DDR im Oktober 1989
Das Wunder von Leipzig
Zehntausende DDR-Bürger auf der Flucht. Unter den Dagebliebenen herrscht Angst vor einer chinesischen Lösung. Warum das befürchtete Massaker vor genau 20 Jahren ausblieb.
© LTM/ Andreas Schmidt

Seit 1982 lud die Nikolaikirche in Leipzig jeden Montag zu Friedensgebeten ein und wurde damit zum Ausgangspunkt der Friedlichen Revolution 1989
"NND?", so begrüßten sich im Oktober 1989 morgens die Kollegen am Arbeitsplatz, die (noch) nicht gen Westen unterwegs waren: "Na, noch da?" In diesen Tagen bestimmte in der DDR die Frage nach Bleiben oder Gehen die Privatgespräche zwischen den Menschen, sofern sie einander trauten.
Die Bürger der DDR ließen sich in diesen Monaten in drei Gruppen teilen: Die erste Gruppe stellten die Ausreisekandidaten, die ihr Glück hinter dem löchrigen Stacheldrahtzaun im ungarischen Sopron oder in der Prager Botschaft vermuteten. Die Flüchtenden hinterließen ihre Autos in den Straßen um die deutsche Vertretung. Sie warfen Ballast im Wald entlang der Staatsgrenze ab: "Kinderwagen lagen in den Gebüschen, sie hinderten bei der Flucht", erinnert sich der damalige Pfarrer Heinz Eggert, der im ostsächsischen Gebirgsort Oybin 130 Meter von der Grenze entfernt wohnte.
Die zweite Gruppe bildeten die überzeugten "Hierbleiber", beseelt von der Überzeugung, Freiheit zu schaffen sei im eigenen Lande möglich. Der Mut der meist jungen, engagierten Menschen übertrug sich auch auf andere Bevölkerungsteile. Die Menschen zeigten erst in Kirchen, dann auf Straßen und Plätzen, dass dieser DDR-Staat nicht mehr ihr Staat war.
Und schließlich gab es noch die dritte Gruppe: die Gegner, die Bonzen, die SED-Staatslenker aus dem Berliner Staats- und Ministerrat, das allmächtige Zentralkomitee und deren engmaschiges Netzwerk bis in Schulen und Betriebe hinein.
Eine Zeitung hatten viele nur wegen des Lokalteils abonniert. Durch die ideologietriefende Bleiwüste der vorderen Seiten mochte sich keiner quälen. "Jeder hat in der DDR seinen Platz", textete die staatstreue CDU-Postille Die Union gegen die Fluchtwelle an. Es war die Ausgabe nach der offiziellen Jubelfeier zum Gründungsjubiläum der sogenannten Republik am 7. Oktober. Über drei Seiten zogen sich die Reden Honeckers und Gorbatschows hin, gehalten zum 40. Jahrestag der DDR. Der im DDR-Untergrund als der neue Reformator verehrte Russe sprach in Berlin auch vom begonnenen Wandel seines eigenen Landes. Honecker trommelte dagegen an: "Vorwärts immer, rückwärts nimmer!"
Doch abseits der großen Schlagzeilen brach sich in den Oktobertagen von 1989 quäntchenweise Pluralismus Bahn. Auf den Leserbriefseiten der Blätter wandelte sich der Ton: Von Zweifeln geplagte Redakteure ließen nun auch abdrucken, dass "in unserer Republik Widersprüche und Probleme herangereift sind". Doch wenige Zeilen weiter begingen die Ausreisekandidaten dann wiederum "Verrat an der Heimat".
Während sich die Staatsführung in Berlin zum DDR-Jahrestag bejubeln ließ, gründete in Schwante, nördlich der Hauptstadt, ein kleiner Kreis von Vordenkern um den heutigen SPD-Politiker Markus Meckel die SDP – die Sozialdemokratische Partei in der DDR. Im westsächsischen Plauen gingen 10.000 Mutige auf die Straße. Tags drauf entstand in Dresden die "Gruppe der 20": Der katholische Geistliche Frank Richter sammelte auf der Prager Straße knapp zwei Dutzend der 20.000 Demonstranten um sich, damit sie am nächsten Tag die Forderungen der Bürger an Oberbürgermeister Berghofer vortragen sollten. Dem Einsatzleiter der Polizei sagte er: "Wir wollen keine Gewalt."
