Wer will, findet schon bei sehr jungen Menschen Anzeichen dafür, dass es um die Rechtschreibung in Deutschland schlecht bestellt ist. Von einem Grundschüler aus Dresden ist folgender Satz überliefert: "Es war einmal ein kleines Metchen. Das Metchen lepte in ein weisen Haus. Alz sie inz Bet ging konte sie nicht einschlaf." Auch mit zunehmendem Alter werden die orthografischen Kenntnisse nicht unbedingt besser, wie diese SMS einer Bachelorstudentin zeigt: "Huhu Maus, bin erst mo back in town aba voll gespannt ;-) biste noch krank? Nichtraurichsein. muss jetzt noch lernen *würg* lass ma tel. cu soon, bussi."

Spricht man Lehrer auf das Rechtschreibwissen ihrer Schüler im Jahr 2012 an, sind die Klagen groß. Die guten Zeiten seien vorüber, sagen sie. Manche Deutschlehrer beten ihren Klassen ganz bewusst jedes Jahr dasselbe Diktat vor und berichten, dass sie immer mehr Fehler finden. Untersuchungen und Umfragen bestätigen ihre Sicht. Die Pisa-Studie hat gezeigt, dass Schüler mit der Rechtschreibung hadern. Eine Umfrage an 135 Philosophischen Fakultäten gab jüngst Anlass zu neuer Sorge: Ein erheblicher Teil der Professoren bescheinigt auch Studenten eklatante Rechtschreibschwächen.

Wie konnte es dazu kommen? Sind die Smartphones und das Internet schuld? Ist es seit der Rechtschreibreform egal, wie man schreibt? Oder entspringen alle Wehklagen einer verzerrten Wahrnehmung?

Der Satz mit dem "Metchen" findet sich auf der Homepage der 59. Grundschule im Stadtteil Weißer Hirsch in Dresden. Die Schule hat im Juni 2012 den Beinamen "Jürgen Reichen" bekommen. Der Schweizer Reformpädagoge lebte von 1939 bis 2009 und entwickelte mit dem sogenannten Lesen durch Schreiben eine Methode, mit der Erstklässler zügig die ersten Sätze verfassen. Dabei hilft den Schülern eine Anlauttabelle, auf der kleine Bildchen und die Buchstaben des Alphabets abgebildet sind. Ein U neben einer Uhr, ein M neben einer Maus. Wenn die Kinder eigene Wörter schreiben wollen, klauben sie sich mithilfe der Symbolbilder die nötigen Buchstaben zusammen. Manche können auf diese Weise schon nach wenigen Wochen kleine, wenn auch recht fehlerhafte Geschichten schreiben. Eltern sind dann angehalten, viel zu loben, die Rechtschreibfehler aber nicht zu korrigieren. Erst nach und nach weisen die Lehrer im Unterricht auf die richtige Schreibweise hin.

Experten wie die Berliner Grundschulpädagogin Renate Valtin kritisieren dieses Vorgehen, weil sich dadurch falsche Schreibweisen verfestigen könnten. Der Oberhausener Schulpsychologe Karl Landscheidt pflichtet ihr bei. Für einen Aufsatz hat er nach Studien gesucht, in denen die nachhaltige Wirksamkeit des Schreibens mit Anlauttabelle belegt wird. Er habe, sagt er, keine gefunden. "Ich kann nur erstaunt vor der Begeisterung mancher Grundschullehrer sitzen", sagt Landscheidt.

In vielen Klassenzimmern sind die Zeiten vorbei, in denen Rechtschreibung allein durch Diktate gepaukt wurde. Die Anlauttabellen haben längst Eingang in die klassischen Lesefibeln gefunden. In manchen Bundesländern wird inzwischen komplett auf benotete Diktate verzichtet, um nicht die gesamte Klasse über einen Kamm zu scheren. Noten sollen besser durch individuelle Beobachtung und nicht durch Fehlerzählen entstehen. Die Grundschule ist, wenn man so will, ein wärmerer Ort geworden.

Karl Landscheidt hat ein Grundschullesebuch aus dem Jahr 1980 mit einer aktuellen Ausgabe verglichen. In der alten Version findet er 160 Seiten mit Text auf jeder Seite. Heute sähen die Bücher ganz anders aus, sagt Landscheidt. Sie seien dünner geworden, hätten mehr Bilder auf den Seiten und weniger Text. Er glaubt nicht an die Idee, dass Lernen kindgerecht und spielerisch und möglichst anstrengungsfrei sein muss: "Das ist weltfremd! Man kann nicht lernen, ohne sich anzustrengen." Rechtschreibregeln müsse man "wiederholen und wiederholen".

