Was ein Piefke ist, das weiß in Österreich jeder: ein deutsches Großmaul, einer, der piefchinesisch bramabarsiert und dessen Sprachmelodie klingt wie ein Bataillon Knobelbecher, untermalt von Marschmusik. Piefke, das sind rund 80 Millionen Vollgas-Ritter, die einzig und allein dazu dienen, von der österreichischen Tourismusindustrie ausgenommen zu werden.

Warum es allerdings Piefke heißt, wer dieser Piefke gewesen sein könnte, und weshalb man ausgerechnet hier, in Gänserndorf, einem schmucklosen Städtchen östlich von Wien, auf dem Platz vor der Stadtbibliothek ein Denkmal für ihn enthüllt, das weltweit einzige, ist den meisten ein Rätsel. Ohnehin sieht die 2,90 Meter hohe Konstruktion aus Cortenstahl sehr merkwürdig aus. Hat auch ein Piefke entworfen. "Wie a Dusche", schüttelt ein betagter Spaziergänger den Kopf und fingert an einer stählernen Scheibe herum, in die der Name Piefke gefräst ist. "I frag mi, san mir deppert, oder die anderen", philosophiert seine Frau. Sonst schmücken hier nur meterhohe, bunte Kunststoffgänse die Straßen der Stadt.

Es ist ein lauer Spätsommerabend. Die Orden auf den himmelblauen Uniformjacken des Gänserndorfer Musikvereins wippen zur Marschmusik, Posaunen und Trompeten schmettern, Pauken dröhnen. Es ist eine historische Stunde: Zum ersten Mal seit 143 Jahren erschallt wieder der Königgrätzer Marsch an jenem Ort, an dem eines der beliebtesten Stück deutscher Militärmusik seine Uraufführung erlebte. In österreichischen Ohren schmerzt der triumphale Rhythmus, trampelt das galoppierende Finale über einer alten Wunde. Der Königgrätzer verkörpert Preußens Glorie und Österreichs Schmach.

Zur Erinnerung: 1866 hatte die preußische Armee in der wahrscheinlich blutigsten Schlacht des 19. Jahrhunderts die Truppen des österreichischen Kaisers nahe der böhmischen Stadt Königgrätz derart vernichtend geschlagen, dass die Habsburger Monarchie aus allen Belangen der deutschen Politik verdrängt wurde. Im Juli 1866 lagerten 62.000 Kürassiere, Füsiliere und Grenadiere, Husaren, Dragoner und Ulanen der 1. Preußischen Armee vor den Toren von Wien.

Nur mit Mühe hatte Reichskanzler Otto von Bismarck seinen König davon abhalten können, in die gedemütigte Residenzstadt einzumarschieren. Nun nahm Wilhelm I. in einem trostlosen Kaff die Siegesparade seiner Soldaten ab, bei der alle Musikzüge des III. Armeekorps zum ersten Mal den Königgrätzer Marsch intonierten. Johann Gottfried Piefke, der berühmteste Militärmusikkapellmeister seiner Zeit, hatte ihn erst wenige Tage zuvor eigens für diesen Anlass komponiert. Seitdem gehört er zu den Evergreens, wo immer deutsche Landser in den Gleichschritt fallen.

In Österreich hingegen, wo man seit jenem blutigen Tag auf böhmischen Feldern, auf "Rache für Königgrätz" sinnt, revanchierte sich der Volksmund effektiv und nachhaltig für das triumphale Musikstück. Der Name des Komponisten diente fortan als Schmähwort und bezeichnete jeden, der auch nur entfernt an preußische Großmannssucht gemahnte – also an fast alle aus dem nördlichen Nachbarland. Daran konnte auch die nationalsozialistische Volksgenossenschaft nichts ändern und auch nicht das NS-Gesetz, das den Gebrauch der Verunglimpfung unter schwere Strafe stellte.

Das Stigma des Piefke hat sich bis heute erhalten. Beizeiten werden die Piefkes geradezu als außerirdische Bedrohung empfunden, beispielsweise wenn sie in Gestalt des Regisseurs Claus Peymann das geheiligte Burgtheater in Wien okkupierten. Wenn Peymann das Wort ergriff, gar von "Schangse" sprach, vermeinte das kunstsinnige Publikum erneut, das Ballern, Donnern und Fauchen der Blechblasinstrumente auf der Parademeile von Gänserndorf zu vernehmen.

Dem Initiator des Monuments in Gänserndorf, dem bayrischen Klangkünstler Christoph Theiler, der seit 17 Jahren in Wien lebt, war der Einfall zu seinem Projekt an einem Ort gekommen, an denen ein Piefke gemeinhin fehl am Platz erscheint: beim Heurigen, jener urwienerischen Idylle an der die weinseligen Wienerlieder winseln und die säuerlichen Tropfen, die an den Hängen ringsum gedeihen, ausgeschenkt werden.

Ausgerechnet dort, wo es üblich ist, über die Hinfälligkeit alles Strebens zu sinnieren, habe man, erzählt Theiler, in feuchtfröhlicher Runde über Bismarck und Wilhelm I. räsonniert und dabei die Idee eines Denkmals für den Komponisten Piefke geboren. Typisch Piefke eben.

Ein sinnstiftendes Symbol für die lokale Bevölkerung dürfte das neue Monument allerdings kaum werden. Während im Kultursaal der Stadt noch sehr ernste, feierliche Worte zu hören waren, nahmen die Gänsendorfer die Piefke-Stehle auf ihre Weise in Besitz. Vor der nahen Imbiss-Stube Gerhard saßen sie beim Bier zusammen, wendeten der Stahlkonstruktion den Rücken zu und schüttelten verwundert den Kopf. Allerdings könnte, da Deutsche mittlerweile die größte nationale Migrantengruppe in Österreich bilden, hier bald des unbekannten Piefkes gedacht werden – eine Pilgerstätte für all jene, die den verächtlichen Blick eines Kioskbetreibers ertragen müssen, wenn sie nach Bild fragen oder die von einem übelgelaunten Ober rüde zurechtgewiesen werden, wenn sie im Kaffeehaus nicht korrekt ihren "kleinen Schwatzen" oder ihre "Melange" bestellen können.