DDR im Oktober 1989 Das Wunder von LeipzigSeite 2/2

Denn es herrschte Angst vor einer "chinesischen Lösung", jenem von der DDR-Führung gutgeheißenen Massaker, bei dem Chinas Staatsmacht im Juni 1989 einen Volksaufstand blutig niederschlug. Krankenhäuser hatten auf Anweisung hin schon zuvor Betten frei geräumt, falls Blut fließen sollte. Die Nationale Volksarmee reichte Waffen und scharfe Munition an die Soldaten aus. Gewalt gegen friedliche Demonstranten – oder kriminelle Staatsfeinde, je nach Sichtweise – war einkalkuliert, die Nervosität war entsprechend hoch.

Das lähmte viele, in den Großstädten wie in der Provinz. "Die meisten blieben zu Haus und schauten interessiert oder erschrocken hinter den Gardinen denjenigen hinterher, die den Mut hatten, auf die Straße zu gehen", erinnert sich der Oybiner Pfarrer Eggert an eine Demonstration im ostsächsischen Zittau. Wer dieser Tage abends überraschend nicht nach Hause kam, war mit nicht geringer Wahrscheinlichkeit nach Prag oder Ungarn unterwegs oder von der Polizei "zugeführt", wie die Festnahme der demonstrierenden "Konterrevolutionäre" im Polizeijargon hieß. Auch zur Republik-Jubelfeier hatten Uniformierte massenhaft Demonstranten zusammengeknüppelt und abgeführt, weil sie weitab der staatsoffiziellen Fernsehkameras gegen die verlogene Schau protestierten.

Wer dieser Tage abends überraschend nicht nach Hause kam, war mit nicht geringer Wahrscheinlichkeit nach Prag oder Ungarn unterwegs oder von der Polizei "zugeführt"

Am 9. Oktober überwanden in Leipzig 70.000 Menschen die Furcht und zogen mit Kerzen über den Stadtring, nach einem Friedensgebet in der großen Nikolaikirche. In der Vorwoche waren 10.000 gekommen. Die größte spontane Demonstration seit dem Arbeiteraufstand von 1953 versetzte die Staatsmacht in Starre. Noch schweigend bog die Menge auf den Stadtring ein, schritt vorbei an Hunderten verdatterten Polizisten mitsamt ihrem schweren Gerät. Am 10. Oktober, einem Dienstag, herrschte unter den Ausreisenden und Hierbleibenden Erleichterung darüber, dass es keine Toten gegeben hatte.

Die stille Macht der Demonstranten, das Kerzenlicht, ihr Mantra "Keine Gewalt", ihr anschwellender Ruf "Wir sind das Volk" verhinderten ein Massaker. Der Leipziger Pfarrer Christian Führer spricht heute von einem "Geist der Gewaltlosigkeit", der aus seiner Nikolaikirche auf die Straße wehte. "Armee, Kampfgruppen und Polizei wurden einbezogen, in Gespräche verwickelt, zogen sich zurück." Dieser Geist zerriss die Befehlsketten staatlicher Gewalt und lähmte die Gummiknüppel der Polizei.

In der Rückschau war es auch schlichter Befehlsnotstand, der das Blutvergießen verhinderte. Eine versprochene Rückmeldung der Berliner SED-Führung, wie denn angesichts demonstrierender Massen vorzugehen sei, erreichte keinen der örtlichen Kommandeure. Hinzu kam Beklommenheit, die auch unter den Polizisten, Soldaten und ihren jungen Einsatzleitern herrschte: Der Befehl "Alle sofort raus, zur Waffenkammer", hatte auch Jens Heidenreich schockiert. "Mir wurde ganz anders und ich hatte Angst!", erinnert sich der damalige Volksarmee-Rekrut an den Moment, als er Maschinengewehr samt Munition in Empfang nahm. "Das erste Mal überhaupt war ich damit konfrontiert, in der Armee Kriegsdienst zu leisten." Doch am Ende beschränkten sich die Uniformieren glücklicherweise auf die überflüssige Mission, öffentliche Einrichtungen zu schützen.

Die befehlsgesteuerten Hüter der Staatsmacht begriffen in diesen Tagen, dass sie auf der falschen Seite standen. Der 9. Oktober 1989 war die eigentliche Wende in der DDR, der Nährboden für alles, was danach möglich war: Die offiziell angemeldete Millionen-Demonstration am 4. November auf dem Berliner Alexanderplatz, der Mauerfall, der in der Wiedervereinigung mündete.

Von diesem Tag an trachteten immer mehr Bezirksfürsten danach, Honecker und seinen Stab in die Rente zu schicken. Die Greise von Wandlitz – so nannte man sie, weil sie in der Luxus-Wohnsiedlung nördlich von Berlin residierten, hatten sich isoliert. Die 100.000 von Plauen, Dresden, Leipzig und anderswo bescherten fast 17 Millionen DDR-Bürgern die dauerhafte Freiheit und Momente unbeschreiblichen und unwiederholbaren Glücks.

