Sprachdebatte Muss ein Außenminister Englisch können?

An sich nicht. Doch eine gemeinsame Sprache erleichtert die Atmosphäre und ermöglicht Begegnungen unter vier Augen

Von Außenminister Genscher (r.) heißt es, er musste bei Amtsantritt erst einmal Englisch lernen; im Einsatz 1977 mit Kanzler Schmidt und dem britischen Premier Callaghan vor 10 Downing Street.

Von Außenminister Genscher (r.) heißt es, er musste bei Amtsantritt erst einmal Englisch lernen; im Einsatz 1977 mit Kanzler Schmidt und dem britischen Premier Callaghan vor 10 Downing Street.

Die Medien machen es einem künftigen deutschen Außenminister nicht leicht. Spricht er öffentlich Englisch, fällt er dem Kampf um die Weltgeltung der deutschen Sprache in den Rücken, weigert er sich, riskiert er den Fehlschluss, es nicht zu können. Fast möchte man aus den jüngsten Wellenschlägen der veröffentlichten Meinung die Devise herauslesen: Englisch soll er können, aber gefälligst Deutsch sprechen.

Doch muss ein Außenminister wirklich imstande sein, sich auf Englisch zu verständigen? Leider klärt uns keine Statistik darüber auf, wie es weltweit mit dieser Fähigkeit steht. Die Außenminister der Bundesrepublik jedenfalls besaßen sie, teils als Ergebnis eines Lernprozesses im Amt. Offensichtlich wurde sie also für nützlich gehalten. Aber ist sie unerlässlich?

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Auf den ersten Blick nein. Praktisch die ganze Staatenwelt ist Partner Deutschlands. Niemand käme auf die Idee, ein Außenminister müsse mit allen diesen Ländern oder wenigsten den für uns wichtigsten in ihrer Zunge reden können. Der Sprachendienst des Auswärtigen Amts bietet ein Instrument, auf dessen Fachkunde und Verschwiegenheit absoluter Verlass ist. Wenn es auf Genauigkeit und Nuancen ankommt, sollte sich kein Politiker die eigene Sprache nehmen lassen. Werden nicht nur Sprechzettel verlesen, dann ist Sprechen zugleich Denken und das funktioniert nun einmal in der eigenen Sprache am besten.

Müssen unterschiedliche Meinungen in einem offiziellen Text mit dem geeigneten Adjektiv überbrückt werden, schlägt vollends die Stunde der Muttersprachler. Der Brüsseler Alltag mag die Sprachschule der europäischen Politiker sein. Doch in der Europäischen Union wird bei Begegnungen auf Ministerebene in alle Amtsprachen (inzwischen 23!) gedolmetscht, ein gewaltiger, nur im Konferenzsaal zu bewältigender Aufwand. Es ist unsere erklärte Politik, keine Schwächung des Deutschen im Sprachenregime der EU hinzunehmen. Immerhin sprechen 30 Prozent der EU-Bürger Deutsch, zwei Drittel davon als Muttersprache.

Auf den zweiten Blick sieht es anders aus. 47 Prozent der EU-Bürger können sich in Englisch ausdrücken, wenn auch nur 13 Prozent als Muttersprache, weltweit sind es je nach Messlatte 470 Millionen bis über eine Milliarde Menschen. Englisch prägt den internationalen Austausch und ist am ehesten auf dem Weg zu einer lingua franca seiner Akteure. Seine Vorrangstellung als globale Verkehrssprache hat sogar der deutsch- französische Ministerrat, in der im Oktober 2004 verabschiedeten Strategie zur Förderung der Partnersprachen Deutsch und Französisch, anerkannt. Keine Firma, die exportieren will, kommt ohne englischsprachige Mitarbeiter aus.

Für einen Staat mit dem weltweiten politischen Gewicht und der Exportabhängigkeit Deutschlands scheint es schon ein Gebot der Optik, nach innen wie außen, an der Spitze seines Auswärtigen Dienstes eine Persönlichkeit zu haben, die ihre Weltläufigkeit auch durch Kenntnis des Englischen belegt. Aber es geht um mehr.

