Die Schulreformmaschine läuft auf Hochtouren. Mittlerweile haben zwölf von 16 Bundesländern Haupt- und Realschule abgeschafft oder sind dabei, es zu tun. Nur Bayern, Baden-Württemberg, Hessen und Niedersachsen halten am dreigliedrigen System aus Hauptschule, Realschule und Gymnasium fest (siehe Überblick Seite 60/61).

Die Reformländer dagegen stellen dem Gymnasium eine neue zweite Säule zur Seite: Während viele von ihnen die bisherigen Haupt- und Realschüler zwar immerhin unter einem Dach, aber immer noch in getrennten Bildungsgängen zur Schule schicken wollen, sehen Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Berlin, Bremen, Hamburg und das Saarland vor, ihre Schüler wirklich integriert zu beschulen. Nach schönster Föderalismus-Manier trägt dieses Modell in jedem Bundesland einen anderen Namen. So entstehen in Hamburg Stadtteilschulen, in Bremen und Brandenburg Oberschulen, in Mecklenburg-Vorpommern Regionalschulen, in Berlin Integrierte Sekundarschulen und im Saarland Erweiterte Realschulen. Je nach individueller Neigung können die Schüler dort mit dem Hauptschulabschluss oder der mittleren Reife abgehen und in einigen Ländern sogar gemeinsam bis zum Abitur bleiben. Ein Konzept, das bekannt klingt?

Richtig, denn eigentlich war ja auch das bisherige Schulsystem nie wirklich dreigliedrig, gab es doch in vielen Bundesländern noch ein viertes Glied, die Gesamtschule, bekannt in zwei Versionen: die zeitweise sehr populäre Integrierte Gesamtschule (IGS), in der Schüler aller Leistungsgruppen möglichst lange gemeinsam unterrichtet werden sollten, und die Kooperative, die Haupt- und Realschüler in getrennten Klassen beschulte. Vor allem die IGS hatte nie wirklich eine reelle Chance auf eine gesamtgesellschaftliche Anerkennung. Viel zu sehr war sie zum Gegenstand eines jahrzehntelangen ideologischen Streits zwischen linken und rechten Bildungspolitikern geworden. Mit dem Ergebnis, dass die Gesamtschulklientel unter sich blieb und nur wenige der stark verunsicherten Bildungsbürger ihre Kinder dort einschulten. Von einer gleichmäßigen und gesunden Mischung aus Schülern mit Hauptschul-, Realschul- und Gymnasialempfehlung konnte deshalb an kaum einer IGS die Rede sein.

Umso erstaunlicher, dass sich nun in einigen Bundesländern eine weitere Schulart etabliert, die einerseits stark an das alte IGS-Ideal erinnert, das längere gemeinsame Lernen jedoch noch konsequenter umsetzen möchte. Schleswig-Holstein, Berlin, Thüringen und inzwischen auch Nordrhein-Westfalen sind dabei, sogenannte neue Gemeinschaftsschulen zu etablieren. Den Schulen soll freigestellt werden, ob sie ihre Kinder von der ersten Klasse an gemeinsam unterrichten oder erst nach der Grundschulzeit beginnen. Auch sie können eine Oberstufe einrichten und bis zum Abitur führen.

Was aber unterscheidet die neue Gemeinschaftsschule von der alten Gesamtschule? Erstens ist das Unterrichtskonzept dort noch stärker auf eine gemeinsame Beschulung ausgerichtet als an den Integrierten Gesamtschulen. Nach skandinavischem Vorbild gibt es keine äußere Leistungsdifferenzierung – die Kinder werden nicht in verschiedene Lerngruppen aufgeteilt. Das (oft sehr hochgesteckte) Ziel ist dort eine individuelle Förderung der unterschiedlichen Talente innerhalb des Klassenverbands. In der IGS dagegen werden die Schüler zumindest in den Hauptfächern ihrem Wissensstand entsprechend in Förder-, Grund- und Erweiterungskursen getrennt unterrichtet.

Die neuen Gemeinschaftsschulen könnten das Potenzial zur Erfolgsgeschichte haben. Zum einen werden sie nicht mehr als Bedrohung wahrgenommen, eines Tages auch noch die Gymnasien ablösen zu wollen. Dafür haben die Bildungspolitiker mit einer Bestandsgarantie für die Gymnasien gesorgt. Zum anderen haben die Gemeinschaftsschulen das Glück, dass viele Eltern ihren Kindern eine Turboschulkarriere auf den inzwischen nur noch achtjährigen Gymnasien ersparen wollen und nach gleichwertigen Alternativen suchen. Dass die Gemeinschaftsschule das Abitur nach 13 Jahren anbietet, ist ein nicht zu unterschätzender Wettbewerbsvorteil.