PubertätDie verflixte achte Klasse
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Die Veränderungen sind auch für die Schüler anstrengend

Nicht nur ihr Klassenlehrer, auch die Schüler selbst haben gemerkt, dass sich etwas geändert hat seit Mitte der siebten Klasse – dass sie sich verändert haben. »Die Erwachsenen werfen einem ja ständig vor, dass man jetzt in der Pubertät ist«, sagt Farina. Aber es stimme schon, auf einmal würde das Aussehen viel wichtiger – und Musik. Luka ist heute super drauf, weil sie mit Summer Paradise von Simple Plan geweckt wurde. Jetzt hört sie das Lied in jeder freien Sekunde. Genauso unvermittelt wie gute Laune komme allerdings auch schlechte Laune, sagt sie, die seit einiger Zeit schlecht einschläft, spätabends zur Hochform aufläuft und sich morgens aus dem Bett quält. »Meine Mutter sagt, dass meine Hormone verrücktspielen, aber bei ihr ist das ja genauso, Wechseljahre und so!« Carlos hat von seinen Eltern zum 13. Geburtstag eine Karte bekommen, auf der steht: »Pubertät ist, wenn die Eltern anfangen, schwierig zu werden.« Und tatsächlich hat er zurzeit öfter Streit mit ihnen als früher. Weil er so viel vorm Computer hockt. Und wegen der Schule. Denn dort machen sich die Veränderungen auch bemerkbar. Carlos hat manchmal einfach keine Lust mehr, regt sich auf, weil im Unterricht alle nur Quatsch machen. Er hätte gern mehr Ruhe, um etwas mitzukriegen. »Unsere Klasse war schon immer laut, aber es war noch nie so schlimm wie in der Siebten und Achten«, sagt auch Luka. »Jetzt fangen wir uns gerade wieder.«

Carlos und Luka sind mitnichten die Streber der Klasse. So wie sie denken viele in der 8c. Das vergangene Jahr war nicht nur für Andreas Herzog anstrengend, sondern auch für sie. Doch wenn sich eigentlich alle das Gleiche gewünscht hätten – mehr Ruhe, weniger Tumult –, warum klappte es dann nicht? Die Abteilungsleiterin der Mittelstufe, Hilde Vollmayr, vermutet, dass die Jugendlichen während der Pubertät in der Schule nicht das finden, was sie brauchen. »Wir haben nicht immer das richtige Programm, um auf den Umbau zu reagieren, der da in Köpfen und Körpern stattfindet«, sagt sie. Vollmayr überlegt zurzeit, ob sie an der Fritz-Schumacher-Schule einen Weg einschlagen sollen, den andere Schulen bereits gehen: die Schüler eine Zeit lang raus aus dem Unterricht zu nehmen.

An der zehn Kilometer entfernten Stadtteilschule in Winterhude, einer Reformschule, gibt es zu Beginn des Schuljahrs »Herausforderungen« für die Schüler der Jahrgangsstufen acht bis zehn, sie können etwa die Alpen überqueren, durch alle 16 Bundesländer radeln oder auf einem Bauernhof arbeiten. Und an der staatlichen Montessori-Oberschule in Potsdam zum Beispiel richten Siebt- und Achtklässler am Schlänitzsee ein verfallenes Feriengelände der Stasi her, planen, bauen und gärtnern.

Die Idee der Auszeit vom Regelschulbetrieb geht auf Hartmut von Hentig zurück. Der Reformpädagoge wird heute aufgrund seiner verharmlosenden Äußerungen zur Debatte über den Missbrauch von Internatsschülern an der Odenwaldschule nicht mehr gern zitiert, dennoch hält Hilde Vollmayr seinen Ansatz für richtig: »Ich glaube zwar nicht, dass sich das unmittelbar positiv auf den Unterricht auswirkt und Schüler dadurch besser in Mathe oder Deutsch werden, aber es ist gut für ihre Entwicklung.« Auf ein Ziel hinarbeiten, ein Ergebnis sehen, sich für die Gemeinschaft einsetzen – das seien Erfahrungen, an denen Schüler wachsen könnten. Sie müssen, sagen Lehrer und Wissenschaftler, an ihre körperlichen Grenzen gebracht werden, Verantwortung übertragen bekommen und selbstbestimmt arbeiten.