Eine gemeinsame Sprache erleichtert Atmosphäre schaffenden Small Talk, erlaubt den direkten, schnellen Austausch an der Speisetafel, ermöglicht Begegnungen, die tatsächlich ausschließlich unter vier Augen stattfinden. Sie ist hilfreich für die viel beschworene Chemie, das persönliche Verhältnis der internationalen Akteure zueinander, ein nicht zu unterschätzender Faktor, auch wenn es in den Außenbeziehungen der Staaten letztlich um Interessenwahrung geht. Ein Gutteil der Auslandsprogramme unserer Politikerprominenz gilt der public diplomacy, der Einwirkung auf die öffentliche Meinung im Gastland. So angezeigt es ist, in der Vorbereitung Fachkräfte an Texten feilen zu lassen: Begegnung und Dialog mit den Menschen eines anderen Landes, in welchem Rahmen auch immer, inszeniert sich eindrucksvoller in einer gemeinsamen Sprache und ohne Dolmetscher.

Leser-Kommentare
  1. ..., die Fremdsprachen beherrschen. Jeder Abiturient muss leidlich Englisch sprechen. Warum sollte man da einen Typen in eines der höchsten Staatsämter heben, der nicht mal diese Basis-Qualifikation mitbringt?

    Wenn die Biene-Maja-Koalition Guido Westerwelle zum Außenminister macht, ist das ein deutlicher Hinweis darauf, dass hier Parteienproporz vor Sachkenntnis geht.

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    Das belegt ein Filmschnipsel von 2006, der irgendwo auf Youtube rumgeistert. Aber Abiturniveau reicht vielleicht grad so zum Casual Smalltalk. In Verhandlungen mit anderen Staatsmännern, wo sprachliche Nuancen von größter Wichtigkeit sein können, um den Gesprächspartner nicht zu verärgern und trotzdem seine Position zu verdeutlichen, braucht es schon mehr. (Glaube ich zumindest, bin ja kein Diplomat ;) )

    Welche Qualifikation hatte den Joschka Fischer aufzuweisen?

    Das Bedarf doch keiner Frage, selbstverständlich sollte
    ein Politiker der im Focus der Öffentlichkeit steht Englisch
    perfekt beherrschen...

    Selbst ein Angestellter der mittleren Laufbahn kommt
    ohne Englisch nicht weiter...

    Also, an die Arbeit...

    Das belegt ein Filmschnipsel von 2006, der irgendwo auf Youtube rumgeistert. Aber Abiturniveau reicht vielleicht grad so zum Casual Smalltalk. In Verhandlungen mit anderen Staatsmännern, wo sprachliche Nuancen von größter Wichtigkeit sein können, um den Gesprächspartner nicht zu verärgern und trotzdem seine Position zu verdeutlichen, braucht es schon mehr. (Glaube ich zumindest, bin ja kein Diplomat ;) )

    Welche Qualifikation hatte den Joschka Fischer aufzuweisen?

    Das Bedarf doch keiner Frage, selbstverständlich sollte
    ein Politiker der im Focus der Öffentlichkeit steht Englisch
    perfekt beherrschen...

    Selbst ein Angestellter der mittleren Laufbahn kommt
    ohne Englisch nicht weiter...

    Also, an die Arbeit...

  2. Er muss es nicht können, er sollte es aber können. Für richtige Verhandlungen wird man schon alleine aus Gründen der Genauigkeit auf einen Übersetzer zurückgreifen. Aber es würde Mr. "Westerwave" sicher nicht schaden, wenn er sich zwanglos mit seinem Gegenüber bei Tische unterhalten könnte.

  3. Das belegt ein Filmschnipsel von 2006, der irgendwo auf Youtube rumgeistert. Aber Abiturniveau reicht vielleicht grad so zum Casual Smalltalk. In Verhandlungen mit anderen Staatsmännern, wo sprachliche Nuancen von größter Wichtigkeit sein können, um den Gesprächspartner nicht zu verärgern und trotzdem seine Position zu verdeutlichen, braucht es schon mehr. (Glaube ich zumindest, bin ja kein Diplomat ;) )

  4. 4.

