PädagogikLob auf die Gelassenheit

Der König der Kinderversteher Jesper Juul verlangt viel von den Eltern. Sie müssten Leuchttürme sein. Das ist nicht immer leicht. von Peter Wagner

Der Familientherapeut und Autor Jesper Juul ist so etwas wie der König der Kinderversteher. Eine Fachzeitschrift fürs Elternsein stellte ihn mit Jean-Jacques Rousseau und Maria Montessori in eine Reihe. Nicht schlecht, dafür, dass seine Nachricht an die Welt recht simpel klingt: Eltern sollen ihren Kindern das Gefühl vermitteln, sie genauso ernst zu nehmen wie sich selbst. Juul hat dafür einen neuen Begriff geprägt: Gleichwürdigkeit.

Wenn der Vater bei den Hausaufgaben hilft, der Sohn unwillig ist, es immer wieder Streit gibt, dann soll der Vater ganz gleichwürdig fragen: "Kannst du mir sagen, was ich falsch mache?" 90 Prozent der Kinder würden, glaubt Juul, nach ein bisschen Nachdenken eine ordentliche Antwort geben. Etwa so: "Papa, wenn du mir hilfst, dann fühle ich mich dumm." In dieser Art funktionieren Juuls Ratschläge. Er legt Wert aufs Reden und steht ein bisschen quer zu Disziplinaposteln wie Bernhard Bueb oder Amy Chua. Juul glaubt, dass Verbote nichts bringen und dass es kreuzdoof ist, Kinder mit Schuldgefühlen und berghohen Ansprüchen zu erziehen. Er wird deshalb gern als Schmuseonkel hingestellt und seine Coolness als Aufforderung zum Zurücklehnen gedeutet.

Anzeige

Juul bittet aber nicht wirklich um Gelassenheit, er verlangt in Wahrheit viel. Eltern müssten Leuchttürme sein und vor ihren Kindern so tun, als wüssten sie, wie der Hase im Leben läuft. Das ist nicht besonders leicht. Noch weniger leicht ist es, einem Vierjährigen seine Gefühle zu gestehen und ihn als wirklich gleichwürdig zu betrachten. Da kann es leichter sein, den Disziplinfreund zu geben und so zu tun, als hätte jede Hand fünf Zeigefinger.

ZEIT Schule & Familie
ZEIT Schule & Familie

Nur hat Erziehung mit Disziplinierung ihre besten Tage hinter sich. Die Saat der Zurechtweisung ist nicht zuletzt während der Industrialisierung aufgegangen, als die Arbeit mechanisiert wurde und in der Folge auch der Mensch zu funktionieren hatte. In jener Zeit, so der britische Bildungsexperte Ken Robinson, wurden Schulen zu Fabriken, in denen Disziplin dafür sorgte, dass jedes Jahr ein neuer Jahrgang vom Band lief.

Viele Schüler werden noch heute eher darauf vorbereitet, im Leben zu funktionieren als aufzublühen. "Die Schule produziert Kinder für eine Industriegesellschaft, die nicht mehr existiert", sagt Jesper Juul in Anlehnung an Ken Robinson. Die beiden haben erkannt, dass der Mensch manchmal zu lange auf dem Wissen seiner Vorfahren hockt. Und sie sind nicht die Einzigen. Der amerikanische Bestsellerautor Daniel Pink hat herausgefunden, was Menschen im Beruf antreibt. Seit der Industrialisierung galt es als klug, mit Geld zu mehr Arbeit zu motivieren. Das funktioniere heute nur noch bis zu einem gewissen Grad, sagt Pink. Ein Mensch wolle vor allem selbstbestimmt arbeiten, in einer Sache besser werden dürfen und in seinem Tun einen Sinn sehen.

Wenn Juul diese Erkenntnisse auf sein pädagogisches Modell anwendet, klingt das so: "Ein Kind muss die Freiheit haben, zu tun, wofür es sich begeistern kann." Vielleicht ist der Däne so populär, weil er den Mut hat, Erziehungstipps für die Gegenwart zu formulieren. Gut, sie machen das Erziehen nicht unbedingt einfacher. Aber sie passen in die Welt des 21. Jahrhunderts.  

Zur Startseite
 
    Service