- Datum 9.10.2009 - 10:25 Uhr
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Und schließlich gab es noch die dritte Gruppe: die Gegner, die Bonzen, die SED-Staatslenker aus dem Berliner Staats- und Ministerrat, das allmächtige Zentralkomitee und deren engmaschiges Netzwerk bis in Schulen und Betriebe hinein.
Nein, so einfach war es nicht. Selbst die Mehrzahl der SED-Mitglieder, Funktionäre und selbst MfS-Mitarbeiter waren in Zweifel, Aufruhr und der Meinung, daß sich endlich was ändern müsse, Perestroika überfällig war.
Meinungen gab es viele damals, aber die allermeisten wussten im Oktober, daß es so nicht weitergehen könne.
wahrlich ein großes Wunder. Dank vor allem den Bürgern die in der Hand die brennenden Kerzen hielten. Diese Botschaft hat in den Hirnen der ehemaligen DDR Generäle und Politiker den Zünder zum Draufschlagen und Feuern auf die Menschenmassen herausgezogen. Dürfen wir hier sagen, das die christliche Botschaft auch den modernen Menschen gezeigt hat wozu sie nutze ist?
...ob da nicht ein wenig prozinzielles Wunschdenken in den Worten "Das Wunder von Leipzig" ist. Ein Bisschen sich etwas vormachen, man wäre ein Sonderfall,etwas Besonderes? Immerhin ist ein Satelit nach dem anderen friedlich umgefallen zu der Zeit und Republiken haben sich friedlich von den Soviets getrennt. Die Ausnahmen waren die Situationen, in denen die Armee schoß. Das sieht mir eher aus, als wäre es ein systemischer Prozess friedlichen Zerfalls gewesen. Ich verstehe, dass man dem Leser erzählen will, was er gerne hören mag. Das verkauft sich besser. Aber es erzeugt ein komisches Denken in den Köpfen Derer, die es glauben. Die denken dann ihr Volk wäre etwas Besonderes.
Das kann man sicherlich sehen, wie man mag, aber die Lage zu der Zeit war alles andere als sicher. Wer an den Demonstrationen teilnahm, setzte sich immer einem nicht kalkulierbaren Risiko aus, verhaftet, geschlagen oder auch getötet zu werden. Von daher sollten Sie etwas mehr Respekt vor diesen Menschen zeigen.
"Also, ich weis nicht, ....
...ob da nicht ein wenig prozinzielles Wunschdenken in den Worten 'Das Wunder von Leipzig' ist."
Also ích weiß nicht, ob Ihr Kommentar nicht auf einem heftigen Informationsdefizit beruht! Eigentlich genügt es, den Artikel genau zu lesen: Ausgabe von Schußwaffen, Bereitstellung von Blutkonserven in Krankenhäusern... Das wies auf alles andere als einen friedlichen Verlauf jenes 9. Oktober 1989 hin.
Unter diesen Links des MDR finden Sie Zeitzeugenberichte:
http://www.mdr.de/mdr-fig...
http://www.mdr.de/mediath...
Für uns, die wir die Repressalien und Willkür der DDR-Staatsmacht auch nur im Ansatz kennengelernt und die Szenen der Knüppel und Wasserwerfer gegenüber friedlichen Demonstranten in den Tagen und Wochen zuvor in den westlichen Medien gesehen hatten, ist es absolut ein Wunder, daß die dramatisch zugespitzte Situation, wie in o.g. Dokumentationen beschrieben, eben nicht in Gewalt mündete. 1953, 1956, 1968 usw. hatten anderes gelehrt. Und ich ziehe voller Dankbarkeit den Hut vor all jenen, die damals ihre körperliche Unversehrtheit, ihre Freiheit und sogar ihr Leben riskierten und trotz Angst auf die Straße gingen, sowie vor vor denen, die eine Eskalation der Gewalt - im Klartext: ein Blutbad - verhinderten. Selbst war ich damals 15 und (leider) bei keiner Demonstration dabei, denn ich hatte wirklich Angst!