    Na ja, das ein Aussenminister in der Lage sein sollte, zumindest einigermassen gut englisch zu sprechen, versteht sich heute von selbst - das wird ja schon von Schülern gefordert, da kann die Politik - zumal bei Spitzenämtern - nicht hintanstehen. Ich gehe aber einmal davon aus, dass Westerwelle diese Sprache hinlänglich beherrscht, auch wenn er in einem viel verlinkten Youtube-Video keine gute Figur macht - Oezdemir macht in seiner albernen bis indiskutablen Replik auch keine viel bessere Figur.

    "Eine gemeinsame Sprache erleichtert Atmosphäre schaffenden Small Talk, erlaubt den direkten, schnellen Austausch an der Speisetafel, ermöglicht Begegnungen, die tatsächlich ausschließlich unter vier Augen stattfinden."

    Das stimmt, aber es gibt hier auch ein grosses Problem: spricht man mit einem Muttersprachler, dann kann man sich nicht auf gleicher Augenhöhe mit diesem unterhalten, sondern ist alleine sprachlich diesem gegenüber bereits herabgesetzt und hat es viel schwerer, sich argumentativ durchzusetzen. Als Besucher internationaler Tagungen stellt man rasch fest, was für ein Unterschied es ist, einem Muttersprachler (oder de-facto-Muttersprachler) oder einem Fremdsprachler zuzuhören - die Vorträge von ersteren werden von vorne herein viel mitreissender sein, und er wird viel souveräner auf Fragen des Auditoriums antworten können. Man muss daher aufpassen, um nicht ins Hintertreffen zu kommen.

  5. 5.

    Was die Pressekonferenz von Westerwelle angeht: es wird der britischen Pressen nicht schaden, uns den Respekt zu erweisen, das nächste Mal einen Vertreter zu senden, der der deutschen Sprache mächtig ist. Anstelle von Westerwelle hätte ich den anwesenden Reporter darauf hingewiesen, aber die Frage für dieses Mal beantwortet mit dem Hinweis, dass dies das erste und letzte Mal gewesen sei. Denn die Arroganz englischer Muttersprachler zu glauben, sie könnten alle und jeden auf der Welt auf englisch anzuquatschen, als sei das ihr selbstverständliches Vorrecht, ist unglaublich.

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    Auch ein franzøsischer oder russischer Journalist hætte unserem kuenftigen Aussenminister Fragen auf englisch gestellt. Deutsche Kollegen fragen im Gegenzug Sergei Lawrow oder Bernard Kouchner ebenso auf englisch.

    Niemand erwartet von irgendjemanden irgendwo in einer Pressekonferenz mit auslændischen Vertretern franzøsisch, deutsch, chinesisch oder russisch zu reden, nur englisch.

    Auch ein franzøsischer oder russischer Journalist hætte unserem kuenftigen Aussenminister Fragen auf englisch gestellt. Deutsche Kollegen fragen im Gegenzug Sergei Lawrow oder Bernard Kouchner ebenso auf englisch.

    Niemand erwartet von irgendjemanden irgendwo in einer Pressekonferenz mit auslændischen Vertretern franzøsisch, deutsch, chinesisch oder russisch zu reden, nur englisch.

  6. 6.

    Welche Qualifikation hatte den Joschka Fischer aufzuweisen?

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    er konnte gut zielen ;-PPP

    Er hat blitzartig ziemlich schnell englisch gelernt und beherrschr es auf gutem Niveau!

    er konnte gut zielen ;-PPP

    Er hat blitzartig ziemlich schnell englisch gelernt und beherrschr es auf gutem Niveau!

  7. Gleich geht es ja wohl los! Ob ein Außenminister Englisch können muss, dürfte doch seit Jahrzehnten keine ernsthaft zu stellende Frage mehr sein.

    Ebenso kann der Einwand, er würde durch die öffentliche Verwendung des Englischen dem Kampf um die Weltgeltung der deutschen Sprache in den Rücken fallen, nur humoristisch gemeint sein.

