Das ist peinlich: Fast 20 Prozent der deutschen Viertklässler können schlecht lesen. Sie schaffen nicht einmal die Mindestanforderungen der Iglu-Studie, in der international untersucht wird, wie gut sie Geschichten und Sachtexte verstehen. Die Grundschüler in Deutschland liegen zwar insgesamt noch im Durchschnitt, sind aber schlechter geworden als im Jahr 2006. Die Zahl der besten Leser ist zwar immerhin größer geworden (ein wenig), die der schlechten ist aber deutlich größer. Eine solche Nachricht kommt nun schon zum zweiten Mal: Vor Kurzem erst hatte der Bundesländervergleich vom Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) ein ähnliches Ergebnis zu Rechtschreibung, Zuhören und Rechnen gebracht.  

Ungerechter statt gerechter

Besonders beschämend am Iglu-Ergebnis ist, dass deutsche Grundschulen ungerechter statt gerechter geworden sind. Die Schere zwischen guten und schlechten Schülern geht weiter auseinander. Kinder, die gebildete Eltern haben, hängen die aus ungebildeten und Migrantenfamilien um mehr als ein Schuljahr ab. Das ist schwer aufzuholen in der weiterführenden Schule, wo Lesekompetenz eine Selbstverständlichkeit für alle Fächer sein sollte. Außerdem bekommt das Akademikerkind bei uns dreimal so häufig eine Gymnasialempfehlung als das Arbeiterkind, selbst wenn die beiden gleich gut lesen können.

Nun ist es nicht so, dass in Sachen Chancengerechtigkeit seit der ersten Pisa-Studie von 2000 nichts unternommen wurde. Sie hatte die Bildungspolitiker schließlich in große Aufregung versetzt. Frühkindliche Bildung heißt das eine Schlagwort: Kinder in Deutschland haben einen Anspruch auf einen Kitaplatz und inzwischen sogar auf einen Krippenplatz. Denn hier könnten die, die zu Hause wenig Unterstützung bekommen, lange vor der Einschulung gezielt gefördert werden. Und fast alle Kinder besuchen ab drei Jahren eine Kita. Auch die Krippenplätze sind begehrt.

Der Fokus liegt auf Betreung, nicht auf Chancengleichheit

Ganztagsschulen heißt das andere Schlagwort: Sie würden für mehr Gerechtigkeit sorgen, weil die Kinder auch am Nachmittag gemeinsam lernen und spielen, hieß es. Wer Schwierigkeiten im Unterricht habe, könne am Nachmittag vertiefen, was er verpasst hat. Jede zweite Grundschule in Deutschland schickt die Kinder heute nicht mehr mittags nach Hause. Ein enormer Fortschritt – eigentlich.

Der Fokus der Krippen, Kitas und der Ganztagsbetreuung liegt jedoch gar nicht auf Chancengleichheit. Sie sind vor allem ein Riesenerfolg für berufstätige Eltern. Sie können beruhigt arbeiten gehen. Mehr Gerechtigkeit unter den Kindern stellen die Betreuungseinrichtungen nicht automatisch her. Dazu müssten sie viel besser ausgestattet sein. 

Ganztagsschulen sind meistens "offen", das heißt das Angebot am Nachmittag ist freiwillig. Das wollen deutsche Eltern so, eine verbindliche Förderung für alle schließt das aber aus. Das Nachmittagsangebot ist auch zu selten eng mit dem Unterricht am Vormittag verzahnt. Lehrer gehen häufig mittags nach Hause und überlassen den Erziehern die Betreuung. Die Angebote können toll sein, mit individueller Förderung im Lesen und Rechnen haben sie aber meist nichts zu tun. Bildungsbeflissene, arbeitende Eltern freuen sich über Sport-, Tanz- und Bastelstunden, in denen die Kinder etwas Sinnvolles tun. Die Hausaufgaben machen sie mit ihren Kindern dann trotzdem noch selbst. Ähnlich ist es in den Kitas. Wenn eine Erzieherin tageweise mit 20 Kindern allein ist, schafft sie es vielleicht gerade noch, auf den Spielplatz zu gehen. Aber nicht, lange Gespräche zu führen mit Kindern, die nicht gut Deutsch können oder spielerische Projekte zu planen, die alle gemeinsam zum Lernen anregen.

Die Zahl der Migranten steigt

Nun haben es die Grundschulen auch deshalb schwerer als 2001, weil die Zusammensetzung der Kinder sich verändert hat. 32 Prozent der Schüler haben ausländische Wurzeln, im Jahr 2001 waren es noch 22 Prozent. Außerdem landen im Rahmen der Inklusion viele Kinder, die früher an Förderschulen unterrichtet wurden, in den regulären Grundschulklassen. Doch damit lässt sich nur ein Teil der Ungerechtigkeit an Grundschulen erklären. In der Studie heißt es, selbst wenn man diese Faktoren herausrechnet, seien die deutschen Grundschulen immer noch  ungerecht.

Es gibt durchaus Ideen, wie es trotz schlechter Bedingungen gehen kann. Hamburg, mit vielen Migranten und immer eins der Schlusslichter in den Bildungsstudien, hat sich entgegen dem Trend im Bundesländervergleich des IQB verbessert. Alle Schüler werden dort regelmäßig getestet und die Schulen reagieren auf die teilweise erschütternden Ergebnisse. Eine "Kultur des Hinschauens" nennen die Hamburger das. Jede Schule kann selbst Ideen entwickeln, wie sie mit ihren spezifischen Problemen umgeht. So arbeiten in den Problembezirken manche eng mit den Kindergärten zusammen. Jedes Kind bekommt frühzeitig einen eigenen Förderplan. Andere nehmen sich Zeit für die Eltern, die viel bewirken können, wenn sie sich nur für die Leistungen ihrer Kinder interessieren. Wichtig ist es zudem, auch in der Grundschule Fachlehrer einzustellen. Wer Deutsch oder Mathe studiert hat, kann in seinem Fach auch souveräner mit den Schwierigkeiten der Schüler umgehen. Und Sprachförderung darf in der Grundschule nicht aufhören, sondern muss in den weiterführenden Schulen weitergehen.

Nur leider heißt das auch, dass dafür Geld ausgegeben werden muss. Erzieher und Lehrer müssen Zeit haben für jedes Kind. Eine große Herausforderung, denn schon jetzt bleiben Stellen unbesetzt, weil die Pädagogen fehlen.