Zum Tod von Erich Böhme

Bequem ging es nicht

Der langjährige "Spiegel"-Chefredakteur Erich Böhme ist im Alter von 79 Jahren gestorben. Er war einer der einflussreichsten deutschen Journalisten. Bequem machte er es sich und anderen nicht.

Erich Böhme, ehemaliger Spiegel-Chefredakteur und Fernseh-Talkmaster, ist im Alter von 79 Jahren verstorben

Erich Böhme, ehemaliger Spiegel-Chefredakteur und Fernseh-Talkmaster, ist im Alter von 79 Jahren verstorben

"Urgestein", dieses so oft und oft so schnell hingeworfene Prädikat, hier hat es seine ureigenste Berechtigung. Denn Erich Böhme ist tot; ein Journalist, der 17 Jahre lang Chefredakteur beim Spiegel war, ein Journalist, der die politische Talkshow im deutschen Fernsehen begründet hat. Ein Mann, wie er im Lehrbuch der aufgeklärten wie aufklärerischen Publizistik zu stehen hat.

Anzeige

Bei den wesentlichen Bedingungen für solchen Erfolg, eine profunde journalistische Ausbildung und eine gehörige Portion an Lebenserfahrung, konnte dem diplomierten Nationalökonomen Erich Böhme kaum jemand das Wasser reichen. 1958 wechselte der Hesse, geboren am 8. Februar 1930 in Frankfurt am Main, von der Deutschen Zeitung zu dem publizistischen Zentralorgan der Bundesrepublik, zum Spiegel, auf eine Empfehlung seines Freundes Günter Gaus hin. Er wurde Wirtschaftskorrespondent in der Bonner Redaktion, deren Leitung er 1969 übernahm. Bereits vier Jahre später folgte er Gaus als Spiegel-Chefredakteur.

Böhme war gesuchter Gesprächspartner aller deutscher Wirtschaftsminister von Ludwig Erhard (CDU) bis Helmut Haussmann (FDP) und mehrerer Bundeskanzler, unter ihnen Willy Brandt, mit dem ihn eine "Spaziergänger-Freundschaft" verband.

Daneben befestigte er den Ruf des Spiegel als "Enthüllungsjournal". Von der Affäre um die HS-30-Schützenpanzer in den 60er Jahren bis zum Fall des schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Uwe Barschel im Jahr 1987. Auch Spiegel-Herausgeber Rudolf Augstein zweifelte am Wirklichkeitsgehalt der Geschichte (und an seinem Chefredakteur), doch Böhme drückte die Titelgeschichte durch. Als die wahre Dimension offenbar wurde, konnte Böhme den Politskandal als einen, wenn nicht als den Höhepunkt seiner Karriere einstufen.

17 Jahre lang war er der Chefredakteur des Nachrichtenmagazins, bei aller Zugeneigtheit zu seiner Redaktion kein bequemer Mann, wie Wegbegleiter und Beobachter sagen, immer bereit, mit dem noch unbequemeren Augstein den Konflikt nicht zu scheuen. Publizistische Nachhaltigkeit, ein Heft in voller wirtschaftlicher Auflagenblüte hinderten Böhme Ende 1989 nicht, um die Auflösung seines Vertrages zu bitten. Im Herbst des Wendejahres hatte Böhme im Spiegel kernig formuliert: "Ich möchte nicht wiedervereinigt werden." Augstein konterte schnell und kontrovers: "Ich will wiedervereinigt oder neu vereinigt werden." Es kam zur Trennung. "Mit Augstein", so sagte Böhme später, "kann man sich gut vertragen, wenn man eines respektiert: seinen Primat als Eigentümer und Herausgeber des Spiegel". Augstein selbst diktierte der Zeitschrift Tempo 1993: "Schreiben Sie: Ich vermisse ihn sehr."

Da arbeitete Erich Böhme schon als Herausgeber der Berliner Zeitung. Bis Dezember 1994 war er das, sein "deutsches Abenteuer" hat er das genannt. Böhme agierte nicht als die West-Axt im journalistischen Ost-Wald. "Klimamaschine" wurde ihm nachgerufen, so wie er den Umbau des SED-Bezirksblatts in eine unabhängige Tageszeitung mit ehrgeiziger Redaktion bewerkstelligte. Die Washington Post, die er wollte, die bekam er dann doch nicht hin. Erich Böhme konnte mit Menschen, seine Jovialität verband sich mit der Hingabe zum Genuss und Geschmack, ein "Herr" wäre er gerne gewesen, ein "hessisches Schlappmaul" (B. über B.) ist er geblieben.

Der Zeitungsmann landete beim Fernsehen, eine Laufbahn, die nur wenigen vorbehalten war. Der "Talk im Turm", später "Der Grüne Salon", dann der "Talk in Berlin", alles Sendungen im privaten Fernsehen. Da führte Böhme, freundlich bis maliziös lächelnd, die unterschiedlichsten Gäste zu oft harschen Auseinandersetzungen. Pragmatisch, unideologisch, mit klarstem Blick auf die Zusammenhänge, aber der Chef im Ring, so drehte sich Böhme in seinen Runden und so drehte er seine Brille. Der größte Fehler war, seinen weichen Tonfall, seine Menschenfreundlichkeit mit intellektueller Gemütlichkeit zu verwechseln. Lange konnte er warten, bis er zuschnappte, die Pointe machte, die Hierarchie erneuerte.

Anzeige
Leser-Kommentare

  1. Mit Erich Böhme ist ein Journalist gestorben, den ich persönlich sehr schätze, in Erinnerung ist er mir vor allem von "Talk im Turm"´- eine Talkshow, die sich so wohltuend abhob von ihresgleichen. Erich Böhme drängte sich da nicht in den Fordergrund und versuchte nicht, seine Gäste in ein vorgefertigtes Gesprächskonzept zu pressen und mit vorüberlegten Fragen in die richtige Richtung zu lenken, nein, er ließ das Gespräch sich entwickeln. Ich werde Erich Böhme immer in guter Erinnerung behalten, schade, daß er gestorben ist. Hoffentlich bleibt er als Vorbild für viele Journalisten als Inspirationsquelle erhalten - auch über seinen Tod hinaus.

  2. Journalisten zu haben die aufräumen mit den vielen Tageslügen
    ist wie die Pflanzen auf dem Acker von schädlichen Unkraut zu befreien.---------------- Erich Böhme, war so einer.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren
  • Von Joachim Huber
  • Datum 28.11.2009 - 20:14 Uhr
  • Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE, Tagesspiegel
  • Kommentare 2
  • Empfehlen E-Mail verschicken | Bookmarks
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Schlagworte Medien | Journalist | Tod
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service