 
Leser-Kommentare
  1. Und schließlich gab es noch die dritte Gruppe: die Gegner, die Bonzen, die SED-Staatslenker aus dem Berliner Staats- und Ministerrat, das allmächtige Zentralkomitee und deren engmaschiges Netzwerk bis in Schulen und Betriebe hinein.

    Nein, so einfach war es nicht. Selbst die Mehrzahl der SED-Mitglieder, Funktionäre und selbst MfS-Mitarbeiter waren in Zweifel, Aufruhr und der Meinung, daß sich endlich was ändern müsse, Perestroika überfällig war.
    Meinungen gab es viele damals, aber die allermeisten wussten im Oktober, daß es so nicht weitergehen könne.

  2. wahrlich ein großes Wunder. Dank vor allem den Bürgern die in der Hand die brennenden Kerzen hielten. Diese Botschaft hat in den Hirnen der ehemaligen DDR Generäle und Politiker den Zünder zum Draufschlagen und Feuern auf die Menschenmassen herausgezogen. Dürfen wir hier sagen, das die christliche Botschaft auch den modernen Menschen gezeigt hat wozu sie nutze ist?

    • joG
    • 10.10.2009 um 9:19 Uhr

    ...ob da nicht ein wenig prozinzielles Wunschdenken in den Worten "Das Wunder von Leipzig" ist. Ein Bisschen sich etwas vormachen, man wäre ein Sonderfall,etwas Besonderes? Immerhin ist ein Satelit nach dem anderen friedlich umgefallen zu der Zeit und Republiken haben sich friedlich von den Soviets getrennt. Die Ausnahmen waren die Situationen, in denen die Armee schoß. Das sieht mir eher aus, als wäre es ein systemischer Prozess friedlichen Zerfalls gewesen. Ich verstehe, dass man dem Leser erzählen will, was er gerne hören mag. Das verkauft sich besser. Aber es erzeugt ein komisches Denken in den Köpfen Derer, die es glauben. Die denken dann ihr Volk wäre etwas Besonderes.

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    Das kann man sicherlich sehen, wie man mag, aber die Lage zu der Zeit war alles andere als sicher. Wer an den Demonstrationen teilnahm, setzte sich immer einem nicht kalkulierbaren Risiko aus, verhaftet, geschlagen oder auch getötet zu werden. Von daher sollten Sie etwas mehr Respekt vor diesen Menschen zeigen.

    "Also, ich weis nicht, ....
    ...ob da nicht ein wenig prozinzielles Wunschdenken in den Worten 'Das Wunder von Leipzig' ist."
    Also ích weiß nicht, ob Ihr Kommentar nicht auf einem heftigen Informationsdefizit beruht! Eigentlich genügt es, den Artikel genau zu lesen: Ausgabe von Schußwaffen, Bereitstellung von Blutkonserven in Krankenhäusern... Das wies auf alles andere als einen friedlichen Verlauf jenes 9. Oktober 1989 hin.

    Unter diesen Links des MDR finden Sie Zeitzeugenberichte:
    http://www.mdr.de/mdr-fig...
    http://www.mdr.de/mediath...

    Für uns, die wir die Repressalien und Willkür der DDR-Staatsmacht auch nur im Ansatz kennengelernt und die Szenen der Knüppel und Wasserwerfer gegenüber friedlichen Demonstranten in den Tagen und Wochen zuvor in den westlichen Medien gesehen hatten, ist es absolut ein Wunder, daß die dramatisch zugespitzte Situation, wie in o.g. Dokumentationen beschrieben, eben nicht in Gewalt mündete. 1953, 1956, 1968 usw. hatten anderes gelehrt. Und ich ziehe voller Dankbarkeit den Hut vor all jenen, die damals ihre körperliche Unversehrtheit, ihre Freiheit und sogar ihr Leben riskierten und trotz Angst auf die Straße gingen, sowie vor vor denen, die eine Eskalation der Gewalt - im Klartext: ein Blutbad - verhinderten. Selbst war ich damals 15 und (leider) bei keiner Demonstration dabei, denn ich hatte wirklich Angst!
    Mit provinziellem Verklärungsdenken hat das alles nichts zu tun.

    Das kann man sicherlich sehen, wie man mag, aber die Lage zu der Zeit war alles andere als sicher. Wer an den Demonstrationen teilnahm, setzte sich immer einem nicht kalkulierbaren Risiko aus, verhaftet, geschlagen oder auch getötet zu werden. Von daher sollten Sie etwas mehr Respekt vor diesen Menschen zeigen.

    "Also, ich weis nicht, ....
    ...ob da nicht ein wenig prozinzielles Wunschdenken in den Worten 'Das Wunder von Leipzig' ist."
    Also ích weiß nicht, ob Ihr Kommentar nicht auf einem heftigen Informationsdefizit beruht! Eigentlich genügt es, den Artikel genau zu lesen: Ausgabe von Schußwaffen, Bereitstellung von Blutkonserven in Krankenhäusern... Das wies auf alles andere als einen friedlichen Verlauf jenes 9. Oktober 1989 hin.

