Sekte Prominente rechnen mit Scientology ab

Oscar-Preisträger Paul Haggis hat seinen Austritt aus Scientology erklärt. Das belebt auch Gerüchte über Konflikte zwischen anderen Promis und Scientology.

Abrechnung nach 35 Jahren Scientology-Mitgliedschaft. Der kanadische Filmregisseur Paul Haggis, hier mit Paul Iancone in New York

Abrechnung nach 35 Jahren Scientology-Mitgliedschaft. Der kanadische Filmregisseur Paul Haggis, hier mit Paul Iancone in New York

Der Brief war ursprünglich nicht als öffentliche Abrechnung gemeint. Doch nun gibt er einen seltenen Einblick in das interne Leben der umstrittenen Organisation Scientology, die in den USA als "Kirche" gilt. Paul Haggis, ein prominenter Drehbuchautor in Hollywood und Oscar-Preisträger, erklärt darin dem Sprecher von Scientology, Tommy Davis, warum er der Glaubensgemeinschaft nach 35 Jahren den Rücken kehrt.

Mit zwei Monaten Verzögerung findet der Brief, der das Datum 19. August trägt, nun breite Aufmerksamkeit. Ein ausgewiesener Kritiker von Scientology, Marty Rathbun, hat das Schreiben in seinem Internetblog publiziert. Rathbun galt in den neunziger Jahren als eine mächtige Figur in der Scientology-Führung an der Seite des Vorsitzenden David Miscavige. Vor einigen Jahren stieg er aus und berät seither Menschen, die sich als Opfer der Organisation empfinden. Er lebt in St. Petersburg, Florida. Die Stadt ist zu einem Zentrum der Scientology- Kritiker geworden. Die dortige Zeitung, "St. Petersburg Times" hat in jüngerer Zeit mehrere Artikel veröffentlicht, in denen ehemalige Mitglieder und Führungskräfte der "Kirche" belastende Informationen preisgeben.

Anzeige

Haggis beklagt in dem Brief, er habe zu lange die Augen vor Praktiken verschlossen, die er "moralisch verwerflich" nennt. Er sei "geschockt", wie leicht Tommy Davis die Öffentlichkeit über die Scientology-Politik "belügt". Haggis’ Wort hat Gewicht. 2005 gewann er einen Oscar als Koautor des Drehbuchs für "Crash". Er schrieb auch die Drehbücher für andere große Filmerfolge, darunter "Million Dollar Baby" (Oscar-nominiert) sowie die James-Bond-Thriller "Casino Royal" und "Quantum of Solace".

Deshalb belebt der Streit zwischen Haggis und Scientology auch Gerüchte über Konflikte zwischen anderen Hollywood-Prominenten und der Organisation. Im Juli war, zum Beispiel, spekuliert worden, der Schauspieler John Travolta habe sich nach dem Tod seines 16-jährigen Sohnes Jett mit Scientology überworfen. Doch er traue sich nicht, auszutreten, weil er befürchte, dass die Organisation sich dann mit peinlichen persönlichen Informationen räche, die sie bei internen Beichten gewonnen habe.

Ähnliche Vorwürfe verleihen dem Brief des 56-jährigen Haggis Brisanz. In seinem Fall waren zunächst nicht interne Praktiken der Organisation Auslöser seiner Entfremdung, sondern eine aktuelle politische Frage. Per Volksabstimmung wollten die Gegner der Homo-Ehe den staatlichen Segen für gleichgeschlechtliche Partnerschaften in Kalifornien im Herbst 2008 wieder abschaffen. Haggis gewann den Eindruck, die Scientology- Gemeinde in San Diego unterstütze die sogenannte "Proposition 8", und verlangte von Tommy Davis, die Führung solle die Mitglieder in San Diego dafür rügen. Schließlich predige Scientology die Achtung individueller Rechte. Haggis schreibt in seinem Brief, Davis habe ihm damals gesagt, auch er sei empört, und habe versprochen, es würden "Köpfe rollen". Doch dann sei zehn Monate lang nichts geschehen. Die Tatenlosigkeit der Kirche gegenüber "diesen Bigotten und Homophoben ist feige", schreibt Haggis. "Schweigen bedeutet Einverständnis. Ich verweigere dieses Einverständnis."

Die übrigen Vorwürfe wirken schwerwiegender, denn sie betreffen den internen Umgang mit und den psychischen Druck auf Mitglieder. Die Enttäuschung über das Verhalten bei "Proposition 8" habe ihn veranlasst, genauer hinzuschauen, erklärt Haggis. Ein Interview, in dem Davis behaupte, es gebe kein Kontaktverbot für Scientology-Mitglieder gegenüber Abweichlern, habe ihn "geschockt". Diese Politik sei allgemein bekannt; seine Frau habe es am eigenen Leib erfahren. Die "Kirche" habe ihr den Kontakt zu ihren Eltern verboten, und das habe "schreckliches persönliches Leid" ausgelöst.

"Als ich sah, wie leicht du lügst", schreibt Haggis an Davis, "musste ich mich fragen: Worüber lügst du noch?" Er sei dann auf eine Artikelserie der "St. Petersburg Times" mit Vorwürfen von Ex-Mitgliedern gegen Scientology gestoßen. Darunter war Amy Scobee. Demnach habe die "Kirche" Informationen über deren Sexualleben, die sie in internen Beichten gewonnen hatte, nach deren Austritt veröffentlicht, um sie zu bekämpfen. "Diese Art von Charaktervernichtung ist gewissenlos", urteilt Haggis. Er müsse wohl fürchten, selbst zum Ziel solcher Angriffe zu werden. Er rechne damit, dass sich Freunde, die der "Kirche" angehören, von ihm abwenden. Doch beschämt sei er heute nur noch darüber, dass er nicht früher ausgetreten sei.

Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 28.10.2009

 
Leser-Kommentare
  1. In den USA gilt Scientology nicht als Kirche, sie wurde vom Staat lediglich als steuerbefreite Religionsgemeinschaft anerkannt. Unter Kirche stelle ich mir definitiv etwas anderes vor als eine Sekte, die mit dem Christentum nicht das Entfernteste zu tun hat.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • PGMN
    • 28.10.2009 um 16:55 Uhr

    gilt für Sie nur das Christentum als "Kirche"? Da werden sich die Muslime, die Buddhisten und viele weitere schön bedanken.

    Nicht falsch verstehen: Scientology ist abzulehnen, aber zu behaupten, es habe mit christlichen Kirchen nichts zu tun, versteht etwas falsch.

    Jede "Kirche" beutet ihre Anhänger auf irgendeine Weise aus und das Grundkonzept einer Religion ist untrennbar mit Ablehnung Andersartiger und Verfolgung von Apostaten verknüpft. Soll sich Scientology ruhig als Kirche bezeichnen. Diejenigen Gemeinschaften, die sich daran stören, tun das vermutlich deshalb, weil sie einen Teil von sich selbst darin erkennen.

    • PGMN
    • 28.10.2009 um 16:55 Uhr

    gilt für Sie nur das Christentum als "Kirche"? Da werden sich die Muslime, die Buddhisten und viele weitere schön bedanken.

    Nicht falsch verstehen: Scientology ist abzulehnen, aber zu behaupten, es habe mit christlichen Kirchen nichts zu tun, versteht etwas falsch.

    Jede "Kirche" beutet ihre Anhänger auf irgendeine Weise aus und das Grundkonzept einer Religion ist untrennbar mit Ablehnung Andersartiger und Verfolgung von Apostaten verknüpft. Soll sich Scientology ruhig als Kirche bezeichnen. Diejenigen Gemeinschaften, die sich daran stören, tun das vermutlich deshalb, weil sie einen Teil von sich selbst darin erkennen.

  2. Mutig von Paul Hagis diesen Schritt zu gehen, riskiert er doch dabei sein Gesicht. Das späte Erwachen zeugt von Naivität bzw. sehr guter Gehirnwäsche. Fragt sich, wann die Staaten erwachen werden?!

    • th
    • 28.10.2009 um 14:29 Uhr

    Woher kennen wir denn das?
    - Glaubensgemeinschaft
    - psychischer Druck
    - gegen Homoehe
    - Kontaktverbot gegenüber Abweichlern
    - Verfolgung von Aussteigern

    Sind diese Vorwürfe nun Ausdruck einer Scientology-Phobie?
    (Redaktion: nein, ich verallgemeinere nicht und setze nicht ungleiches gleich - ich frage nur nach der Allgemeingültigkeit der Maßstäbe)

  3. Bis zu seinem Ausstieg hat man von Paul Haggis nichts im Zusammenhang mit Scientology in den Medien lesen können. Nun hat er sich entschieden diesen Weg nicht mehr zu gehen und es wird sich drauf gestürzt, weil es um Scientology geht. Die EKD hat soeben bekannt gegeben, dass im Jahre 2008 allein in Deutschland 160.000 Menschen der Kirche den Rücken gekehrt haben. Die katholische Kirche hat 120.000 Menschen verloren. Berichte von Aussteigern sieht man nicht. Jeder Mensch kann sich frei für seinen Glaubensweg entscheiden oder auch dagegen.

    • PGMN
    • 28.10.2009 um 16:55 Uhr
    5. Hmmm,

    gilt für Sie nur das Christentum als "Kirche"? Da werden sich die Muslime, die Buddhisten und viele weitere schön bedanken.

    Nicht falsch verstehen: Scientology ist abzulehnen, aber zu behaupten, es habe mit christlichen Kirchen nichts zu tun, versteht etwas falsch.

    Jede "Kirche" beutet ihre Anhänger auf irgendeine Weise aus und das Grundkonzept einer Religion ist untrennbar mit Ablehnung Andersartiger und Verfolgung von Apostaten verknüpft. Soll sich Scientology ruhig als Kirche bezeichnen. Diejenigen Gemeinschaften, die sich daran stören, tun das vermutlich deshalb, weil sie einen Teil von sich selbst darin erkennen.

    Antwort auf "Keine Kirche"
  4. Leider findet man in diesem Artikel die Position der Scientology Kirche nicht. Es ist selbstverständlich Haggis selber überlassen, Mitglied oder Nichtmitglied zu sein.
    Die Scientology Kirche weigert sich seit jeher politische Statements abzugeben. So würde sie ihren Mitgliedern auch nie empfehlen eine bestimmte Partei zu wählen. Die Diskussion um die Homo-Ehe ist eine politische Frage und so wird sich die Kirche weder dafür noch dagegen aussprechen. Dass ein einzelner Vertreter einer lokalen Kirche dazu ein Statement abgegeben hat war ein Fehler, dies wurde auch korrigiert, die Kirche hat sich davon distantiert.
    Unter den Mitgliedern der Scientology Kirche finden sich auch Homosexuelle, ohne dass die Kirche damit ein Problem hat.

    Auch müsste Haggis wissen, dass es jedem Mitglied selber überlassen ist zu entscheiden ob er mit jemandem den Kontakt abbricht oder nicht. Ein Kontaktabbruch geschieht selten...und meist dann wenn ein unüberwindbares Zerwürfnis besteht.

    Im übrigen: Hundertausende von Mitgliedern der Staatskirchen verlassen jedes Jahr ihre Kirche, darunter sicher auch viele Prominente. Nur wenn es um Scientology geht, werden daraus Schlagzeilen!

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service