In der Großstadtkritik des frühen 20. Jahrhunderts verbanden sich gleich mehrere Gedankenfiguren zu einem gefährlichen Amalgam. Die Grundierung war ein Gefühl allgemeinen Niedergangs, als dessen Sinnbild und zugleich ganz reales Zentrum man die moderne Großstadt ausmachte. Hier, so hieß es, verfielen Sitte und Anstand, breiteten sich Kriminalität und Alkoholismus aus. Gekreuzt mit der damals aufblühenden Vererbungslehre und den neuen Rassentheorien ergab sich daraus das Bild einer um sich greifenden Degeneration; das Soziale erschien nun in biologischen Begrifflichkeiten. Als dritter Diskurs schließlich koppelte sich an solche Denkfiguren die verächtliche Rede von der Masse, von der Massengesellschaft und der Vermassung an, sodass sich das Großstadtbild zu einer Schreckensvision verfestigte, in der sich die herrschenden bürgerlichen Klassen nun plötzlich als bedrohte Minderheit, als potenzielle Opfer des allgegenwärtigen Verfalls imaginierten.

Damit wären denn auch die Stichworte genannt: Klasse statt Masse – unter diesem Titel gab Thilo Sarrazin, Mitglied des Bundesbank-Vorstandes und ehemaliger Berliner Finanzsenator, der Zeitschrift Lettre International sein in den vergangenen Tagen viel diskutiertes Interview. Auch in diesem Interview ging es um das Thema Großstadt, in diesem Falle Berlin. Und es ging um den Niedergang dieser Stadt, um ihre Degeneration – auch wenn das Wort nicht fällt (dafür wimmelt es vor atemraubenden Begriffen wie „Unterschichtengeburten“). Es ging schließlich um eine bedrohlich anwachsende und sich vermehrende Masse, der nun endlich Klasse entgegenzusetzen sei – gemeint natürlich im Sinne von Exzellenz und Leistung. Erhellend ist der Doppelsinn des Wortes gleichwohl: Denn Sarrazins Äußerungen über die Migranten- und Unterschichten-Milieus Berlins sind mitnichten nur rassistisch, sondern Ausdruck eines tief sitzenden Klassismus, eines Hasses auf sämtliche unterpriviligierte Schichten, ob nun deutsch, türkisch oder vietnamesisch.

Die Äußerungen Sarrazins über Familien, die „Kopftuchmädchen produzieren“ und Deutschland qua Geburtensteigerung erobern wollen, sind dabei zur Genüge und zu Recht skandalisiert worden. Ordnet man sie nun wieder in den Kontext des Interviews ein, ergibt sich das vollständige Bild – wobei die aus dem Zusammenhang gerissenen Zitate jedoch nicht an Gewicht und Härte verlieren, wie Lettre-Herausgeber und Sarrazin-Interviewer Frank Berberich hofft, wenn er die „skandalgeilen Medien“ ermahnt, doch endlich einmal das gesamte Interview zu lesen. Im Gegenteil: Der Kontext der Interviewantworten zeigt vielmehr, dass es sich eben nicht um einige wenige Ausrutscher und unbedachte Geschmacklosigkeiten handelt, in denen Sarrazin lediglich nicht den richtigen Ton getroffen habe. Nein, der Kontext zeigt, dass seine brutalen, menschenverachtenden Sätze über Migranten seinem Denken absolut stilsicher entsprechen.

Sarrazin: „Die Stadt hat einen produktiven Kreislauf von Menschen, die Arbeit haben und gebraucht werden, ob es Verwaltungsbeamte sind oder Ministerialbeamte. Daneben hat sie einen Teil von Menschen, etwa zwanzig Prozent der Bevölkerung, die nicht ökonomisch gebraucht werden, zwanzig Prozent leben von Hartz IV und Transfereinkommen; bundesweit sind es nur acht bis zehn Prozent. Dieser Teil muss sich auswachsen ...“

Lettre: „Wenn Sie sagen ‚auswachsen’, meinen Sie damit, dass die Leute sterben und sich diese Schicht nicht wieder neu generiert durch Kinder, Enkel usw.?“

Sarrazin: „Niels Bohr hat gesagt, er hat noch nie jemanden kennen gelernt, der seine wissenschaftliche Meinung geändert hat. Wissenschaftliche Meinungen sind immer nur ausgestorben. Und das ist auch sonst so ...“

