Eigentlich wollte ich Gynäkologin werden, aber ich gehöre zu den geburtenstarken Jahrgängen und fand keine Stelle. Mein Examen war nicht gerade das beste, ich war froh, dass ich überhaupt bestanden hatte. Eine Doktorarbeit hatte ich zwar angefangen, aber dann, statt sie zu beenden, mein zweites Kind bekommen. So nahm ich die erste und einzige Stelle an, die mir angeboten wurde. Es war eine Assistenzarztstelle für Anästhesie, und dass sie in einem Bundeswehrkrankenhaus war, machte für mich keinen Unterschied. Es lag in meiner Heimatstadt, und ich konnte die Kinder vorher zur Kindertagesstätte bringen. Von Auslandseinsätzen war damals noch keine Rede. Die Bundeswehr war dort in den zivilen Rettungsdienst integriert, ich wurde dafür ausgebildet und ging völlig in dieser Arbeit auf. Dass ich dadurch, ganz nebenbei, Soldat geworden war, hatte ich kaum bemerkt.

Ich fuhr Notarztwagen für die Bundeswehr, später für das Deutsche Rote Kreuz, die Johanniter-Unfall-Hilfe, die Malteser, den Arbeiter-Samariter-Bund, war Notärztin bei Motocross- und Kickbox-Veranstaltungen, machte Rettungsflüge mit Hubschraubern, Learjets und Rückholtransporte für die Lufthansa.

Mein privates Leben wurde durch zwei weitere Kinder bereichert, doch auch ihr Vater blieb nicht. Ich wollte meine Kinder sehen und an ihrem Alltag teilhaben, also arbeitete ich am Wochenende, wenn sie bei ihrer Oma sein konnten, und nachts, wenn sie schliefen.

Nachts, wenn es dunkel ist und kalt. Wenn die Menschen am deutlichsten merken, dass sie allein sind und von innen heraus frieren. Wenn sie verzweifelt sind, kein Licht in der Dunkelheit sehen im wahrsten Sinne des Wortes. Dann wollen sie nicht mehr leben, legen sich einen Strick um den Hals, springen aus dem vierten Stock, werfen sich vor einen Schnellzug. Nachts, wenn sie müde und abgearbeitet sind, dann streiten sie sich mit ihrem Lebensgefährten oder Geschäftspartner und greifen auch mal zum Messer oder zur Pistole. Nachts entdecken sie, dass sie betrogen werden, betäuben ihre Frustration mit Alkohol und Tabletten.

Ungefähr um zwei Uhr morgens haben Menschen auch ihren biologischen Tiefpunkt, wachen auf mit Brustschmerzen und bekommen einen Herzinfarkt. Nachts setzen die Wehen ein, oder die Fruchtblase platzt. Nachts wollen sie nach Hause, auch wenn sie betrunken sind und nicht mehr fahren können, und landen im Straßengraben. Ihnen zu helfen, sie zu retten und am Leben zu erhalten, bis sie im Krankenhaus angekommen waren, das war mein Job als Notärztin, und die Bilder, die ich dabei gesehen hatte, prägten sich tief in mein Gedächtnis ein.

Die vielen schmutzigen, nach Mottenkugeln, kaltem Rauch und billigem Alkohol stinkenden Wohnungen, verwahrloste Alte, vernachlässigte Kinder, misshandelte Frauen, Junkies auf schmutzigen Bahnhofstoiletten. Übelriechende Leichen, die erst nach Tagen gefunden wurden, junge Menschen, alkoholisiert mit Motorrädern oder in kleinen alten Autos aus dünnem Blech verunglückt, querschnittsgelähmt, beinamputiert. Die Verzweifelten,
die keine Hoffnung mehr sahen, die mit einem Seil um den Hals von der Zimmerdecke oder dem Ast eines Baumes abgeschnitten werden mussten, mit kalten, starren Gliedmaßen und weißen, verzerrten Gesichtern, die nicht einmal im Tod Frieden gefunden hatten.

All die Schwerkranken, denen ich nicht mehr hatte helfen können, Babys, die morgens tot im Bett lagen, Kinder unter Chemotherapie, die mich mit großen Augen aus ihren haarlosen Köpfen heraus vertrauensvoll anschauten. Wie viele Hinterbliebene habe ich getröstet, an wie vielen Sterbebetten Hände gehalten. So viele Bilder von Schmerz und Trauer, hervorgerufen durch Krankheit, Gewalt und Gleichgültigkeit. Und immer wieder, endgültig und unabwendbar, der Tod. Eine zwanzigjährige Tätigkeit als Notärztin hinterließ mir diese Erinnerungen.