Mit provinziellem Verklärungsdenken hat das alles nichts zu tun.
Das kann man sicherlich sehen, wie man mag, aber die Lage zu der Zeit war alles andere als sicher. Wer an den Demonstrationen teilnahm, setzte sich immer einem nicht kalkulierbaren Risiko aus, verhaftet, geschlagen oder auch getötet zu werden. Von daher sollten Sie etwas mehr Respekt vor diesen Menschen zeigen.
Beim Lesen diese Artikels bekomme ich wieder die Gänsehauet, die ich vor 20 Jahren im sicheren Westen beim Anblick der Nachrichten aus dem Osten hatte.
Ich habe größte Hochachtung vor allen, die damals in die Kirchen und friedlich auf die Straßen gingen. Ich hätte diesen Mut wohl kaum gehabt!
Das sehe ich ähnlich wie Sie. Was ich mich nur ab und an frage ist, wo heute die Dankbarkeit der Menschen gegenüber der Organisation geblieben ist, unter deren Dach und Obhut sich diese Revolution maßgebend vollziehen konnte: den Kirchen.
Frdl. Gruß
Pf.
ich erinnere mich sehr deutlich. Wie mulmig mir war. Wenn ich am Abend
in's Haus ging u. nach Nordwesten, nach Henningsdorf rüber schaute ...
aus W- Berlin. Hoffentlich knallt es nicht, hoffentlich müßen wir nicht
erleben... Schüsse zu hören, Menschen verletzt schreien zu hören. Zu wissen ... da wird jetzt gestorben u. man kann nicht dazwischen gehen, kann es nicht aufhalten. Dann die befreiende Lösung. Die Mauer ist auf, die Menschen strömen ... u. kein Blut. Heute sehe ich das alles
ohne diese Furcht. Die machte einen blind.
"Also, ich weis nicht, ....
...ob da nicht ein wenig prozinzielles Wunschdenken in den Worten 'Das Wunder von Leipzig' ist."
Also ích weiß nicht, ob Ihr Kommentar nicht auf einem heftigen Informationsdefizit beruht! Eigentlich genügt es, den Artikel genau zu lesen: Ausgabe von Schußwaffen, Bereitstellung von Blutkonserven in Krankenhäusern... Das wies auf alles andere als einen friedlichen Verlauf jenes 9. Oktober 1989 hin.
Unter diesen Links des MDR finden Sie Zeitzeugenberichte:
http://www.mdr.de/mdr-fig...
http://www.mdr.de/mediath...
Für uns, die wir die Repressalien und Willkür der DDR-Staatsmacht auch nur im Ansatz kennengelernt und die Szenen der Knüppel und Wasserwerfer gegenüber friedlichen Demonstranten in den Tagen und Wochen zuvor in den westlichen Medien gesehen hatten, ist es absolut ein Wunder, daß die dramatisch zugespitzte Situation, wie in o.g. Dokumentationen beschrieben, eben nicht in Gewalt mündete. 1953, 1956, 1968 usw. hatten anderes gelehrt. Und ich ziehe voller Dankbarkeit den Hut vor all jenen, die damals ihre körperliche Unversehrtheit, ihre Freiheit und sogar ihr Leben riskierten und trotz Angst auf die Straße gingen, sowie vor vor denen, die eine Eskalation der Gewalt - im Klartext: ein Blutbad - verhinderten. Selbst war ich damals 15 und (leider) bei keiner Demonstration dabei, denn ich hatte wirklich Angst!
Mit provinziellem Verklärungsdenken hat das alles nichts zu tun.
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