Die Rechtschreibung taugt immer wieder neu dazu, grundsätzliche Debatten über Bildung zu befeuern. 1954 stand in den "Stuttgarter Empfehlungen zur Erneuerung der Rechtschreibung", man wolle das Schreiben erleichtern, um einem Minderwertigkeitsgefühl von weniger Gebildeten vorzubeugen. 1972 konnte man in den "Hessischen Rahmenrichtlinien für den Schulunterricht" lesen, dass die fehlerfreie Schriftsprache den besser gebildeten und kapitalistischen Ausbeutern als Herrschaftsinstrument diene.

Tatsächlich sind gute Rechtschreibkenntnisse noch heute ein Hinweis auf eine solide Bildung, vielleicht sogar so etwas wie ein Statussymbol. Der Schriftsteller Martin Mosebach schrieb einmal von einem Mangel an Souveränität, der mit schlechter Orthografie einhergehe. Ein Fehler in einem Text sei so peinlich wie ein Ketchupfleck auf dem Hemd. Leider hält die Rechtschreibreform von 1996 viele Quellen für Ketchupflecken bereit. Manche Schüler wundern sich, wenn sie zwar "Gräuel" lernen, dann aber, etwa in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, von "Greueln" lesen. In einer Studie der Gesellschaft für deutsche Sprache erklärten 2008 gar 79 Prozent der Befragten, sie wüssten durch die Rechtschreibreform bei vielen Wörtern gar nicht mehr, wie sie richtig geschrieben werden. Eine Aussage, die selbst 54 Prozent der Reformbefürworter teilten.

Vermutlich hat aber nicht nur die Rechtschreibreform das Verhältnis der Deutschen zur Orthografie verändert. Es tat sich auch sonst etwas in den neunziger Jahren: Zum einen wurde damals in vielen Lehrplänen zunehmend von Kompetenzen geredet, mit denen man Schüler auf das Leben in einer komplizierten und komplexen Welt vorbereiten wollte. Diese Kompetenzen drängten die schiere Wissensvermittlung in den Hintergrund. Formale Fähigkeiten galten im Deutschunterricht auf einmal als nicht mehr so wichtig – und genau das spiegelt sich in den Aufsätzen von Schülern wider: Der Tendenz nach sind sie, so berichten Deutschlehrer, mit deutlich mehr Fehlern gespickt, die Schilderungen seien dafür aber interessanter und lebhafter.

Zum anderen gingen in jener Zeit viele Menschen zum ersten Mal ins Internet, das bald ein Ort zum Selberschreiben wurde. Wer sich in Sozialen Netzwerken, in Kommentarspalten von Onlinemedien oder Chatforen umtut, wird schnell feststellen, dass es dort nur so wimmelt an Beispielen für mangelnde Rechtschreibkenntnisse, vor allem in Form verkürzter Botschaften und privater Sprache.

Christa Dürscheid kennt diese Beispiele auch, möchte allein daraus aber keine Rückschlüsse auf die Ursachen mangelnder Rechtschreibkenntnisse ziehen. Die Sprachwissenschaftlerin arbeitet am Deutschen Seminar der Uni Zürich und glaubt, dass man schlicht viel mehr öffentliches Schreiben sehe als noch vor 20 Jahren. "Früher gab es das private öffentliche Schreiben nicht – die Blogs, die Facebook-Einträge, den Chat. Die Leute schreiben dort in einem privaten Duktus und im Bewusstsein, sich in einem informellen Raum zu bewegen. Das schlägt sich in der Orthografie nieder." Dürscheid sammelte im Rahmen einer Forschungsstudie Tausende Internet- und SMS-Texte von jungen Erwachsenen und verglich sie mit Schulaufsätzen. Es zeigte sich: Wer eine SMS oder eine E-Mail fehlerhaft schreibt, verfasst nicht zwangsläufig schlechte Aufsätze. "Wer die Orthografie nicht ausreichend beherrscht oder Mühe hat, sich adäquat auszudrücken", sagt Dürscheid, "der hat diese Probleme unabhängig davon, ob er privat viel oder wenig in den neuen Medien schreibt."

Die Sprachforscherin glaubt nicht an das Versagen einer einzigen Instanz. Ob nun der Schulunterricht lückenhaft ist, die Rechtschreibreform Verwirrung gestiftet hat oder sich durch die schnelle private Kommunikation im Internet Achtlosigkeiten einschleifen – das Ergebnis ist dasselbe, und daran gilt es zu arbeiten: Dürscheid weist ihre Studenten immer wieder auf ihre Schreibfehler hin. Und sie plädiert dafür, dass es im Deutschunterricht bis zum Abitur auch um Orthografie gehen muss, nicht nur bis zur neunten Klasse. "Wir dürfen eine gute Rechtschreibung nicht einfach voraussetzen", sagt sie, "wir müssen sie immer wieder neu einfordern." Denn auch in Zeiten von freierem Lernen und Dauergebrabbel im Netz bleibt ein Ketchupfleck auf dem Hemd peinlich – vielleicht noch nicht in der Unterstufe, allerspätestens aber im Berufsleben.