Es ist ja nicht so, dass die 8c sich für nichts begeistern könnte. Da gibt es vieles, worauf die Schüler Lust haben, wofür sie sich gerne engagieren. Die meisten kamen gut gelaunt aus den zwei Praktikumstagen zurück, die die Fritz-Schumacher-Schule bereits für die achten Klassen eingeführt hat. Luka liebt Tanzen und darstellendes Spiel, häufig hat sie Auftritte. Torre liest in jeder freien Minute, im Sitzen, Stehen und Laufen – aber nur dicke Bücher, sonst ist er zu schnell durch. Farina mag das Fach Gesellschaft sehr. Und Carlos freut sich auf jede Sportstunde.

Natürlich sitzen da immer ein paar Mädchen auf der Bank, die sich gerade sichtlich unwohl in ihrem Körper fühlen. Aber die Mehrheit der Schüler kann Andreas Herzog mitziehen, wenn er mit ihnen Unihockey und Flagfootball trainiert: »Im Sport sehen sie, dass es sich lohnt, wenn sie sich anstrengen.« Er freut sich, dass am Ende der Stunde die Hälfte seiner Achter den Ball am Schläger führen kann. Einer der besonders guten Spieler trägt ein grünes T-Shirt, auf dem »Alles außer Lernen« steht.

Ist es dieser Satz, der den Zustand achter Klassen am besten beschreibt? Hieße er »Alles außer schulischem Lernen«, würde der Hirnforscher Gerald Hüther ihn wohl unterschreiben. Er wählt drastische Worte, wenn er über klassischen Frontalunterricht an Regelschulen spricht. Seiner Meinung nach ist dieser besonders während der Pubertät Zeitverschwendung: »Die Schüler haben da andere Probleme, als Englisch oder Mathe zu lernen. Deswegen haben sie so große Schwierigkeiten, sich dafür zu öffnen.« Im normalen Unterricht trifft die Schule in all ihrer Regelhaftigkeit auf Jugendliche, die ihre ganze Kraft darauf verwenden, sich Unabhängigkeit zu erkämpfen, indem sie alles infrage stellen, ihre Grenzen austesten, erste Beziehungen eingehen. Das passt nicht zusammen.

Leserkommentare
  1. da war ich so Anfang der 1970er drin, Gymnasium.
    Und hatte es viel leichter als die heute Pubertierenden:

    Reine Jungen- bzw. Mädchenschulen, somit kein biologistisch begründetes Werbe-, Lock- und Flirtgebaren.

    Gemeinsames Benutzen der Sonder-Linienbusse war manchmal verwirrend-aufregend genug, auch wenn man Mädchen kannte, in der Schwester-Rolle.

    Es half wohl auch weniger wirtschaftlicher Background auch in den bürgerlichen Familien für Accessoires, also "Mode", "Kosmetik", andere öffentlich zu tragende Statussymbole.

    Ich bin auch überzeugt, dass die in der Schulordnung (Verhalten im Gebäude und auf dem Hof, ebenfalls bezüglich Pünktlichkeit und vollzeitliche Teilnahme an Unterrichtsstunden) festgelegten Grenzen für Pubertierende nicht geändert wurden.
    Bei Verstößen musste man die auch mal abschreiben, das half dem Erinnerungsvermögen auf die Sprünge.

    Koedukation war ein Fortschritt, solange da SchülerInnen gemeinsam in den Bänken saßen und nicht halbfertige Männer und Frauen.

    Rückwärts geht es aber nicht, also muss es vorwärtsgerichtete Weiterentwicklungen geben.

  2. ja es ist/war und wird immer spannend bleiben, was während dieser Entwicklungsfase passiert. Es ist erstaunlich, dass sich Pädagogen im Schulbetrieb überhaupt damit auseinandersetzen, denn im täglichen Unterricht fällt das meistens nicht weiter auf. Welch Glück, dass die 8 c so einen interessierten Klassenlehrer hat, das ist allen Jugendlichen wirklich zu wünschen! Danke für den informativen Artikel!

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