    Unter diesen Links des MDR finden Sie Zeitzeugenberichte:
    http://www.mdr.de/mdr-fig...
    http://www.mdr.de/mediath...

    Für uns, die wir die Repressalien und Willkür der DDR-Staatsmacht auch nur im Ansatz kennengelernt und die Szenen der Knüppel und Wasserwerfer gegenüber friedlichen Demonstranten in den Tagen und Wochen zuvor in den westlichen Medien gesehen hatten, ist es absolut ein Wunder, daß die dramatisch zugespitzte Situation, wie in o.g. Dokumentationen beschrieben, eben nicht in Gewalt mündete. 1953, 1956, 1968 usw. hatten anderes gelehrt. Und ich ziehe voller Dankbarkeit den Hut vor all jenen, die damals ihre körperliche Unversehrtheit, ihre Freiheit und sogar ihr Leben riskierten und trotz Angst auf die Straße gingen, sowie vor vor denen, die eine Eskalation der Gewalt - im Klartext: ein Blutbad - verhinderten. Selbst war ich damals 15 und (leider) bei keiner Demonstration dabei, denn ich hatte wirklich Angst!
    Mit provinziellem Verklärungsdenken hat das alles nichts zu tun.

  3. 4.

    Das kann man sicherlich sehen, wie man mag, aber die Lage zu der Zeit war alles andere als sicher. Wer an den Demonstrationen teilnahm, setzte sich immer einem nicht kalkulierbaren Risiko aus, verhaftet, geschlagen oder auch getötet zu werden. Von daher sollten Sie etwas mehr Respekt vor diesen Menschen zeigen.

  4. Beim Lesen diese Artikels bekomme ich wieder die Gänsehauet, die ich vor 20 Jahren im sicheren Westen beim Anblick der Nachrichten aus dem Osten hatte.
    Ich habe größte Hochachtung vor allen, die damals in die Kirchen und friedlich auf die Straßen gingen. Ich hätte diesen Mut wohl kaum gehabt!

  5. 6. @ 5

    Das sehe ich ähnlich wie Sie. Was ich mich nur ab und an frage ist, wo heute die Dankbarkeit der Menschen gegenüber der Organisation geblieben ist, unter deren Dach und Obhut sich diese Revolution maßgebend vollziehen konnte: den Kirchen.

    Frdl. Gruß
    Pf.

  6. ich erinnere mich sehr deutlich. Wie mulmig mir war. Wenn ich am Abend
    in's Haus ging u. nach Nordwesten, nach Henningsdorf rüber schaute ...
    aus W- Berlin. Hoffentlich knallt es nicht, hoffentlich müßen wir nicht
    erleben... Schüsse zu hören, Menschen verletzt schreien zu hören. Zu wissen ... da wird jetzt gestorben u. man kann nicht dazwischen gehen, kann es nicht aufhalten. Dann die befreiende Lösung. Die Mauer ist auf, die Menschen strömen ... u. kein Blut. Heute sehe ich das alles
    ohne diese Furcht. Die machte einen blind.

  7. "Also, ich weis nicht, ....
    ...ob da nicht ein wenig prozinzielles Wunschdenken in den Worten 'Das Wunder von Leipzig' ist."
    Also ích weiß nicht, ob Ihr Kommentar nicht auf einem heftigen Informationsdefizit beruht! Eigentlich genügt es, den Artikel genau zu lesen: Ausgabe von Schußwaffen, Bereitstellung von Blutkonserven in Krankenhäusern... Das wies auf alles andere als einen friedlichen Verlauf jenes 9. Oktober 1989 hin.

    Unter diesen Links des MDR finden Sie Zeitzeugenberichte:
    http://www.mdr.de/mdr-fig...
    http://www.mdr.de/mediath...

    Für uns, die wir die Repressalien und Willkür der DDR-Staatsmacht auch nur im Ansatz kennengelernt und die Szenen der Knüppel und Wasserwerfer gegenüber friedlichen Demonstranten in den Tagen und Wochen zuvor in den westlichen Medien gesehen hatten, ist es absolut ein Wunder, daß die dramatisch zugespitzte Situation, wie in o.g. Dokumentationen beschrieben, eben nicht in Gewalt mündete. 1953, 1956, 1968 usw. hatten anderes gelehrt. Und ich ziehe voller Dankbarkeit den Hut vor all jenen, die damals ihre körperliche Unversehrtheit, ihre Freiheit und sogar ihr Leben riskierten und trotz Angst auf die Straße gingen, sowie vor vor denen, die eine Eskalation der Gewalt - im Klartext: ein Blutbad - verhinderten. Selbst war ich damals 15 und (leider) bei keiner Demonstration dabei, denn ich hatte wirklich Angst!
    Mit provinziellem Verklärungsdenken hat das alles nichts zu tun.

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