Sarrazin-Interview Schickes Ödland GroßstadtSeite 2/2
Das politische Programm, das sich aus solchem Gedankengut ableitet, lautet sinngemäß: Wer die Armut bekämpfen will, muss die Armen bekämpfen. Denn wo das Soziale auf die biologischen Eigenschaften der Einzelnen zurückgeführt wird, kann es keine Sozial-, sondern nur noch Biopolitik geben. Dass im Gegenzug, in einer irrwitzigen Verkehrung der sozialen Tatsachen, die angeblich darbende Elite endlich vor den degenerierten Massen gerettet werden soll, ist von kaum zu ertragender Fühllosigkeit gegen jene, die in den Augen Sarrazins keine Leistungsträger sind.
Sarrazin: „Ich würde aus Berlin eine Stadt der Elite machen. Das würde voraussetzen, dass unsere Massenuniversitäten nicht weiterhin massenhaft Betriebs- oder Volkswirte, Germanisten, Soziologen ausbilden, sondern konsequent Qualität anstreben. Die Zahl der Studenten sollte gesenkt werden, und nur noch die Besten sollten aufgenommen werden ...“ und weiter: „Die Schulen müssen von unten nach oben anders gestaltet werden. Dazu gehört, den Nichtleistungsträgern zu vermitteln, dass sie ebenso gerne woanders nichts leisten sollten. Ich würde einen völlig anderen Ton anschlagen und sagen: Jeder, der bei uns etwas kann und anstrebt, ist willkommen; der Rest sollte woanders hingehen ... Die Medien sind orientiert auf die soziale Problematik, aber türkische Wärmestuben können die Stadt nicht vorantreiben.“
Die „türkischen Wärmestuben“ verpesten der Elite das Eisesklima, in dem sie erst so recht gedeihen kann. Aus Sarrazins zutiefst undemokratischen Aussagen spricht somit nicht nur eine Frösteln machende Erbarmungslosigkeit und die Bereitschaft, Menschen bis aufs Letzte zu verdinglichen. Im verächtlich gebrauchten Bild der „türkischen Wärmestube“ scheint auch eine beunruhigende Parallele zweier Vorurteilsmuster auf – des rassistischen und desjenigen gegen die seit Jahren diffamierte „Unterschicht“. Seine Argumentation entlarvt in letzter Konsequenz, dass sich das neoliberale Projekt einer Umverteilung von unten nach oben offenbar nur noch mit einem Appell an niedere, strukturell rassistische Instinkte durchsetzen lässt.
Unverhohlen appelliert Thilo Sarrazin an den Bourgeois im Leistungsbürger, so wie jüngst der neurechte Ungleichheits-Ideologe Peter Sloterdijk, der natürlich prompt applaudiert hat. Ebenso unverhohlen empfiehlt er, nicht die Armut abzuschaffen, sondern die Armen, die sie angeblich weitervererben. Sarrazins Lettre-Antworten offenbaren somit nichts anderes als eine aggressiv zur Schau gestellte Lust an der sozialen Verantwortungslosigkeit im Interesse der eigenen Klasse, der „Elite“. Die Stadt – in Sarrazins Fall Berlin – ist wie im völkisch-elitären Degenerationsdiskurs um 1900 nicht viel mehr als eine Projektionsfläche der eigenen Niedergangsängste. Würde sie tatsächlich zum Experimentierfeld seiner „Auswachsungs“-Vision – sie würde sich in eine Horrorvision ihrer selbst verwandeln: in ein schickes Ödland, in dem, um Sarrazin selbst zu paraphrasieren, nur noch gearbeitet wird und keiner mehr lebt.
- Datum 28.10.2009 - 13:41 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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