Schwarz-Gelb
Die neuen Zeitgeistprediger
Die Protagonisten schwarz-gelber Gesinnung geben sich gern bürgerlich-modern – und sind doch in Wirklichkeit reaktionär.
© Schroewig/dpa

Mitglieder der neuen schwarz-gelben Bougeoisie: Der Modeschöpfer Wolfgang Joop nebst Außenminister und FDP-Chef Guido Westerwelle
Jeder Regierungswechsel ging bisher mit dem Versuch einher, den Zeitgeist neu zu definieren. Unter Helmut Kohl war es die pathetisch angekündigte "geistig-moralische Wende", unter Rot-Grün die vage Idee einer "neuen Mitte". Auch die Propagandisten der frisch gewählten Regierungskoalition – unter ihnen Peter Sloterdijk, Norbert Bolz und Steffen Burkhardt – scheinen den Wahlsieg in eine längerfristige kulturelle Hegemonie überführen zu wollen und basteln bereits an einer neuen Leitkultur.
Im Mittelpunkt steht ihre Definition von Bürgertum, von Bürgerlichkeit. Diesen gegenwärtig ebenso diffusen wie auratisch aufgeladenen Begriff für sich und die eigene Imagepolitik zu monopolisieren, bietet sich insofern an, als er sozialgeschichtlich betrachtet einem starken Wandel unterworfen war. War das Bürgertum früher vom Adel und Klerus sowie von Bauern und Arbeitern abgegrenzt, ist seine soziotypologische Einordnung heute nicht mehr festgelegt und ist, wie der Berliner Feuilletonist Harald Jähner äußert, zu einer Art "Wunschidentität" geworden. "Der Trend heißt bürgerlich, seit Längerem schon. Seit die ehemaligen Hausbesetzer und Steinewerfer der APO die Zivilgesellschaft für sich entdeckten, also spätestens seit der Wende, erlebt das Bürgerliche ein Comeback", konstatiert Jähner.
Doch während dem Bürgertum bisher Vertreter unterschiedlicher politischer Couleur angehörten, versuchen die neuen Regierungssouffleure nun zu statuieren, dass eine schwarz-gelbe Gesinnung – womit nicht zuletzt auch eine bestimmte Einkommenshöhe gemeint ist – darüber Aufschluss gibt, ob sich jemand zum Bürgertum zählen darf oder nicht. Vor allem wird dabei auf die Creative Class abgezielt, die zunehmend als einflussreiche und finanzstarke sozioökonomische Gruppe entdeckt wird.
In seinem atemberaubend anmaßenden Essay Mit uns zieht die neue Zeit – So lebt und liebt die neue ‚Generation Mitte’ meint der Kunsthistoriker und Kommunikationswissenschaftler Steffen Burkhardt so ziemlich alles, was seit einigen Jahren, in manchen Fällen seit der Wende, an Schönem, Geschmackvollem und Originellem en vogue ist, für eine Hervorbringung schwarz-gelber Provenienz zu halten. "Man residiert in Altbauwohnungen und Villen, Lofts und Bunkern, gespickt mit Vintage-Klassikern, die bei eBay ersteigert wurden", weiß Herr Burkhardt.
Richtig, antworten die Wähler verschiedenster Parteien. Auch die "neue individualistische Kultur" findet bei ihm Erwähnung – dies ist ebenso ein bekannter, soziologischer Post-Wendebefund und hat nichts mit dem erfundenen schwarz-gelben Zeitgeist zu tun. Der Versuch der Vereinnahmung ist jedoch dreist: Individualistisch gesinnte Kulturleistungsträger wie Jonathan Meese, Norbert Bisky oder Marc Brandenburg gelten plötzlich, ob sie wollen oder nicht, als Repräsentanten der neuen Regierung.
Wenn Burkhardt über das neue Bürgertum behauptet: "Die einst generationell sinnstiftende Gattung der Popmusik wird abgelöst durch ein Faible für zeitgenössische Kunst" drückt sich darin nichts anderes aus als eine Abgrenzung der Geldbürger gegenüber den weniger wohlhabenden Teilen der Bevölkerung, die sich zwar CDs leisten können, aber keine Gemäldeankäufe. Plötzlich gibt es ein neues Ausschlusskriterium, bei dem es nicht wirklich um künstlerische Qualität geht, die sich selbstverständlich genauso in der Pop- und Rockmusik wie auch in der Neuen Musik (die es für Burkhardt nicht zu geben scheint) findet wie in der gegenwärtigen Malerei.