  8. Na, wann stellt denn ein ZEIT-Journalist eine Frage auf deutsch an den britischen Aussemminister, und fordert dann auch noch eine Antwort in deutscher Sprache ein ?? Das waere absurd und peinlich, warum ist das Verhalten von Hn. Westerwelle peinlich ?
    Das war doch eine gezielte Attacke des BBC-Reporters auf den wunden Punkt. Traurig, dass Hr. Westerwelle kein chinesisch kann, eine Antwort auf chinesisch, ohne klaerende Uebersetzung, waere genau die richtige Form der Antwort gewesen.

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    Der US-Finanzminister kann auch fließend Chinesisch, und das ist bei dem Amt und der Tatsache, dass China Hauptgläubiger ist, vielleicht auch keine schlechte Idee ;-).

    Es ist in Deutschland nun mal üblich, dass man Fremdsprachenbeherrschung als Maß für die eigene Bildung heranzieht, und deshalb ist es peinlich für Herr Westerwelle, wenn er da Schwächen hat. Nicht, weil es wirklich nötig wäre, sondern weil es eben unter Niveau ist, es nicht zu können. Gerade für den Vorsitzenden einer Partei des gehobenen Bildungsbürgertums. Ich weiß nicht, wie gut das Englisch von Angela Merkel ist, aber da reicht es ja auch völlig, wenn sie da besser als Kohl ist.

    BTW: Wenn man ernsthaft mit jemand argumentieren will, muss man dessen Sprache hinreichend gut können. Man muss ihn unterbrechen können und Argumente kurz und schnell vorbringen können. Dazu hat das AA entsprechend ausgebildete Diplomaten, das kann der Außenminister alles gar nicht alleine. Aber es ist trotzdem sinnvoll, wenn man sich mit wichtigen Verbündeten und auch Gegnern halbwegs auf Augenhöhe unterhalten kann - und dazu würde ich heute eher die Chinesen als die Russen zählen. So schwierig ist Chinesisch ja nun auch wieder nicht.

    Und zur Diplomatie gehört auch Höflichkeit: Wenn mich jemand auf einer Fremdsprache fragt, dann beantworte ich seine Frage. Das kann man durchaus auf Deutsch machen, schließlich sollen die anderen Journalisten die Antwort ja auch verstehen. Aber man beantwortet die Frage auf jeden Fall, egal wie.

    • tages
    • 06.10.2009 um 12:27 Uhr

    Ich stimme Ihnen voll zu.

    Der US-Finanzminister kann auch fließend Chinesisch, und das ist bei dem Amt und der Tatsache, dass China Hauptgläubiger ist, vielleicht auch keine schlechte Idee ;-).

    Es ist in Deutschland nun mal üblich, dass man Fremdsprachenbeherrschung als Maß für die eigene Bildung heranzieht, und deshalb ist es peinlich für Herr Westerwelle, wenn er da Schwächen hat. Nicht, weil es wirklich nötig wäre, sondern weil es eben unter Niveau ist, es nicht zu können. Gerade für den Vorsitzenden einer Partei des gehobenen Bildungsbürgertums. Ich weiß nicht, wie gut das Englisch von Angela Merkel ist, aber da reicht es ja auch völlig, wenn sie da besser als Kohl ist.

    BTW: Wenn man ernsthaft mit jemand argumentieren will, muss man dessen Sprache hinreichend gut können. Man muss ihn unterbrechen können und Argumente kurz und schnell vorbringen können. Dazu hat das AA entsprechend ausgebildete Diplomaten, das kann der Außenminister alles gar nicht alleine. Aber es ist trotzdem sinnvoll, wenn man sich mit wichtigen Verbündeten und auch Gegnern halbwegs auf Augenhöhe unterhalten kann - und dazu würde ich heute eher die Chinesen als die Russen zählen. So schwierig ist Chinesisch ja nun auch wieder nicht.

    Und zur Diplomatie gehört auch Höflichkeit: Wenn mich jemand auf einer Fremdsprache fragt, dann beantworte ich seine Frage. Das kann man durchaus auf Deutsch machen, schließlich sollen die anderen Journalisten die Antwort ja auch verstehen. Aber man beantwortet die Frage auf jeden Fall, egal wie.

    • tages
    • 06.10.2009 um 12:27 Uhr

    Ich stimme Ihnen voll zu.

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