PubertätDie verflixte achte Klasse

Wie gelingt das Lernen in der Pubertät? Eine Woche zu Besuch in einer Hamburger Stadtteilschule von 

Um 7.59 Uhr, eine Minute vor Unterrichtsbeginn, lässt Andreas Herzog seinen Blick über die vielen leeren Plätze im Klassenzimmer der 8c schweifen. »Die Fehlzeiten nehmen hier kuriose Formen an«, stellt er fest. 8.07 Uhr: Ein Mädchen schlurft in den Raum, als sei jeder Schritt eine Überwindung, die blondierten Haare gestylt, das Gesicht gepudert. »Ich kam nicht hoch«, sagt sie. Die Tür geht erneut auf, zwei Jungs stolpern herein. »Ich war chillen«, erklärt der eine, grinst und schaut in die Runde seiner Mitschüler. »Ich war mitchillen«, fügt der andere hinzu. Um 8.14 Uhr stürmt das nächste Mädchen in die Klasse. »Auch verschlafen?«, fragt Herzog. »Oder chillen?« Der Lehrer droht, sie alle zur Frühstunde antanzen zu lassen, um sieben. »Ich kann nicht so früh aufstehen«, ruft es aus der hinteren Reihe. »Das ist eine Frechheit«, sagt Herzog.

Die Schüler vor ihm kippeln und hängen auf ihren Stühlen. Taschen liegen unausgepackt auf den Tischen, es wird geschwätzt und gekichert. Fingernägel leuchten türkis, pink, rot, lila und hellblau. Die Wand aus Jugendlichen, alle um die 13, 14 Jahre alt, ist farbenfroh und chaotisch wie ein Graffito. Andreas Herzog steht davor in der lockeren Haltung des Sportlehrers, der beim Hockey gern selbst mitspielt. In seiner dunklen Kleidung, mit schwarzer Haartolle und Dreitagebart, wirkt er cooler, als er in diesem Moment ist. Der Klassenlehrer der 8c hasst Stundenanfänge wie diesen. Gleichzeitig weiß er inzwischen, dass er im nächsten Moment vielleicht schon wieder über einen Spruch seiner Schüler lachen muss. Dass sie sich zusammenreißen, wenn sie merken, dass sie zu weit gegangen sind. Dass eine Vertrauensbasis zwischen ihnen besteht, auf die er sich verlassen kann. Die Hürde, die sich dem Lehrer und seiner Klasse immer wieder in den Weg stellt, heißt Pubertät. Sie verändert alles: die Beziehungen der Schüler zueinander, zu ihren Lehrern und Eltern, ihr Aussehen und Denken.

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Wie groß das Chaos im Kopf in dieser Zeit ist, haben Wissenschaftler erst in den neunziger Jahren erkannt. Bis dahin nahm man an, dass das menschliche Gehirn mit Eintreten der Geschlechtsreife fertig entwickelt sei. Doch Aufnahmen aus dem Kernspintomografen zeigten ein anderes Bild. Während der Pubertät gleicht das Gehirn einer Großbaustelle. Alte Nervenverbindungen sterben ab, neue Verknüpfungen bilden sich, das Gehirn wird aktiver und schneller (siehe Abbildung Seite 71).

Während dieser Umbruchphase kommt es immer wieder zu Übererregungen. Im Frontalhirn, wo Handlungen geplant, Folgen abgeschätzt und Emotionen reguliert werden, herrscht Durcheinander. »Das ist wie ein Rauschen«, sagt Gerald Hüther, Hirnforscher an der Universität Göttingen, »das eigene Verhalten lässt sich nicht mehr so gut kontrollieren, und man benimmt sich kopflos.« Erwachsene kennen das aus Stresssituationen, in denen überschäumende Erregungen alles durcheinanderschütteln können. Der Unterschied ist: Jugendliche erleben solche Zustände in der Pubertät ständig.

»In der Regel kommen die Schüler zum Start in die neunte Klasse schon sortierter im Kopf zurück«, sagt Hilde Vollmayr, die zur Schulleitung der Fritz-Schumacher-Schule in Hamburg-Langenhorn gehört und sich um die Jahrgangsstufen acht bis zehn kümmert. Ihre Erfahrung deckt sich mit der vieler Kollegen: In der achten Klasse können sich Schüler schlecht konzentrieren, haben Mühe, sich auf schulische Inhalte einzulassen, normaler Unterricht ist kaum möglich.

