Die dritte Stunde an einem Dienstag, Mathe bei einer Vertretungslehrerin, die Aufgabe lautet: Der tägliche Wasserverlust eines Menschen liegt bei 2,5 Litern. 56 Prozent verliert er über Urin, 8 durch Stuhlgang, 16 durch Atemluft, 20 durch Schweiß. Luka macht Englischaufgaben, ihr Block ist voller Herzen und Zitate: »Don’t worry, be happy«, »Tränen lügen nicht«, »We are young, we are free«. Vorne fragt die Lehrerin: »Wie viele Liter verliert der Mensch über Schweiß?« Der Mathekurs reagiert kaum. Schweiß wird in der Pubertät bekämpft, nicht berechnet.

Es gibt immer wieder Stunden, deren Inhalt an der 8c vorbeirauscht. Dennoch würde ihr Klassenlehrer das System Schule in der Zeit der Pubertät nicht komplett infrage stellen. Er definiert seine Aufgabe nur anders: »In Klasse sieben und acht sind Auseinandersetzungen der Job des Lehrers, man muss auf die Regeln pochen, immer wieder, bis in Klasse neun rein.« Für ihn haben Störungen Vorrang vor dem Stoff. Denn der, da ist er sich mit vielen Experten einig, erreiche die Schüler ohnehin nur, wenn das Verhältnis zu ihnen stimmt und ihr Kopf nicht voll mit anderen Dingen ist. Ob es nun um Konflikte der Jugendlichen untereinander geht oder um Probleme mit Lehrern – was Herzog in diesem achten Schuljahr betreibt, ist Beziehungsarbeit. »Da fällt viel Unterricht hinten runter«, sagt er. Nicht jeder Lehrer kann damit umgehen, das nicht persönlich nehmen und im Gegenteil seine Persönlichkeit einbringen. Herzog genießt Respekt bei der 8c, weil er ihre Krisen ernst nimmt, gleichermaßen fair und streng ist – und noch dazu im Auto laut Depeche Mode hört. »Schüler brauchen jemanden, der nicht in moralische Ansprachen verfällt, wie sie das oft von zu Hause kennen, und der trotzdem klare Kante gibt«, sagt Hilde Vollmayr. Als Prellbock vor der Klasse zu stehen sei zwar aufreibend, aber spannend. Die Lehrerin würde sich im Unterricht viel mehr Raum für all die grundsätzlichen Fragen wünschen, die nie wieder so absolut gestellt werden wie in der Pubertät: Was hat mein Leben für einen Sinn? Was ist mir wichtig? Wer bin ich überhaupt?

Die eine gute Lösung, wie das Lernen in der Pubertät gelingen kann, hat bisher niemand parat. Doch immerhin: Es gibt die recht jungen Erkenntnisse über die Neustrukturierung im Gehirn und ihre Auswirkungen auf den Unterricht. Es gibt Ideen, Jugendliche vor andere Herausforderungen zu stellen, wenn der Regelschulbetrieb ins Leere läuft. Und es gibt Lehrer wie Andreas Herzog, die es als ihren Job begreifen, sich immer wieder um eine gute Beziehung zu ihren Schülern zu bemühen – auf dass das Inhaltliche dann irgendwann auch wieder funktioniert. Die 8c ist jetzt schon traurig, dass er sie im nächsten Jahr nicht mehr unterrichten wird. In ihrem Abschiedsbrief schreiben sie, er sei eine Art Superklebstoff gewesen, der sie in dieser schwierigen Zeit zusammengehalten habe.