Helmut Kohl nannte sie die "reaktionärste Einrichtung der Bundesrepublik": Kritik an der Kultusministerkonferenz ist so alt wie das Gremium selbst. Doch bislang kam sie von außen, nun kritisieren Bildungspolitiker von SPD und CDU, die selbst mehr als ein Jahrzehnt in der KMK an zentraler Stelle mitgearbeitet haben, den deutschen Bildungsföderalismus. In einem Brief an die Ministerpräsidenten der Bundesländer, der der ZEIT exklusiv vorliegt, fordern sie eine grundlegende Reform der Bildungspolitik, unter anderem ein deutsches Zentralabitur.

In dem Schreiben bemängeln Michael Voges (SPD), Burkhard Jungkamp (SPD) und Josef Lange (CDU)  die "fehlende Vergleichbarkeit" zwischen den Bildungssystemen in Deutschland. Diese führe zu einem unfairen Wettbewerb und zu Ungerechtigkeiten. "Oft entscheidet nicht die Leistung, sondern die regionale Herkunft", ob etwa ein Abiturient einen Studienplatz bekommt oder nicht. "Damit verschärfen die regionalen Disparitäten die ohnehin schon zu große Bildungsungleichheit in unserem Schulsystem", heißt es in dem Schreiben an die 16 Länderchefs zum 70-jährigen Geburtstag der KMK.

In Deutschland sind die Bundesländer für Schulen und Hochschulen zuständig. In der KMK sollen sich die Länder untereinander abstimmen, um eine gemeinsame bundesweite Bildungspolitik zu ermöglichen. Dies gelingt nach Ansicht vieler Kritik jedoch nur unzureichend. So hatte kurz vor Weihnachten das Bundesverfassungsgericht in seinem Urteil zum Numerus clausus beklagt, dass die Abiturnoten in Deutschland zwischen den Bundesländern nicht vergleichbar sind. Man nehme in Kauf, dass Studienplatzbewerber "erhebliche Nachteile erleiden", je nachdem, wo sie das Abitur erwerben.

Die drei Bildungspolitiker fordern die Ministerpräsidenten auf, für eine bundesweit einheitlichere Schulpolitik zu sorgen. Dazu sollen die Bundesländer in einem Vertrag Regelungen festlegen, "die in allen Ländern gleich sind". Dazu gehören unter anderem eine zentrale Abiturprüfung in Deutsch, Mathematik und der ersten Fremdsprache, ein einheitlicher Übergang von der Grundschule in die weiterführende Schule sowie gemeinsame Kerninhalte in der Lehrerausbildung. Ebenso müssen sich die Länder über eine "einheitliche Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention" verständigen. "In dem einen Land geht ein Kind mit Förderbedarf in eine Regelschule, wenn die Eltern das wollen, in dem anderen Land muss es auf eine Förderschule. Das kann man niemandem erklären", heißt es in einem Gespräch, das die drei Verfasser anlässlich ihres Reformvorschlages mit der ZEIT geführt haben. So würden in Bremen mehr als 80 Prozent der Förderschüler gemeinsam beschult, während der Inklusionsanteil in Hessen nur bei circa 25 Prozent liegt.

Die drei Verfasser des Schreibens saßen für ihr Bundesland – Michael Voges für Hamburg, Burkhard Jungkamp für Brandenburg und Josef Lange für Niedersachsen – über ein Jahrzehnt in der KMK. Viele Jahre haben die drei ehemaligen Staatssekretäre dort die Schul- beziehungsweise Hochschulpolitik ihrer Partei koordiniert.

Die Ständige Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland, so der offizielle Name, wurde 1948 gegründet, also noch vor der Bundesrepublik selbst. Die Feiern zum 70-jährigen Jubiläum beginnen am kommenden Montag in Berlin.