Andreas Herzog kennt seine Schüler, seit sie vor vier Jahren an die Fritz-Schumacher-Schule kamen. Unterschiedlich waren sie von Anfang an, schließlich bietet die Stadtteilschule alle Abschlüsse an. Eine Gemeinsamkeit aber hatten sie zu Beginn der fünften Klasse: Sie waren noch Kinder, freuten sich über den jungen Lehrer und machten meist, was er von ihnen verlangte. In der siebten Klasse habe dann der Pubertätszirkus angefangen. Andreas Herzog lacht, wenn er daran denkt, wie die Mädchen plötzlich geschminkt erschienen und alle paar Tage ihren Stil wechselten, während ihre Mitschüler verblüfft zusahen.

ZEIT Schule & Familie
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Einige der Jungs haben inzwischen aufgeholt. Ein Außenstehender würde sie niemals in derselben Jahrgangsstufe vermuten, wenn sie zusammen auf dem Schulhof vor dem schönen, großen Backsteingebäude stehen. In ihrer Meinung über die Mädchen sind sie sich allerdings ziemlich einig. »Wir lachen uns immer tot, wenn Herr Herzog Witze über sie macht«, sagt Carlos, »zum Beispiel, dass sie in ihrer Tasche 80 Prozent Schminke und nur 20 Prozent Schulzeug haben.« Sein Lächeln ist verschmitzt, die dunklen Augenbrauen sind voll – in seinen Gesichtszügen treffen sich Junge und Mann. »Ich kapier das nicht: Manchmal sind die Taschen so groß, als würden sie verreisen, dann wieder klein wie ein Portemonnaie«, sagt René, einer der Größeren, Kräftigeren, und schaut rüber zu Farina und Luka, die ein paar Meter weiter unter einer der Birken stehen. Beide mit der gleichen großen Blumentasche über der Schulter, kugelschreiberverzierten Chucks an den Füßen und versteckten Kopfhörern unter den langen Haaren. Die Pausen sind der Grund, warum sie sich auf die Schule freuen, das Abenteuer des Tages. Sie sehen die Jungs aus der Neunten, Farina trifft ihren Freund aus der Parallelklasse, und Luka beobachtet, wie ihr Mitschüler David und seine neue Freundin ihren ersten Auftritt als Paar in der Schulöffentlichkeit meistern. Alles viel interessanter als irgendein Gedicht, das sie in Deutsch vervollständigen sollten.

Leserkommentare
  1. da war ich so Anfang der 1970er drin, Gymnasium.
    Und hatte es viel leichter als die heute Pubertierenden:

    Reine Jungen- bzw. Mädchenschulen, somit kein biologistisch begründetes Werbe-, Lock- und Flirtgebaren.

    Gemeinsames Benutzen der Sonder-Linienbusse war manchmal verwirrend-aufregend genug, auch wenn man Mädchen kannte, in der Schwester-Rolle.

    Es half wohl auch weniger wirtschaftlicher Background auch in den bürgerlichen Familien für Accessoires, also "Mode", "Kosmetik", andere öffentlich zu tragende Statussymbole.

    Ich bin auch überzeugt, dass die in der Schulordnung (Verhalten im Gebäude und auf dem Hof, ebenfalls bezüglich Pünktlichkeit und vollzeitliche Teilnahme an Unterrichtsstunden) festgelegten Grenzen für Pubertierende nicht geändert wurden.
    Bei Verstößen musste man die auch mal abschreiben, das half dem Erinnerungsvermögen auf die Sprünge.

    Koedukation war ein Fortschritt, solange da SchülerInnen gemeinsam in den Bänken saßen und nicht halbfertige Männer und Frauen.

    Rückwärts geht es aber nicht, also muss es vorwärtsgerichtete Weiterentwicklungen geben.

  2. ja es ist/war und wird immer spannend bleiben, was während dieser Entwicklungsfase passiert. Es ist erstaunlich, dass sich Pädagogen im Schulbetrieb überhaupt damit auseinandersetzen, denn im täglichen Unterricht fällt das meistens nicht weiter auf. Welch Glück, dass die 8 c so einen interessierten Klassenlehrer hat, das ist allen Jugendlichen wirklich zu wünschen! Danke für den informativen Artikel!

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