Entscheidend ist offenbar nicht der Kunstgehalt, das Kunstwerk an sich, sondern der Geldbeutel. Entscheidend ist nicht die Liebe zur Kunst, sondern nur ein zum Trend ausgerufener Lebensstil, zu dem Kunstbesitz dazugehört wie gutes Essen und das richtige Outfit. Wichtiger als die Liebe zur Kunst ist der Besitz der Kunst – kurz: Der Umgang mit Kunst verkommt zur Lifestyle-Attitüde.
- Datum 20.11.2009 - 12:27 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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...als Geist!
Armes Deutschland.
das waren schon fast immer Spinner, die in einer Wunschwelt leben, aber die wahren Verhältnisse nicht kennen. Der letzte Absatz des Zeit-Artikels dazu sagt wirklich alles deutlich aus. Ich fürchte allerdings, daß auch kein aktueller Politiker der Regierung dies wirklich begreift. Das Foto zum Artikel ist mehr als bezeichnend. Doch wie die Geschichte bereits öfter lehrte, irgendwann schlägt das Imperium der ignorierten Schichten erbarmungslos zurück, auch diesmal.
So sehr es mich freut, dass die Presse die elitäre fast schon menschenverachtende Attitüde von schwarz/gelb nun endlich erkennt un beim Namen nennt,
frage ich mich doch...
Warum erst nach der Wahl???
Vielen Dank für diesen Kommentar!
Er spricht mir aus der Seele.
Gerade das über das Sloterdijksche Pamphlet so intensiv diskutiert wird / werden muss, sagt viel über den Zustand dieser Gesellschaft aus.
Wo Individualisierung nur noch als mehr Egoismus, Egozentrik und mehr Ellbogen begriffen wird, da blubbern eben auch solch anachronistischen Forderungen wie giftige Gasblasen an die Oberfläche eines Sees.
wie eine Gesellschaft zu egalitaer sein kann? Ist es nicht das angestrebte Ziel jeder Gesellschaft (abgesehen von dem, was so vor 60 Jahren hier war) eine Egalitaet herzustellen, d.h. jeden Menschen gleich zu behandeln und anzusehen?
"Nirgendwo in Europa, außer in Lettland, sind die sozialen Schichten so wenig durchlässig wie hier, dennoch wird stur behauptet, unsere Gesellschaft sei zu egalitär geworden, bei uns würde dem Gleichheitsgedanken zuviel Bedeutung beigemessen."
...Und als naechstes wird der Gutmnesch eingefuehert oder wir besinnen uns auf Gesellschaftsklassiker, wie schoene neue Welt. Huxlex hatte doch Recht. Hooray wir kommen, Klassengesellschaft.
Die Gesellschaft ist dann zu egalitär, wenn der "Elite", die, wie hier, aus einem quasi-aristokratischen Zirkel besteht, zu viele Außenseiter Konkurrenz machen. Das haben Schröder und Fischer nicht kapiert: Es reicht nicht, sich in Worten und Taten anzubiedern (in der Hinsicht haben die zwei ja nichts falsch gemacht: Umverteilung von unten nach oben war auch schon unter Rot-Grün Programm), sondern man muss eben aus einem guten Stall sein - von der Leyen und zu Guttenberg sind es auf jeden Fall, deshalb sind das ja laut Bild und Bunte die Stars der Manege.
Es ist eben wie bei der letzten großen Krise: In der Krise wählt der Deutsche reaktionär, wird sie schlimmer, wählt er faschistisch. Na, mal sehen, wohin uns Schwarz-Geld diesmal reiten.
Das war ja wieder mal mit der Brechstnge. Im Kultur- einschließlich Design und Outfit der Frauen können Sie doch alle Farben einsetzen. Und im Sozialbereich ist vielleicht wieder Redeerlaubnis ausser bei denen, dei Hartz IV gebastelt haben.
Und ob die ehemalige Apoleute Scharz gelb gewählt haben? Im Moment bleibt als Zeitgeist nur der Appell an die Leistungsbereitschaft. Ja was denn sonst, wenn Kurzform sein soll. Wir haben 30 Jahr linken Zeitgeist ertragen. jetzt schaffen wir das auch noch.
Ohne so was kommt der Deutsche eh nicht aus, seit dem die Religionen als Sinnstifer abgesetzt wurden.
Lauter bitte! Damit es niemand überhören kann!
es scheint als wäre die Autorin beleidigt, dass Sie nicht zu dieser Elite gehören darf.
Aber wer will das?
Wer will schon mit diesen Steuerhinterziehern, selbsterklärten Superleistungsträgern mit aus Steuergeldern bezahlten Professorenstühlen, Egoisten und ImmerIch's in einem Atemzug genannt werden?
Wäre ich auf einem Fest geladen auf dem Herr Westerwelle den Raum betritt wäre zur Gewissheit geworden was mir den Schlaf in dunklen Nächten raubt.
Mein Leben ist verfehlt, es bleibt nur noch Selbstmord.
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