssen nicht nur die deutsche Sprache lernen. Für sie sind auch die deutschen Unterrichtsmethoden neu. Alkhabbaz lehrte in ihrem Heimatland im traditionellen Frontalunterricht. "Der syrische Lehrplan ist sehr theoretisch", beschreibt sie die Unterschiede. "Hier gibt es für die Kinder viele spielerische Übungen zum gleichen Thema. Das gefällt mir viel besser." Die meisten geflüchteten Lehrer sind zudem – wie Alkhabbaz – nur für ein Fach ausgebildet. In Deutschland aber unterrichtet ein Pädagoge mindestens zwei Fächer. Das Land Brandenburg bietet den Flüchtlingen deshalb an, sie zunächst für ein Fach anzustellen. Berufsbegleitend können sie sich dann für ein zweites qualifizieren.

Alkhabbaz ist nicht nur offen gegenüber den hiesigen Pädagogikmethoden. Auch ihr Lebensstil entspricht westlichen Maßstäben. Sie kleidet sich europäisch und bezeichnet sich als wenig religiösen Menschen. Das gilt natürlich nicht für alle geflüchteten Lehrer. Zwar hat das Bundesverfassungsgericht mehrmals Klagen gegen Kopftuchverbote im öffentlichen Dienst stattgegeben, aber in den Bundesländern gibt es dazu unterschiedliche Regelungen. Ob eine syrische Pädagogin mit Kopftuch überall von allen Eltern und Kollegen gut angenommen würde, ist fraglich.

Angesichts solcher Schwierigkeiten sind sich die Bundesländer bisher nicht einig, ob geflüchtete Pädagogen bald den Lehrermangel ausgleichen können. Eine ZEIT-ONLINE-Umfrage in den 16 Bildungsministerien ergab, dass vergleichbare Qualifizierungsmaßnahmen bisher nirgends so weit fortgeschritten sind wie in Brandenburg. In Nordrhein-Westfalen ist im Sommer 2016 an der Universität Bielefeld eine ähnliche Fortbildung gestartet. Im niedersächsischen Salzgitter läuft zumindest ein Pilotprojekt, in dem syrische Fachkräfte zu pädagogischen Mitarbeitern mit interkulturellem Schwerpunkt qualifiziert werden.

Alle anderen Länder verweisen nur auf die generellen Anerkennungs- und Qualifizierungsregeln für ausländische Lehrkräfte. An den Schulen sind syrische Lehrkräfte bundesweit gesehen bisher seltene Einzelfälle.