November 1989 Das Ende der AngstSeite 2/2

Die andere sind die Reden. Bis heute klingen manche Sätze im Ohr, wie Hammerschläge gegen das verknöcherte System und gegen die Mauer. Hier wollen die meisten zur Reisefreiheit noch eine andere, modernere, von Parteidiktatur befreite DDR. "Stell dir vor, es ist Sozialismus und keiner geht weg!" ruft Christa Wolf. Und "der Nestor unserer Bewegung", Stefan Heym, formuliert unsere Gedanken in einem einzigen Satz: "Es ist, als habe einer die Fenster aufgestoßen nach all den Jahren der Stagnation, der geistigen, wirtschaftlichen, politischen, den Jahren von Dumpfheit und Mief und bürokratischer Willkür, von amtlicher Blindheit und Taubheit." Orkanartiger Beifall. Der wiederholt sich, als die Schauspielerin Steffi Spira für ihre Enkel wünscht, dass sie ohne Fahnenappell aufwachsen, dass die greisen Führer zurücktreten und dass – nach Brechts Lob der Dialektik – "Aus Niemals wird: Heute noch!"

20 Jahre später spricht Jens Reich von einem grandiosen Happening, für Friedrich Schorlemmer vollendete sich bei dieser öffentlichen Delegitimation der Herrschenden durch das Volk die friedliche Oktoberrevolution, und Schauspielerin Johanna Schall sagt, dass sie nach diesem "euphorischen Tag mit Disziplin und Anarchie" nie wieder so viele wunderbar stolze Deutsche gesehen habe. Unvergessliche Stunden. Fünf Tage noch – dann drückt das Volk die Mauer ein.

Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 03.11.2009

 
Leser-Kommentare
    • colca
    • 04.11.2009 um 13:08 Uhr

    Ich bin froh, damals dabei gewesen zu sein. Der 4.November 1989 ist meine schönste politische Erinnerung, viel bewegender als der 9.November.
    Auf dem Alexanderplatz waren Hunderttausende, die voller Selbstbewusstsein und Stolz Demokratie, Rede- und Reisefreiheit einforderten und den angemaßten Führungsanspruch der SED endgültig wegfegten. Das hatte nichts mit den nach Begrüßungsgeld und Bananen anstehenden Ostlern zu tun, die 5 Tage später die öffentliche Wahrnehmung beherrschten. Die meisten von denen waren am 4.11. mit Sicherheit zu Hause geblieben.
    Der 4.11.89 war ein wunderbarer Augenblick gerader Rücken und offener Aussprache als Massenbewegung - ein in der deutschen Geschichte eher seltenes Phänomen. Ich würde mir für die Gegenwart etwas mehr davon wünschen, aber offenbar sind die Probleme noch nicht akut genug.

  1. Anfang der 80er Jahre waren wir noch alle überzeugt, daß nichts und niemand die festgefahrenen Fronten zwischen Ost und West je überwinden könnte. Und dann diese neu gewonnene Freiheit, nicht nur für Ostdeutschland, sondern für den gesamten ehemaligen Ostblock. Aus heutiger Sicht ist es fast ein Wunder, daß alles so reibungslos und ohne Blutvergießen ablief. Helmut Kohl, George Bush und vor allem Michail Gorbatschow haben sich damit für alle Zeit ein Denkmal gesetzt.

  2. Das Foto zeigt die Gruner Straße, die direkt hinterm Roten Rathaus liegt. Deutlich zu erkennen an der rechten Bildseite sind die Kirchtürme der Nikolaikirche, die an der Ecke Mühlendamm/Spandauer Straße im Nikolaiviertel steht.

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