Was Sarrazin hier entwirft, ist nichts anderes als ein eugenisches Projekt zum „Auswachsen“ unbrauchbaren Lebens. Er schlägt deshalb unter anderem die komplette Streichung von Sozialzuwendungen für Ausländer aus der „Unterschicht“ vor. Der sprachliche Duktus seiner Antworten – vom biologisierenden Bild des „Kreislaufs“ in der Stadtbeschreibung bis hin zur „negativen Auslese“ im folgenden Zitat – könnte rassenbiologischen Schriften entlehnt sein: „Benachteiligte aus bildungsfernen Schichten, davon hat Berlin besonders viele. Es gibt auch keine Methode, diese Leute vernünftig einzubeziehen. Es findet eine fortwährende negative Auslese statt.“

 

Das politische Programm, das sich aus solchem Gedankengut ableitet, lautet sinngemäß: Wer die Armut bekämpfen will, muss die Armen bekämpfen. Denn wo das Soziale auf die biologischen Eigenschaften der Einzelnen zurückgeführt wird, kann es keine Sozial-, sondern nur noch Biopolitik geben. Dass im Gegenzug, in einer irrwitzigen Verkehrung der sozialen Tatsachen, die angeblich darbende Elite endlich vor den degenerierten Massen gerettet werden soll, ist von kaum zu ertragender Fühllosigkeit gegen jene, die in den Augen Sarrazins keine Leistungsträger sind.

Sarrazin: „Ich würde aus Berlin eine Stadt der Elite machen. Das würde voraussetzen, dass unsere Massenuniversitäten nicht weiterhin massenhaft Betriebs- oder Volkswirte, Germanisten, Soziologen ausbilden, sondern konsequent Qualität anstreben. Die Zahl der Studenten sollte gesenkt werden, und nur noch die Besten sollten aufgenommen werden ...“ und weiter: „Die Schulen müssen von unten nach oben anders gestaltet werden. Dazu gehört, den Nichtleistungsträgern zu vermitteln, dass sie ebenso gerne woanders nichts leisten sollten. Ich würde einen völlig anderen Ton anschlagen und sagen: Jeder, der bei uns etwas kann und anstrebt, ist willkommen; der Rest sollte woanders hingehen ... Die Medien sind orientiert auf die soziale Problematik, aber türkische Wärmestuben können die Stadt nicht vorantreiben.“

Die „türkischen Wärmestuben“ verpesten der Elite das Eisesklima, in dem sie erst so recht gedeihen kann. Aus Sarrazins zutiefst undemokratischen Aussagen spricht somit nicht nur eine Frösteln machende Erbarmungslosigkeit und die Bereitschaft, Menschen bis aufs Letzte zu verdinglichen. Im verächtlich gebrauchten Bild der „türkischen Wärmestube“ scheint auch eine beunruhigende Parallele zweier Vorurteilsmuster auf – des rassistischen und desjenigen gegen die seit Jahren diffamierte „Unterschicht“. Seine Argumentation entlarvt in letzter Konsequenz, dass sich das neoliberale Projekt einer Umverteilung von unten nach oben offenbar nur noch mit einem Appell an niedere, strukturell rassistische Instinkte durchsetzen lässt.

Unverhohlen appelliert Thilo Sarrazin an den Bourgeois im Leistungsbürger, so wie jüngst der neurechte Ungleichheits-Ideologe Peter Sloterdijk, der natürlich prompt applaudiert hat. Ebenso unverhohlen empfiehlt er, nicht die Armut abzuschaffen, sondern die Armen, die sie angeblich weitervererben. Sarrazins Lettre-Antworten offenbaren somit nichts anderes als eine aggressiv zur Schau gestellte Lust an der sozialen Verantwortungslosigkeit im Interesse der eigenen Klasse, der „Elite“. Die Stadt – in Sarrazins Fall Berlin – ist wie im völkisch-elitären Degenerationsdiskurs um 1900 nicht viel mehr als eine Projektionsfläche der eigenen Niedergangsängste. Würde sie tatsächlich zum Experimentierfeld seiner „Auswachsungs“-Vision – sie würde sich in eine Horrorvision ihrer selbst verwandeln: in ein schickes Ödland, in dem, um Sarrazin selbst zu paraphrasieren, nur noch gearbeitet wird und keiner mehr lebt.